Mordfälle madig gemacht

Benedikt Föger | aus HEUREKA 5/01 vom 12.12.2001

Wenn andere Methoden versagen, bedienen sich Gerichtsmediziner der Hilfe von Fliegen und Maden, um zum Beispiel die Liegezeit von Leichen aufzuklären. Und um auf Nummer sicher zu gehen, kommen in der forensischen Biologie auch angekleidete Schweine zum Einsatz.

Von Fliegen überführt. Die Leiche des Erstochenen war in der Nähe eines Reisfeldes gefunden worden. Und die Mordwaffe musste eine Sichel gewesen sein. Als Täter kamen somit alle Erntehelfer infrage, die mit diesem Werkzeug am Feld gearbeitet hatten. Der ermittelnde Beamte ließ daher alle Arbeiter in einer Reihe antreten und ihre Sicheln vor sich auf den Boden legen. Schon kurz darauf wurden Fliegen von einer der Sicheln, deren Blutspuren zwar abgewischt, aber doch nicht völlig entfernt waren, scharenweise angezogen und bevölkerten diese - der Täter war gefunden und gestand sein Verbrechen.

Diese Geschichte ereignete sich bereits vor fast 800 Jahren in China und ist der erste dokumentierte Fall, bei dem Insekten zur Klärung eines Verbrechens beitrugen. Es ist die Geburtsstunde der forensischen Entomologie, wie diese Forschungsrichtung heute heißt. Mit dieser historischen Anekdote illustriert Christian Reiter vom Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Wien die lange Tradition seiner Ermittlungsmethoden, die er selbst bereits seit mehr als zwanzig Jahren praktiziert.

Kommissar Made. Immerhin sind im Sommer fast achtzig Prozent der eingelieferten Leichen bereits von Maden befallen, und in etwa zwanzig Fällen pro Jahr spielt in Wien die forensische Entomologie eine wichtige Rolle bei der Aufklärung eines Verbrechens. "Lange Zeit hat die Gerichtsmedizin nicht unerhebliches Beweismaterial in die Kanalisation gespült", so Reiter zur lange vernachlässigten Sicherung von Insektenspuren.

Zum Einsatz kommen die Maden meistens dann, wenn der Tod schon vor zu langer Zeit eingetreten ist, um etwa über Leichenflecken, Totenstarre oder Temperatur Auskunft über den Todeszeitpunkt zu erhalten. Anhand der Insektenlarven kann auch dann noch festgestellt werden, wie lange eine Leiche am Auffindungsort gelegen ist und ob sie nach dem Tod noch verfrachtet wurde. So kann es vorkommen, dass eine Leiche im ländlichen Gebiet verscharrt wurde, die ältesten Maden jedoch von einer Fliegenart stammen, die fast ausschließlich im Stadtgebiet vorkommt. Die Maden können aber auch auf Verletzungen hinweisen und sogar auf chemische Verbindungen, die der Körper enthalten hat und die von den Tieren eingelagert werden.

Liegezeit von Leichen. Wieso aber können gerade die Maden so gut Auskunft geben? Leichen, besonders solche, die im Freien liegen, werden von bestimmten Insektenarten besiedelt, die dort auch ihre Eier ablegen. Die Zusammensetzung der Tiergruppen sowie deren Alter und Größe sind typisch für ein bestimmtes Stadium des körperlichen Zerfalls. Sammelt man die Tiere am Fundort ein und untersucht sie, so kann daraus die Liegezeit einer Leiche abgeleitet werden.

Der Zeitpunkt der Eiablage unterscheidet sich nämlich oft nur um wenige Stunden vom Todeszeitpunkt. Es gilt, die ältesten Maden auf einer Leiche oder in deren Umgebung zu finden und deren Entwicklungsstadium zu bestimmen. Da dieses stark von der Temperatur abhängig ist, müssen sich die Gerichtsmediziner genaue meteorologische Daten besorgen, um das Wachstum rekonstruieren zu können.

Dann muss aber noch bedacht werden, dass auch die Maden selbst, wenn sie zu Hunderten auf einem Haufen liegen, eine Temperaturerhöhung bewirken. Und zwar von bis zu vierzig Grad innerhalb der Madenmasse. Am Tatort wird ein Teil der eingesammelten Maden von den Ermittlern sofort getötet und für Bestimmungszwecke konserviert, ein anderer Teil zur Aufzucht mit ins Labor genommen. Von deren Weiterentwicklung unter konstanter Temperatur kann man auf ihr Alter schließen.

Kontrolle durch Schweine. Um alle potenziellen Fehlerquellen möglichst ausschalten zu können, griff der Mediziner und Biologe Martin Grassberger zu einer Versuchsanordnung, die von Regisseur Peter Greenaway stammen könnte: Der enge Mitarbeiter Reiters kleidete tote Schweine in T-Shirts und Jeans, legte sie ins Freie und beobachtete die Zersetzung durch Insekten und deren Maden. "Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Ein Schwein ist dem Menschen morphologisch sehr ähnlich", erklärt Reiter das Vorgehen. Zudem werden am Institut die verschiedensten relevanten Fliegenarten von Grassberger unter kontrollierten Bedingungen gezüchtet und Wachstumskurven erstellt. Diese dienen dann als Vergleichsmaterial für die am Tatort gesammelten Tiere und als Berechnungsgrundlage.

Da jedoch oft schon die Artbestimmung ein grundlegendes Problem darstellt, arbeiten die Wiener Gerichtsmediziner auch an molekularbiologischen Methoden, um die diversen Schmeiß- und Fleischfliegen eindeutig zuordnen zu können. Mit diesem "genetischen Flügelabdruck" soll es bald auch zoologisch weniger versierten Kriminalisten möglich sein, sich der forensischen Entomologie zu bedienen. <

Zum Weiterlesen: Ramin Ilbeygui und Christian Reiter: Synopsis und Atlas der Gerichtsmedizin. Wien 2000 (Facultas). 177 S., öS 357,- / e 25,90

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