Einstiegsdroge Diät

Stefan Löffler | aus HEUREKA 4/01 vom 21.11.2001

Mit vorgeblicher Wissenschaftlichkeit wird für Schlankheitsmittel geworben. Die meist zum Scheitern verurteilten Versuche abzuspecken kosten die Österreicher oft fette Geldbeträge - und wohl auch Jahre ihres Lebens.

Abnehmen als Risiko. Dass Dicksein ein Gesundheitsrisiko ist, bedeutet noch nicht, dass Abnehmen gesund macht. Im Gegenteil: Leute, die abnehmen, sterben früher. In einer Reihe von Langzeitstudien erreichten diejenigen das höchste Alter, die im Lauf ihres Lebens langsam, aber kontinuierlich ein wenig zunahmen, und zwar unabhängig davon, ob sie dick, dünn oder normalgewichtig waren. Außer denjenigen, die unter den Folgen starken Übergewichts wie Diabetes oder Herz- und Organerkrankungen besonders zu leiden haben, ist das Abnehmen eigentlich kaum zu empfehlen.

Dass dicke Menschen keineswegs mehr, sondern eher sogar etwas weniger essen als dünne, ist vielfach belegt. Der die Vorstellungen prägende Begriff Idealgewicht bezeichnete zwar tatsächlich einmal eine Gruppe, die statistisch länger lebte. Jedoch handelte es sich um Kunden der US-amerikanischen Versicherung Metropolitan Life - alles andere als ein Querschnitt der Bevölkerung.

Vergebliches Hungern. Essstörungen beginnen zumeist mit einer Diät. Bei Ess-Brech-Süchtigen wirken sie regelrecht als Einstiegsdroge. Immer mehr Schülerinnen und Schüler, die in die Pubertät kommen - in Einzelfällen schon Achtjährige - eifern den gängigen Schönheitsidealen nach. Das schlechte Gewissen nach unkontrollierten Essanfällen ist ein anderer schlechter Anlass zum Hungern. Ein Grund, warum so viele Diäten gemacht werden, besteht darin, dass sie meistens scheitern. Ein Körper, der weniger Nahrung bekommt, reagiert auf die geringere Zufuhr, indem er den Energieumsatz senkt und den Appetit erhöht.

Eine typische Folge ist, dass sich das Gewicht von Diät zu Diät nach oben schaukelt, der so genannte Jojo-Effekt. Ein prominenter Fall ist der frühere deutsche Kanzler Helmut Kohl, der sich während seines Jahresurlaubs am Wolfgangsee mit Semmeln und Milch kasteite. Diese von ihrem Erfinder F.X. Mayr gar nicht zum Abnehmen gedachte Fastenkur erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Wenig bekannt ist, dass Kohl bis zum jeweils folgenden Sommer für jedes verlorene Kilo zwei zulegte.

Rettung durch Wundermittel? Wer es oft genug vergeblich mit Diäten versucht hat, wird ansprechbar für Schlankheitsmittel. Im kleinformatigen Boulevard, in Anzeigenblättern und Herz-Schmerz-Postillen fischen die Anbieter nach Leichtgläubigen. Dass die Anzeigen oft wie redaktionelle Beiträge aufgemacht sind, wird von den Verlagen ebenso hingenommen wie die Bezeichnung der Bestellannahme als "Leser-Service" oder "für Krone-Leser spezielle Hotline".

Auf dem Papier geht der Konsumentenschutz hierzulande sehr weit. Gesundheitsbezogene Werbung, und um solche handelt es sich, ist in Österreich genehmigungspflichtig. Vorgelegt werden die einschlägigen Anzeigen dem Gesundheitsministerium jedoch nur selten. Medikamente und so genannte Verzehrmittel, also Nahrungsergänzungen, dürfen eigentlich auch nur vom Präsenzfachhandel verkauft werden. Neben dem Versand setzen einige Anbieter von Wundermitteln auf so genannten Strukturvertrieb: Vertreter werben Kunden, die die Pillen und Shakes im Kreis der Familie und Bekannten weiterverkaufen oder Verkaufspartys organisieren, auf denen die im firmeneigenen Schnelldurchgang diplomierten Ernährungsberater auftreten.

Pseudowissenschaftlichkeit. Viele Wundermittel gibt es nur kurze Zeit. Schließlich rechnen die häufig in Vorarlberg ansässigen Vertriebe weniger mit zufriedenen Nachbestellern als mit Kunden, die auf die vermeintliche Geld-zurück-Garantie bei Wirkungslosigkeit pochen. Ebenso wie die Marketingstrategie stammen die Produkte meist aus den Vereinigten Staaten. Wie austauschbar sie sind, zeigen wortgleiche Anpreisungen eines Anbieters für verschiedene Kapseln. Weil sich die Leute vor Chemie ängstigen, sind bio und Natürlichkeit angesagt. Einerseits handle es sich um hier oder in einer anderen Weltregion altbewährte Mittel wie Apfelessig, Oliven oder Zitronen, andererseits sollen neueste Forschungen ihre Wirkung belegen.

Die wird dann auch prompt erklärt: Ein neuartiger Fettverbrennungswirkstoff zwinge den Körper dazu, das Fett auszuscheiden, statt es anzuhäufen. Ein Fett speicherndes Molekül werde ausgeschaltet, wahlweise legten sich die Wirkstoffe wie eine Tarnkappe um die Fette. Ein anderes Mittel verbrenne mehr Kalorien, als man überhaupt zu sich nehme. Für wissenschaftlichen Anstrich sorgen Firmennamen wie Schlank-Medic Institut oder Bio-Labor. Klinische Studien gibt es nicht, dafür umso mehr Testimonials angeblicher Verwender. Für die Wirksamkeit bürgen auch angebliche Wissenschaftler und Ärzte im Ausland. Wer den angegebenen Namen nachforscht, findet freilich zumeist niemand.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige