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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 4/01 vom 21.11.2001

Die vielleicht verstörendsten Fragen im Zusammenhang mit der Wissenschaft von der Ernährung betreffen einmal mehr die Expertinnen und Experten selbst: Warum halten sie sich nicht daran? Warum sind so viele Fachleute für Gesundheit übergewichtige Raucher mit zu hohem Cholesterinspiegel?

Das soll kein Vorwurf sein, auch keine billige Polemik. Es ist offenbar eine Tatsache, dass es im Bereich des Menschlichen nicht ausreicht, Experte für richtiges Leben zu sein, um richtig zu leben.

Ein Philosoph, schrieb Arthur Schopenhauer, ist wie ein Wegweiser: Er zeigt die Richtung, aber er geht nicht mit. Das lässt sich natürlich auch auf Ärzte und Wissenschaftler anwenden. Ein Statistiker demonstrierte mir einmal, dass die Wahrscheinlichkeit, im Lotto zu gewinnen, geringer sei als die, einen bestimmten Gesprächspartner durch das Wählen einer zufällig ausgewählten österreichischen Telefonnummer an den Apparat zu bekommen, man müsse also wahnsinnig sein, um seine Hoffnungen auf so etwas zu setzen.

Unschuldig fragte ich ihn, ob er trotzdem Lotto spiele. Er schluckte, sah an die Decke und murmelte: "Immer seltener." Wer kennt nicht rauchende Lungenärzte? Trennen alle Ökologen ihren Müll? Und wie viele Ernährungsexperten essen hin und wieder bei McDonald's oder holen sich manchmal nachts etwas von unklarer Zusammensetzung an einem düsteren Würstelstand?

Dass Wissen und Handeln zweierlei sind, wissen wir alle. Dennoch sind wir immer wieder überrascht, wenn wir es aufgezeigt bekommen. Wir wissen auch, wie das Bessere, das wir nicht tun, aussehen würde, und dass die Experten es noch besser wissen, hilft ihnen offenbar nur wenig dabei, es auch eher zu beherzigen.

Natürlich wünscht man ihnen allen von Herzen, dass ihre Inkonsequenz belohnt werde: die der Ernährungsforscher mit einem langen Leben - und die des Statistikers mit einem glorreich ungerechten Lottogewinn.

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