Fingerspitzengefühle

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 5/01 vom 12.12.2001

Der Fingerabdruck ist ein unfehlbares Mittel zur Identifikation von Straftätern - das glauben nicht nur Krimifans zu wissen. Ein Blick hinter die Kulissen der Spurensicherung zeigt jedoch die Problematik der Daktyloskopie, um die zuletzt in den USA ein heftiger Wissenschaftsstreit ausgebrochen ist.

Ende November vermeldete die Tiroler Polizei einen schlagzeilenfähigen Erfolg: Ein sieben Jahre zurückliegender Mord konnte durch die Abgleichung von Fingerabdrücken geklärt werden. Nach anfänglichem Leugnen gestand der Täter schließlich die Bluttat - ein Abdruck an der Türklinke hatte ihn überführt. So kennen wir das auch aus Spielfilmen und Kriminalromanen, in denen die schlaueren Ganoven Handschuhe tragen oder nach der Tat fleißig wischen. Al Capone ließ sich gar die so genannten Papillarlinien wegoperieren - was freilich auch nicht gerade unauffällig war.

Der Fingerabdruck ist eine der Trumpfkarten der Kriminologie, der unwiderlegliche Beweis der Täterschaft. Selbst wenn die Persönlichkeit gespalten ist und sich der gute Dr. Jekyll in den bösen Mr. Hyde verwandelt und wieder zurück, seine Fingerabdrücke bleiben gleich, ein Leben lang. Mit dieser literarischen Illustration warb der Brite Henry Faulds vor über hundert Jahren für die damals noch junge Daktyloskopie.

Lobbyarbeit war dringend erforderlich, die Methode setzte sich erst allmählich gegen konkurrierende Versuche einer verlässlichen Identifikation durch. Die Anthropometrie etwa, die genaue Vermessung des menschlichen Körpers, verhieß neben der Identifikation auch noch Aufschluss über den (kriminellen) Charakter (vgl. S. 14). Diese Konjunktur der Identifikation im späten 19. Jahrhundert rührt von dem Kontrollbedürfnis des Staates her, in den Massen der rasant anwachsenden Großstädte die kriminellen Elemente zu finden - und jederzeit wiederzuerkennen. Diese Nachfrage befriedigte die Daktyloskopie am besten, denn sie behauptete die Einzigartigkeit der Abdrücke.

Dieses Verkaufsargument ist mittlerweile zum festen Glaubenssatz geronnen. Dass bei den unzähligen Abgleichungen noch nie zwei Personen mit denselben Mustern gefunden wurden, ist den Befürwortern Beweis genug. Ein Beweis freilich, der nur induktiv geführt werden kann. Und der sich implizit auf die bereits in der Antike weit verbreitete metaphysische Überzeugung stützt, dass die Natur keine zwei völlig identischen Dinge hervorbringt, wie der US-amerikanische Wissenschaftsforscher Simon Cole kritisiert.

Hubert Ließ vom Wiener EKF (Erkennungsdienst, Kriminaltechnik, Fahndung) hat für derartige Einwände nur ein Kopfschütteln übrig. Fingerabdrücke seien selbst DNA-Abstrichen überlegen, meint der Sachverständige für Daktyloskopie. Während nämlich die DNA von eineiigen Zwillingen identisch sei, sei dies bei ihren Fingerabdrücken nicht der Fall. Denn die Form der Papillarlinien entsteht durch Umwelteinflüsse, etwa durch Druck und Temperatur im Mutterleib.

Aber selbst wenn man die Einzigartigkeit der Fingerabdrücke akzeptiert, sind sie deshalb noch lange nicht unverwechselbar - was mit der Praxis des Erkennungsdienstes zusammenhängt. Im Gegensatz zu den idealen Bedingungen auf einer Polizeiwache, auf der einem Verdächtigen alle zehn Fingerabdrücke sauber und vollständig abgenommen werden, sind die Abdrücke am Tatort unvollständig, verschmiert und überlappen sich.

Je nachdem, ob man einen Gegenstand nur berührt oder fest drückt, variieren Länge und Breite der Papillarlinien. Da die Einbrecher und Mörder nicht mit Stempelkissen an den Fingern umherlaufen, muss man hoffen, dass ihnen wenigstens Schweiß die Finger befeuchtet - als Ersatz für die Tinte. Von der Qualität der mit Pulver und Pinsel sichtbar gemachten Spuren hängt aber die Verwertbarkeit ab.

Genügend so genannte Minutien müssen vorhanden sein. Das sind übereinstimmende Merkmale, wo etwa Papillarlinien enden oder sich gabeln, wo es Einschlüsse und Punkte gibt. Wenn man zwölf gemeinsame Merkmale zwischen zwei Fingerabdrücken feststellen kann, stammen sie von ein und derselben Person. Warum gerade zwölf? Damit sei ein hoher Grad an Sicherheit gewährleistet, antwortet der Erkennungsdienstler Ließ. Fast in ganz Europa gelte diese Norm.

Dass es in vielen asiatischen Ländern weniger als zwölf Minutien sind, in Großbritannien aber sechzehn, zeigt, dass dieses Kriterium verhandelbar ist. In den USA wird eine Mindestzahl sogar abgelehnt, bereits seit Jahrzehnten polemisieren die Experten gegen das unwissenschaftliche System der Europäer. Da die Merkmale ganz unterschiedlicher Qualität sein können, sei es unsinnig, rein quantitative Maßstäbe anzulegen. Was selten vorkommt, etwa eine Gabelung mit drei anstatt zwei Fortsetzungen, müsse mehr zählen. Wenn aber das Mindestmaß entfällt, überlässt man es ganz der Entscheidung des einzelnen Daktyloskopen, wie viele bzw. welche gemeinsame Minutien den Täter machen. Die Frage "Wie viel ist genug?" kann auch in den USA nicht ohne subjektive Wertung beantwortet werden.

Uneinheitlich wie die Methoden sind auch die Ausbildungswege. In Österreich sind es neben Kursen vor allem die erfahreneren Kollegen, die ihren "Lehrlingen" beibringen, Fingerabdrücke zu unterscheiden. Der Computer, genauer das AFIS (Automated Fingerprint Identification System), kann dies nur bedingt. Denn das Programm vergleicht nicht die Merkmale, sondern die Muster der Papillarlinien. Es liefert dem ermittelnden Beamten also nicht auf Knopfdruck den Abgleich, sondern spuckt lediglich eine Auswahl von etwa fünfzig infrage kommenden Fingerabdrücken aus, erklärt der Innsbrucker Daktyloskop Markus Simmerle. Um den eingangs erwähnten Mord im Tiroler Oberland aufzuklären, musste er die knifflige Kleinarbeit selbst leisten. Der Täter gestand, also muss die Identifikation richtig gewesen sein.

Ist das immer so? Über Fehler spricht man nicht gerne, aber auf Nachfrage wird eingestanden, dass sie nicht auszuschließen sind. Und das ist besonders problematisch: Eine fälschliche Identifikation kann kaum widerlegt werden. Denn der Angeklagte verschwindet hinter Gittern. Einige spektakuläre Fehlentscheidungen kamen dennoch ans Licht - und zwar sowohl in den qualitativ-quantitativ ausgerichteten USA als auch im merkmalfixierten Großbritannien.

Um die Methode zu retten und aus Sorge, den Nimbus der Unfehlbarkeit einzubüßen, musste man die Schuld den Praktikern zuschieben, die individuelle Fehler begangen hätten. Testreihen unter Daktysloskopen in den USA führten in den letzten fünf Jahren zu Ernüchterung, gar zu blankem Entsetzen: Die Fehlerquote lag zwischen drei und 22 Prozent.

Als der Strafverteidiger Robert Epstein von der kolportierten Unzuverlässigkeit erfuhr, lehnte er entsprechende Beweise gegen seinen Mandanten Byron Mitchell ab, der angeklagt war, das Fluchtauto bei einem bewaffneten Überfall gefahren zu haben. Die Daktyloskopen hielten dagegen: Stephen Meagher, ein Spezialist des FBI, schickte zwei Spuren aus dem Fluchtauto und den Abdruck Mitchells an die fünfzig Laboratorien der US-Bundestaaten. Sieben davon sahen sich nicht in der Lage, die erste Spur mit dem Fingerabdruck zu korrelieren, fünf misslang dies bei der zweiten Spur.

Der wenig erfreute Meagher sandte nun vergrößerte Kopien an die "Versager", auf denen er die zu korrelierenden Minutien rot markierte. Mit einem Male sandten fast alle Labors die verlangten Nachweise. Dieses wenig überzeugende Vorgehen hat die Auseinandersetzung nur noch mehr angeheizt. Zwar wurde Mitchell im letzten Jahr verurteilt, aber in zehn weiteren Fällen hat die Verteidigung die Beweiskraft des Fingerabdrucks als ungenügend attackiert - die Debatte beginnt erst.

Der Fingerabdruck im Pass, der nach dem 11. September vielfach gefordert wird, erscheint so in einem etwas anderen Licht, auch wenn es beim Sicherheitscheck am Flughafen nicht um die Identifikation einer unbekannten, sondern um die Verifikation einer bekannten Person geht. Abgesehen von den Bedenken der Datenschützer ist die Verlässlichkeit der Methode trotz des tief verwurzelten Glaubens an die Daktyloskopie nicht über jeden Zweifel erhaben. Und während die Politiker Sicherheitspakete schnüren, hadern Polizeiexperten mit der Praktikabilität von Fingerprintdatenbanken. Die Prüfgeräte gelten als fehleranfällig und kommen ohne menschliche Interpretationshilfe nicht aus. Ihnen fehlt schlicht das Fingerspitzengefühl.

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