Leichen im Karteikeller

Die Einführung der Studiengebühren bedeutet für Tausende von (Schein-)inskribenten auch das formale Ende ihrer Unikarriere. Die ohnehin schon niedrige Studierendenquote in Österreich wird noch weiter zurückgehen. Fragt sich nur, wie viele tatsächlich exmatrikulieren werden - und warum sie oft jahrelang studieninaktiv waren.

Text: Robert Czepel | aus HEUREKA 3/01 vom 13.06.2001

Lebende Leichen. Wenn Ulla am Ende eines normalen Arbeitstages ihr Büro verlässt, haben die meisten österreichischen Arbeitnehmer schon ein gutes Stück Freizeit hinter sich gebracht. Vor 19 Uhr kommt sie so gut wie nie nach Hause, meist wird es 20 Uhr und später. Trotzdem möchte die inskribierte Architekturstudentin die eine oder andere Vorlesung besuchen - um dem Abschluss ihres Studiums näher zu kommen.

Doch um diese Zeit sind an österreichischen Hochschulen die Seminarräume geschlossen und die Gänge verdunkelt. Folglich nimmt Ulla kaum am universitären Betrieb teil, sie ist im Jargon der Universitätsstatistiker eine "Karteileiche".

Ganz ähnlich der Maschinenbaustudent Jan: Er arbeitet bei einem US-amerikanischen Softwarehersteller, besuchte letzten Winter aus Interesse eine Vorlesung zu darstellender Geometrie, fand aber dieses Semester noch keine Zeit, eine Lehrveranstaltung zu belegen. Allerdings hat Jan nicht mehr vor, sein Studium zu beenden. Er ist, wie Ulla, seit Jahren voll ins Berufsleben integriert.

Ausnahme oder Regel? Im Sommer 2000 gelangten Daten einer internen Berechnung des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur an die Öffentlichkeit, die Letzteres vermuten lassen: Demnach legten bloß die Hälfte der Studenten Prüfungen ab, in manchen Studienrichtungen seien sogar nur zehn Prozent der Hörer aktiv.

Blick fürs Detail. Auf den ersten Blick fügt sich diese Meldung nahtlos in das negative Bild, das sich die Österreicher von ihrem Hochschulsystem und der Studentenschaft zu machen pflegen. Der Akademikeranteil liegt EU-weit bei 21 Prozent, Österreich bildet mit einem Wert von elf Prozent neben Italien und Portugal das Schlusslicht in der Union. Laut dem Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft hat Österreich mit 7,4 Jahren die weltweit (!) längste Studiendauer, während Hochschüler in Großbritannien, Belgien oder Japan ihr Studium bereits mit 22 Jahren abschlössen.

Doch Grund für mediale Selbstzerfleischung ist nur gegeben, wenn man den Blick fürs Detail vernachlässigt. Vergleiche über das Alter von Hochschulabgängern sind nur sehr bedingt aussagekräftig, wenn nicht Umfang und Qualität der Studienpläne mitberücksichtigt werden. Mindestens ebenso oberflächlich ist die Einschätzung, dass 50 Prozent der österreichischen Studiosi faule Bummelstudenten seien.

Wie aus einer von Hans Pechar vom Interuniversitären Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung und Angela Wroblewski vom Institut für höhere Studien erstellten Untersuchung hervorgeht, liegt der entscheidende Fehler in der Annahme, dass Prüfungsinaktivität mit Studieninaktivität gleichzusetzen sei. Dies ist jedoch nicht der Fall: Die Tatsache, dass ein Student keine Prüfungen ablegt, kann vielfältige Gründe haben. Neben echten Scheininskribenten verzerren Berufstätige, Seniorstudenten sowie Diplomanden und Dissertanten das statistische Bild nachhaltig.

Belastung Beruf. Mit Blick auf die Situation in naturwissenschaftlichen Fächern bemerkt Johann Hofmann, Professor für medizinische Biochemie an der Universität Innsbruck: "Ein (guter) Student legt in den ersten Jahren 90 Prozent der Prüfungen ab, in der zweiten Hälfte dagegen nur zwei - was die Statistik natürlich relativiert. Ungefähr 37 Prozent aller Studenten legen drei Jahre lang keine Prüfung ab, obwohl sie in dieser Zeit sehr intensiv arbeiten", nämlich an Diplomarbeiten und Dissertationen.

Über die Ursachen zweistelliger Semesterzahlen gibt eine von Wilfried Grossmann und Mitarbeitern am Institut für Statistik, Operations Research und Computerverfahren der Universität Wien erstellte Untersuchung weitere Aufschlüsse: Als wichtigster studienverzögernder Faktor ergibt sich berufliche Belastung, gefolgt von organisatorischen und bürokratischen Behinderungen.

Insbesondere das verbreitete Phänomen von abwechselnden Studien- und Berufsphasen wird in dieser Studie als Alarmzeichen gesehen. Die Gründe hierfür sind aber weniger in der Motivationslage der österreichischen Jungakademiker als im mangelhaften Stipendiensystem zu suchen. Berufliche Erfahrung ist ohne Zweifel nützlich, nur sollte sie nicht vom Studieren abhalten.

Inwieweit wird nun die Einführung von Studiengebühren das Profil der österreichischen Studentenschaft verändern? Für Pechar und Wroblewski weist zunächst alles darauf hin, dass sich ein gewisser "Beschleunigungseffekt in der Abschlussphase" einstellt. Mit anderen Worten, viele Studenten wollen die anstehende Semestergebühr von 5000 Schilling umgehen und ihr Studium noch schnell zu Ende bringen. Wenngleich zu diesem Sachverhalt keine harten Daten existieren (Pechar und Wroblewski sprechen von "anekdotischer Evidenz") weisen stichprobenartige Überprüfungen in dieselbe Richtung. Der Wiener Germanist Wendelin Schmidt-Dengler etwa stellt fest: "Ich habe bis jetzt etwa doppelt so viele Diplomprüfungen und Dissertationen wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres."

Drastischer Rückgang. Besonders drastisch wird sich in Hinkunft die Gesamtzahl der Studenten ändern. Ohne Berücksichtigung der Neuinskribenten ist laut Pechar und Wroblewski österreichweit mit einem Rückgang des Studentenbestandes von 170.000 auf 110.000, also um knapp 40 Prozent (!), zu rechnen (Zahlen exklusive Gasthörer, ausländischer Studierender, Kunst- und Fachhochschulen).

Den Großteil dieser Abgänger werden wohl prüfungs- oder studieninaktive Studenten stellen. Auch wenn die Gründe für deren Ausscheiden aus dem Studienbetrieb primär beruflicher oder familiärer Natur sind, stellt sich trotzdem die Frage: Warum gibt es so viele Pseudoinskribenten? Und: Welche Vorteile haben Karteileichen gegenüber ihren exmatrikulierten Kollegen?

Die finanziellen Vorteile aufgrund sozialer Vergünstigungen können nicht der einzige Grund sein. Die jährliche Fahrtkostenrückerstattung der Bundesbahnen wurde schon vor längerer Zeit abgeschafft. Auch die kostenlose Monatskarte der lokalen Verkehrsbetriebe gibt es nicht mehr. Und das eigentliche finanzielle Zuckerl, nämlich der Erhalt von Stipendien und Familienbeihilfe, ist schon seit Jahren an Leistungsnachweise gekoppelt. Bleiben nur noch wenige Vergünstigungen, die allerdings kaum budgetrelevant sind: Jan schätzt etwa die vom Universitätssportinstitut Wien angebotenen Lehrgänge und belegte letztes Semester einen (kostenpflichtigen) Kurs für Turmspringen. Auch die von den meisten Universitäten angebotenen Gratis-Webaccounts werden gerne genützt, doch genauere Kalkulationen zeigen, dass die entstehenden Gesamtkosten bei kommerziellen Providern auch geringer ausfallen können.

Im Prinzip verursachen echte Karteileichen kaum Kosten. Da sie per definitionem nicht an der Universität präsent sind, können sie auch nicht für belegte Praktikumsplätze und überfüllte Hörsäle verantwortlich sein. Die Gründe für diese Misere sind eher in überproportionalen Drop-out-Quoten und schleppenden Prüfungsmodalitäten zu suchen.

Luxus Inskription. Bleibt nur noch ein Problem: Pro-forma-Inskribenten verzerren das Profil von Angebot und Nachfrage im Bildungssystem. Mittel für Universitätsinstitute könnten in weiterer Zukunft an die Zahl "echter" Studenten gekoppelt sein - und da bekanntlich beim Geld kein Spaß verstanden wird, möchte man die Transparenz universitärer Nutzungsfrequenzen nicht im Karteileichenrauschen untergehen lassen.

Weshalb gibt es also Scheininskriptionen? Die Motive hierfür reichen von rein akademischem Interesse, ohne Prüfungen ablegen zu wollen, bis zur spezifisch österreichischen Mentalität a la "Hilfts nicht, so schadets nicht". Der Typus des kontemplativen "Interesse-Studenten" ohne echte Ambition zum Studienabschluss scheint jedenfalls zum Aussterben verurteilt zu sein. Es sei denn, man leistet sich die Kleinigkeit von 5000 Schilling pro Semester. So werden durch die Einführung der Studiengebühren vor allem jene auf der Strecke bleiben, die zwar ihren Abschluss erlangen wollen, aber aus beruflichen Gründen nicht mehr in der Lage sind, sich noch ein paar Semester ausschließlich auf das Studium zu konzentrieren.

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