Der Auftritt der Abgänger

Knappe Kassen und Vollrechtsfähigkeit machens möglich: Österreichs Universitäten entdecken ihre Absolventen. Nur, wie sie ihre Alumni zum generösen Spenden animieren können, bleibt eine offene Frage. Die mangelnde Identifikation der Abgänger mit ihrer Alma Mater erschwert den erhofften Geldfluss.

Text: Klaus Stimeder und Michael Unger | aus HEUREKA 3/01 vom 13.06.2001

Hereinspaziert. "Exklusiv für unsere Mitglieder! Der Networking-Event! Im prachtvoll renovierten Festsaal des Wiener Rathauses Präsentation der Club-Website! Businesskabarett (KaBud), Firedancer, Charity-Aktion, attraktive Tombolapreise, Disco ab 23 Uhr!"

Willkommen im akademischen Leben Österreichs anno 2001. Trotz aller Häme, die die Organisatoren des Absolventenclubs wegen dieses Einladungstextes über sich ergehen lassen mussten, spielt die Wirtschaftsuniversität Wien eine Vorreiterrolle, was die Präsentation und den Verkauf einer Idee betrifft, die nun auch in Österreich mehr und mehr Fuß fasst. Im Zeitalter von Vollrechtsfähigkeit und Drittmittelfinanzierung setzen die Universitäten ihre Hoffnungen neuerdings auf eine Zielgruppe, die bis dato als vernachlässigbare Größe galt: die ehemaligen Absolventen, lateinisch auch Alumni (von "alumnus": ehemaliger Student oder Schüler) genannt, neudeutsch freilich englisch "Elamnai" ausgesprochen.

Events wie das überaus originell beworbene Jahresfest der WU-Absolventen sind dabei nur das Tüpferl auf dem i. Auf seiner Website (www.alumni.at) bietet der Alumni-Club der ehemaligen Hochschule für Welthandel um schlanke 550 Schilling pro Jahr alles, was das Herz des vielseitig interessierten Uni-Abgängers höher schlagen lässt: Kochseminare, Paragleiten im Salzkammergut ("social events"), Vortragsreihen zur New Economy oder verbilligte Theaterabende in der Josefstadt.

Generation A. In den USA gehören Alumni-Clubs schon längst zum universitären Establishment. Der erste Club entstand bereits Ende des 18. Jahrhunderts im US-Bundesstaat Connecticut. Die Studiosi der heutigen Elite-Uni Yale waren es, die als Erste den Gedanken sponnen, sich ihrer Ausbildungsstätte gegenüber weit über den Studienabschluss hinaus erkenntlich zu zeigen. Heute sind nicht weniger als 60 Prozent der US-amerikanischen Universitätsabsolventen in "Absolventen-Verbänden" organisiert. Die Summe, die sich die Alumni die Bindung an ihre Alma Mater jährlich kosten lassen, beläuft sich auf rund zehn Milliarden Dollar. Entsprechend ihrer Finanzkraft sind die Absolventen auch intern strukturiert. "Die Alumni funktionieren wie ein Wirtschaftsunternehmen", erklärte kürzlich Tessen von Heydebreck, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, in einem Interview mit der deutschen Tageszeitung "Die Welt".

Die beiden wichtigsten Aufgaben eines Alumni-Clubs sind bis heute unverändert geblieben. Was zählt, ist die Aufrechterhaltung der Kontakte zwischen der Universität und den Absolventen sowie in weiterer Folge die finanzielle Unterstützung der Bildungsstätte. Weil die meisten US-amerikanischen Universitäten ohne die ehemaligen Zöglinge finanziell schwer in die Bredouille kämen, werden ab und an auch gewisse Auswüchse toleriert.

Die Connecticut-Connection. Dass etwa ein George W. Bush seinen Abschluss in Yale, wo er seinen Master of Business Administration erhielt, zuallererst dem prall gefüllten Geldbeutel und den Beziehungen von Alumni-Daddy George H. Bush verdankt, ist ein offenes Geheimnis. Trotz allem beschränken sich die Alumni-Clubs in der Regel nicht bloß auf ihre Aufgabe als Spendensammlervereine, die einzig und allein dem Zweck der pekuniären Ausstattung der Stamm-Uni dienen. Sowohl den Studierenden als auch den Graduierten helfen sie beim Aufbau von Geschäftsverbindungen und Kontakten, die sich im späteren Erwerbsleben auszahlen.

Der Zusammenhalt wird im Rahmen von regelmäßig stattfindenden Events wie karitativen Veranstaltungen, Grillfesten oder Reunionsfeiern gefördert. Christine Domnik, Assistentin bei Heidelberg Alumni International, einem der ältesten Alumni-Clubs in Deutschland, stellt klar, dass das Konzept Alumni weit über das bloße Spenden hinausgeht: "Bevor wir über Fundraising sprechen, gilt für uns das Motto Friendraising."

In Österreich begann man Mitte der Siebzigerjahre mit der gezielten Erfassung von Absolventen, aber erst mit der viel beschworenen Krise der Universitäten besann man sich auch hierzulande auf die potenzielle Goldgrube "Ehemalige". Während sich technische oder naturwissenschaftliche Studienrichtungen österreichweit schon seit längerem mit Aufträgen aus der Privatwirtschaft ein Zubrot verdienen, tun sich geisteswissenschaftliche Fächer schwer mit der Lukrierung von Drittmitteln. Da klingt natürlich die Theorie von den spendenwilligen Ex-Studiosi, die einen Teil ihrer hart erarbeiteten Schillinge ihrer Ausbildungsstätte überlassen, äußerst verlockend. In der Praxis sieht das leider anders aus.

Begrenzte Euphorie. Zwar gibt es mittlerweile zwar an nahezu jeder österreichischen Uni oder Fachhochschule eigene Alumni-Clubs, aber die Euphorie hält sich in Grenzen. "Die Wirtschaft und die Alumni haben derzeit nicht das geringste Interesse, auch nur kleine Summen zugunsten sozial- oder geisteswissenschaftlicher Fächer fließen zu lassen", beklagt Eva Kreisky, die Leiterin des Instituts für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Ihr eigener Versuch, an ihrem Institut einen Alumni-Verein zu errichten, scheiterte, sagt sie heute, schlicht am mangelnden Interesse der "Ehemaligen", sich dafür zu engagieren.

Sie erwartet daher auch zukünftig keinen Geldregen dankbarer Institutsabgänger: "In Österreich fehlt die Sponsorenmentalität, wie es sie in den USA gibt. Den Studierenden mangelt es an ausreichender Identifikation mit ihrer Universität und ihrem Studium, daher besteht bei den Absolventen auch kein Bedürfnis, mit der Universität in Kontakt zu bleiben oder gar finanzielle Aufwendungen zu leisten." Hinzu kommt, dass sich das Spenden in Österreich im Gegensatz zu den USA steuerrechtlich viel weniger bezahlt macht. Der Fall eines Seniorenstudenten, der vor zwei Jahren einen Teil seiner Ausbildungskosten refundierte - damals flossen insgesamt 300.000 Schilling an die Institute für Politikwissenschaft und Geschichte - wird Kreiskys Meinung nach die Ausnahme bleiben.

Einer, der nicht ganz so pessimistisch ist, heißt Dominik Kimmel und leitet das Alumni-Büro an der Universität Wien. Das Büro ist Teil des "Clubs der Universität Wien", der 1994 auf Betreiben des damaligen Rektors Alfred Ebenbauer mit dem Ziel geschaffen wurde, die "stetige Pflege des Images, die Verbesserung der Corporate Identity und die Gewinnung von Freunden für die Universität" zu fördern. Heute zählt der Club gut 3000 Mitglieder.

Nachholbedarf. Von dieser Basis aus möchte Kimmel ab Herbst in die Offensive gehen: "Die Unis sind sich heute der Bedeutung ihrer Studenten bewusst. Wir wollen vom ersten Tag an zu den Studierenden ein Nahverhältnis aufbauen." Mit besonderen Angeboten will er den angehenden Jungakademikern die Mitgliedschaft beim Alumni-Club schmackhaft machen, denn "nur wer seiner Uni nahe steht, hat auch nach dem Abschluss Interesse, alte Kontakte zu pflegen und in weiterer Folge regelmäßig den Geldbeutel zu öffnen".

Schon jetzt gibt es deshalb verschiedene "Fördermodelle". So zahlt ein "ordentliches Mitglied", das heißt ein Absolvent oder Angehöriger der Universität, einen jährlichen Beitrag von 390 Schilling. Eine Mitgliedschaft als "Freund der Universität" kostet ebenso viel. Weiters existiert eine so genannte Anschlussmitgliedschaft für Ehepartner, Lebenspartner oder Kinder, die jährlich mit 150 Schilling zu Buche schlägt. Das Kraut wirklich fett machen sollen die so genannten "fördernden Mitglieder" (6000 Schilling Jahrestarif) und die Mäzene (Erstbeitrag 30.000 Schilling und in den Folgejahren 9000 Schilling).

Allen Einwänden zum Trotz ist Kimmel sicher, dass ein Potenzial an spendewilligen Abgängern vorhanden ist: "Was die Idee Alumni betrifft, gibt es in Österreich absoluten Nachholbedarf. Aber wir stehen ja praktisch erst am Anfang." Den Firedancern und Businesskabarettisten wird die Arbeit nicht so schnell ausgehen.

Klaus Stimeder ist ständiger Mitarbeiter in der Stadtleben-Redaktion des "Falter" und Online-Redakteur beim "Standard". E-Mail: klaus.stimeder@derstandard.at Michael Unger ist Redakteur beim Studentenmagazin "sign". Er studiert Publizistik und Geschichte an der Universität Wien.

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