Verdächtige Sequenzen

Benedikt Föger | aus HEUREKA 5/01 vom 12.12.2001

"Kommissar DNA" hat in den vergangenen Wochen und Monaten auch in Österreich einige spektakuläre Kriminalfälle geklärt. Was und wer jedoch steckt hinter den neuen gentechnischen Methoden zur Verbrechensaufklärung? Und: Wie zuverlässig und anonym sind sie? Eine Spurensicherung.

Verräterische Spuren. "Nehmen Sie die Cola-Dose ruhig mit nach Hause." Richard Scheithauer weiß, dass Journalisten leicht Verdacht schöpfen. Der Hintergrund seiner Bemerkung: Aus dem Speichel der zuvor angebotenen Getränkedose könnte der Leiter des österreichischen DNA-Zentrallabors das unverkennbare DNA-Muster ihres Benutzers gewinnen.

Doch es wäre ohnehin kaum möglich, Scheithauers Professorenzimmer an der Universität Innsbruck zu verlassen, ohne für ihn verwertbare biologische Spuren zu hinterlassen. Das ist umgekehrt auch der Grund dafür, dass keine Person den angrenzenden abgeschotteten Laborbereich betreten darf, ohne dass zuvor bei ihr ein Mundhöhlenabstrich gemacht worden ist. Von dieser Regelung sind selbst Computertechniker oder das Wartungspersonal der teuren Laborgeräte nicht ausgenommen. In der - gemessen am Datenbestand - drittgrößten Einrichtung in Europa will man sich vor genetischen Verunreinigungen schützen, die später nicht mehr zuordenbar sind, auch wenn das bisher noch nie vorkam. Denn schließlich kann das Ergebnis eines DNA-Tests über das weitere Schicksal eines Menschen entscheiden.

Kriminalistische Revolution. Durch eine Novelle des Sicherheitspolizeigesetzes von 1999 hat sich auch in der österreichischen Kriminalistik eine stille Revolution ereignet. Seit diesem Zeitpunkt darf die Exekutive bei einem bestimmten Tatverdacht dem Verdächtigen einen Mundhöhlenabstrich (MHA) abnehmen. Über neunzig Prozent dieser forensischen Proben in Österreich werden vom gerichtsmedizinischen Institut in Innsbruck bearbeitet - seit Einrichtung der Datenbank bereits über 41.000 MHAs und über 8000 Tatortspuren. Mehr als 1400 einschlägige Straftaten konnten so gelöst werden, darunter acht Morde; zuletzt möglicherweise auch der Favoritner Mädchenmord an der achtjährigen Nicole Strau aus dem Jahr 1990.

Damit die DNA-Analyse zum Einsatz kommen kann, müssen schwere Verbrechen wie Mord und andere vorsätzliche Tötungen, Körperverletzung, ein Sexualdelikt oder Brandstiftung vorliegen. Auf gerichtliche Anordnung hin kann aber für jede Straftat, bei der biologische Spuren zurückbleiben, ein DNA-Gutachten angefordert werden. Bei entsprechendem Tatverdacht werden der erkennungsdienstlich behandelten Person mithilfe von sterilen Filzstäbchen zwei MHAs von den Innenseiten der Wangen entnommen.

Der Vorgang ist einfach und schmerzlos. Auf Wunsch können die Probanden selbst die Entnahme unter Aufsicht durchführen. Weigert sich der Verdächtige, darf ihm mit Gewalt eine Probe abgenommen werden. Manche Ermittler bedienen sich in so einem Fall angeblich auch eleganterer Methoden und reichen dem mutmaßlichen Täter beim Verhör freundschaftlich eine Zigarette oder ein Glas Wasser. Zigarettenstummel oder Glas landen dann in Innsbruck und werden ausgewertet. Diese Information kann für Gerichtsgutachten legal verwertet werden.

Der einmillionste DNA-Teil. Von den gewonnenen Speichelproben werden die unverwechselbaren DNA-Merkmale ermittelt und ein so genanntes DNA-Profil erstellt. Die Erbsubstanz ist zwar von Mensch zu Mensch verschieden, jedoch trägt jedes Körpermaterial derselben Person dasselbe DNA-Merkmalmuster. Untersucht wird weniger als der einmillionste Teil der menschlichen Erbsubstanz und zwar in Abschnitten der DNA, die als genetischer Müll bezeichnet wird, die also keinerlei Informationen über Erbkrankheiten oder sonstige individuelle Eigenschaften eines Menschen enthalten. Einzig das Geschlecht wird bestimmt.

In gleicher Weise wie die Mundhöhlenabstriche werden biologische Tatortspuren von Kriminalfällen untersucht, in denen kein Tatverdächtiger ermittelt werden konnte. Schon mikroskopisch kleine Härchen oder Hautschuppen können ausreichen, um ein DNA-Profil zu erstellen. Durch Vergleich dieser DNA-Merkmalsmuster gelingt es, in ungeklärten schweren Kriminalfällen einen oft entscheidenden Hinweis auf den Spurenverursacher zu liefern. Kommt es beim Abgleich mit der DNA-Datenbank zu einem Zufallstreffer, wie auch im erwähnten Fall Strau, sprechen die Ermittler von einem "Cold Hit".

Theoretisch könnte also auch mit dem Speichel an am Institut zurückgelassenen Getränkedosen wie mit einer Spur verfahren werden. Scheithauer alleine kann mit dem Speichel an der Cola-Dose freilich wenig anfangen. Erstens dürfen nur Daten aufgenommen werden, die vom Innenministerium oder vom Strafgericht angefordert wurden. Und zweitens ist für die Zusammenführung der ermittelten DNA-Merkmale mit personenbezogenen Daten allein das Innenministerium zuständig.

Strenger Persönlichkeitsschutz. Das DNA-Zentrallabor selbst erhält keinerlei personenbezogene Daten, sondern ausschließlich anonymisierte Mundhöhlenabstriche oder von den Ermittlern gesammelte Spuren. Sowohl die Speichelproben als auch die Spuren werden mit Barcodes gekennzeichnet und an das Labor geschickt. Das Innenministerium erhält im Gegenzug keinerlei biologisches Material, sondern ausschließlich die erhobenen erkennungsdienstlichen Daten, die mit demselben Barcode gekennzeichnet sind.

Damit soll eine vollständige Entkoppelung von DNA-haltigem Material und personenbezogenen Daten gewährleistet werden. Missbrauch auszuschließen und ein höchstes Maß an Sicherheit zu erlangen ist das Hauptanliegen bei der Verwendung von DNA-Material zur Verbrechensaufklärung. "Die wahre Gefahr liegt in der Probenverwechslung", erklärt Laborleiter Scheithauer. "Im wissenschaftlichen Bereich arbeitet unser Institut deshalb vor allem im Bereich der Qualitätssicherung."

Mit einem ausgeklügelten Laborinformationssystem versucht man in Innsbruck, solchen Gefahren, wie der Verwechslung von Proben, entgegenzuwirken. Jede Probe wird vom Eintreffen im Labor bis zum Resultat ihrer Auswertung lückenlos verfolgt. Das beginnt beim Auspacken der Probe, das bereits auf Video festgehalten wird. Jeder weitere Arbeitsschritt wird EDV-mäßig erfasst und automatisch protokolliert. "Wir haben viele Arbeitsschritte automatisiert, um den menschlichen Fehlerfaktor möglichst gering zu halten", erklärt Scheithauer. Zum Schutz vor Verunreinigungen geschieht die Bearbeitung der Proben auf biologischen Sicherheitswerkbänken und in separierten Reinraumbereichen.

Zielgruppe Mehrfachtäter. In Übereinstimmung mit der internationalen Literatur zeigt auch die gerichtsmedizinische Erfahrung, dass Straftäter nicht selten eine regelrechte "Karriere" durchlaufen. So sind viele Sexualstraftäter bereits Jahre zuvor zum Beispiel durch Eigentumsdelikte auffällig geworden und begehen auch nach schweren Verbrechen wieder geringere Straftaten. Daraus ergibt sich ein wichtiger Ansatz zur Verbrechensaufklärung mithilfe der DNA-Datenbank. Es wurden bereits mehrere schwerste Gewaltdelikte durch die DNA-Analyse von Personen geklärt, gegen die zunächst nur wegen Einbruchs ermittelt wurde.

Wäre es dann nicht sinnvoll, die ganze Bevölkerung zu erfassen und abzugleichen? Davon hält Laborchef Scheithauer nichts: "Abgesehen vom enormen logistischen Aufwand würde die derzeit extrem günstige Kosten-Nutzen-Relation verschlechtert." Auch wenn es technisch machbar wäre, würde dem öffentlichen Ruf der Datenbank geschadet und diese in Misskredit gezogen.

Im Gegensatz zu früher können mithilfe der DNA-Datenbank viele Tatverdächtige von vornherein sicher als Spurenverursacher ausgeschlossen werden. Das erleichtert nicht nur den Ermittlern die Arbeit, sondern bewahrt auch viele zu Unrecht Verdächtigte vor langwierigen Untersuchungen - ein Vorteil der DNA-Analyse, der auch von Kritikern eingestanden wird. Zugleich baut man auf Prävention und hofft, dass von dem Projekt eine gewisse abschreckende Wirkung gegenüber potenziellen Tätern ausgeht.

Klärung alter Fälle. Mit der Arbeit der DNA-Detektive allein ist jedoch noch kein Kriminalfall gelöst. "Der Spurenverursacher muss nicht zwangsläufig der Täter sein", gibt Richard Scheithauer zu bedenken. "Es ist die Arbeit der Exekutive, den Fall aufzuarbeiten und die jeweilige Relevanz einer Spur für die Tat festzustellen", so der Gerichtsmediziner. Letztendlich entscheidet das Gericht, ob eine DNA-Analyse als Beweismittel zugelassen wird oder nicht.

In den USA geht der Trend mittlerweile dahin, aufgrund der neuen Methoden alte Kriminalfälle wieder aufzurollen. Mittels DNA-Analyse konnten jahrzehntealte Spuren neu untersucht - und die Unschuld von zahlreichen Personen nachgewiesen werden. Einige wurden sogar aus der Todeszelle enthaftet. Einige Bundesstaaten haben die Todesstrafe daraufhin so lange ausgesetzt, bis geklärt ist, wie viele Fehlurteile noch aufgehoben werden müssen. Viele Vorteile also, die für die neue Biotechnikgläubigkeit in der Polizeiarbeit sprechen.

Soziologische Bedenken. Etwas weniger euphorisch sieht der Wiener Kriminalsoziologe Arno Pilgram die neuen Ermittlungsmethoden. Für ihn wird die Bevölkerung zunehmend in "Risikopopulationen" aufgeteilt. Bis jetzt sind es Häftlinge und andere erkennungsdienstlich behandelte Personen, deren Informationen in die DNA-Datenbank einfließen. Doch in der aktuellen Terrordebatte wurde bereits der Ruf laut, auch Asylwerber und Zuwanderer zu erfassen.

Und obwohl Pilgram sich nicht absolut gegen einzelne Methoden aussprechen will, sieht er in der Kombination der neuen Ermittlungsmethoden wie DNA-Analyse, Rasterfahndung und Screening des Datenverkehrs auch zahlreiche Gefahren: "Unter dem Stichwort Kriminalitätsvorbeugung können Persönlichkeitsschutz und Persönlichkeitsrechte infrage gestellt werden." Und er warnt davor, dass möglicherweise die Wiedereingliederung von ehemaligen Straftätern eingeschränkt und ihre gesellschaftliche Stellung lebenslang festgeschrieben werden. "Die Chance auf einen völligen Neubeginn nach der Haft sinkt", kritisiert Pilgram.

Andere Kritiker beklagen die Umkehr der Beweislast, die mit den neuen Ermittlungsmethoden einhergehen. In Deutschland wurde bereits im Rahmen von Fahndungen nach Sexualmördern mit Massenscreenings die DNA der männlichen Bevölkerung ganzer Regionen erfasst. 1998 hat man bei einer derartigen Aktion über 16.000 Männer im Alter zwischen 18 und dreißig Jahren aufgefordert, eine Speichelprobe abzugeben. Nie zuvor war in einem Ermittlungsverfahren eine so große Bevölkerungsgruppe systematisch registriert worden. Auch der Täter selbst konnte sich dem Fahndungsdruck nicht entziehen. Er wurde identifiziert und gestand den Mord an einem elfjährigen Mädchen.

Prinzip Schuldvermutung? Angesichts solch spektakulärerer Fahndungserfolge wagt kaum jemand, verfassungsrechtliche Fragen aufzuwerfen. Doch wird hier nicht der Grundsatz der Unschuldsvermutung in sein Gegenteil verkehrt? Müssen die jüngeren Männer einer ganzen Region in so einem Fall nicht "freiwillig" die Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte in Kauf nehmen? Gerät, wer nicht zum Speicheltest geht, in den engsten Kreis der Mordverdächtigen und so in die bürgerrechtswidrige Situation, seine Unschuld gegenüber den Behörden beweisen zu müssen?

Zudem führen die Kritiker an, dass die neuen Beweismittel die Polizei dazu verleiten könnten, herkömmliche Fahndungsansätze und kriminalistisches Gespür zu vernachlässigen. Dadurch könnte es zu Fehlern und Unsicherheiten kommen - gezielte Manipulationen wie das Hinterlassen einer fremden Spur könnten unbemerkt bleiben. Dazu kommt, dass ein Untersuchungslabor bzw. Gerichtsmediziner unsauber arbeiten oder fehlerhafte Gutachten erstellen könnten.

Tatsächlich hat die revolutionäre "Wundermethode" bereits erste Kratzer bekommen: Joyce Gilchrist, eine der höchst dekorierten und meistbeschäftigten US-amerikanischen Gerichtsmedizinerinnen, hat anscheinend fehlerhafte Gutachten geliefert. Seit 1983 bearbeitete sie insgesamt rund 3000 Fälle; Hunderte Personen kamen wegen ihrer DNA-Analysen ins Gefängnis, 23 in die Todeszelle, elf wurden bereits hingerichtet. Möglicherweise unschuldig, wie sich nun nach und nach herausstellt. Zumindest in einem Hinrichtungsfall ist bereits erwiesen, dass Gilchrists Gutachten falsch war.

Zukunftsszenarien. Sind solche fatalen forensischen Fehler in Österreich aufgrund der hohen Sicherheitsstandards äußerst unwahrscheinlich, so stellt sich doch die Frage nach der Weiterentwicklung der Gen-gestützten Kriminalistik. Warum etwa sollte man aus den gefundenen Körperzellen nicht auch Rückschlüsse auf die Haar-, Haut- und Augenfarbe und andere körperliche Merkmale ziehen? Warum sollte man so nicht neue "Risikogruppen" bilden? Schließlich wäre das bei unbekannten Tätern eine große Fahndungshilfe.

Noch sind das Zukunftsszenarien, die aber wissenschaftlich durchaus realisierbar scheinen. Die Frage ist, ob sie gesellschaftlich auch erwünscht sind.

Benedikt Föger (E-Mail: foeger@yahoo.com) arbeitet als freier Mitarbeiter bei der Bewährungshilfe in Wien und schreibt als Wissenschaftsjournalist unter anderem für das Magazin "Universum" und die Wissenschaftsseiten des "Spectrum".

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