science@fiction

Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 3/01 vom 13.06.2001

Warum redet eigentlich niemand von den Dissertanten? Warum ist in der Diskussion über die Studiengebühren nie erwähnt worden, wie ungerecht es ist, dass gerade jene, die ihr Studium längst abgeschlossen haben und sich nun auf eigene Rechnung und eigenes Risiko einem über viele Jahre ausgedehnten Projekt widmen, das Gleiche bezahlen sollen wie jene, die noch das volle Angebot an Lehrveranstaltungen nutzen?

Um es klar zu sagen: Die Universität tut nichts mehr für Dissertanten, Dissertanten tun etwas für die Universität. Ihre Resultate kommen ihrem Institut zugute; ja mehr noch, die Arbeit mancher Institute würde ohne das Engagement ihrer forschenden Absolventen überhaupt zum Erliegen kommen. Und wer als Gegenargument die aufopferungsvolle Betreuung anführt, die Doktoranden angeblich zuteil wird, weiß wirklich noch weniger von der diesbezüglichen Praxis, als es selbst Politikern zu- zugestehen ist. Sogar jene, die grundsätzlich für diese Gebühren sind (angeblich soll es sie ja geben, irgendwo dort draußen), müssten sofort die Ungerechtigkeit sehen, die darin liegt, dass häufig schon im Berufsleben stehende Menschen, die für ihre Universität und (ja, auch das) ihren Staat freiwillig eine Leistung erbringen, dafür so unverhohlen und grundlos bestraft werden.

Schon jetzt entscheiden sich weniger Studenten als früher für eine Dissertation; und viele von ihnen überlegen sich mit Recht, ins Ausland zu gehen. Rühmlicherweise hat der Wissenschaftsfonds seine Förderungen für Doktorarbeiten exakt um den Betrag der Studiengebühren angehoben, nicht aus Warmherzigkeit, sondern schlicht mit der Absicht, wenigstens den ihm erreichbaren Teil des akademischen Nachwuchses im Land zu halten; doch an der Situation selbst ändert das nicht viel, die meisten Dissertationen werden nicht gefördert. Und, seien wir doch ehrlich, das Problem interessiert im Grunde niemanden: Es handelt sich ja bloß um eine Ungerechtigkeit unter vielen, sie betrifft nur wenige einer Minderheit, und als Folge davon wird dieses Land nur noch ein bisschen provinzieller werden, als es ohnehin ist. Man müsste schon, würden einem die Zuständigen wohl sagen, ein Gelehrter sein, um es zu bemerken. Mindestens aber ein Doktor.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige