Neues von der Schuhsohle

Stefan Löffler | aus HEUREKA 5/01 vom 12.12.2001

Die forensische Forschung ist weltweit ein blühendes Feld. Die Kriminaltechniker der österreichischen Bundespolizei aber sehen sich allenfalls in der Lage, die Ermittler zu unterstützen und sie weiterzubilden. Wird das geplante Bundeskriminalamt realisiert, dürfte auch in Österreich einschlägig geforscht werden.

"Forensic Science International" ist eine renommierte Fachzeitschrift, vielleicht die renommierteste in der Verbrechensforschung. Gesammelt werden die Hefte in der Abteilung Kriminaltechnik der Bundespolizeidirektion. Ihr Bezug kostet im Jahr etwa 2000 Euro bzw. 28.000 Schilling. In "Forensic Science International" finden sich Aufsätze und Fallstudien aus aller Welt, vielfach Abfallprodukte der Ermittlungsarbeit, aber auch originäre Beiträge: Neuseeländische Brandforscher haben in Experimentreihen Öl aus verschiedenen Höhen verschüttet, Feuer entfacht und hinterher die Verbrennungen verglichen. Um die Beweiskraft von Ölspuren zu erhellen, hat ein polnisches Labor gängige Motoröle auf ihre Unterscheidbarkeit untersucht. Aus Spanien stammt eine Studie über Spuren wischfesten Lippenstifts und wie sie sich mit Aluminium und magnetischem Pulver sichtbar machen lassen.

Die Verbrechensforschung ist ein wucherndes Feld. Sie zerfällt in immer mehr Gebiete und ein immer weiteres Fachvokabular. Die Fortschritte der forensischen Genetik sind Allgemeingut. Aber auch die Publikationen aus der lange etablierten Faserforschung nehmen von Jahr zu Jahr zu. Seit den Fünfzigerjahren ist bekannt, dass die Profile von Autoreifen spezifische Spuren hinterlassen. Auf dieser Einsicht baute die Erforschung von Schuhsohlen auf. Die Zahl und Konstellation der Luftbläschen, die sich an Sohlen bilden, aber auch Sohlenabdrücke auf Plastiksackerln werden systematisch auf ihr Beweispotenzial hin untersucht.

Klassische Fragestellungen sind die Bestimmung des Todeszeitpunkts und der Nachweis von Rauschgiften. Ständig kommen neue Drogen auf den Markt. Selbst im Schweiß lassen sich dank Feinanalytik Rückstände verbotener Substanzen entdecken. Wie lange diese vom Fettgewebe der Haut gespeichert werden, ist jedoch umstritten, sodass anhand von Schweiß nicht der Zeitpunkt des Konsums bestimmt werden kann.

Findet sich eine österreichische Publikation in "Forensic Science International" oder den anderen Fachzeitschriften der Bibliothek für Kriminaltechnik, stammt sie mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Gerichtsmedizin. "Wir haben nicht genug Personal zum Forschen", sagt Volker Edlinger, Leiter der kriminaltechnischen Abteilung der Bundespolizei. Zu seinem Team zählen 35 Techniker oder Wissenschaftler. Einzelne Gebiete wie die Spracherkennung seien nicht vertreten, sagt Edlinger. Dafür stimme die Ausstattung der Labore, Mitte der Neunzigerjahre sei nämlich genug Geld für Anschaffungen zur Verfügung gestanden. Hier werden Analysen für Ermittlungen in ganz Österreich durchgeführt. Die Experten schulen Ermittler, die ihr Fachwissen wiederum in ihren Dienststellen weitergeben sollen. Kriminalbeamte kommen auch für mehrwöchige Praktika in die Zentrale.

Eigentlich sollen die Ermittler in den Bundesländern auch fachlich beaufsichtigt werden, so Edlinger, doch dafür sei die Abteilung schon zu klein. Auf dem Stand bleiben die Kriminaltechniker mithilfe der Fachzeitschriften, durch die Beteiligung in Fachgruppen des europäischen Forensikernetzwerks ENFSI und durch Weiterbildung im Ausland, vor allem am deutschen Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Im Frühjahr wird entschieden, ob Österreich eine ähnliche Behörde bekommt.

Ein künftiges Bundeskriminalamt bestünde neben einer Abteilung für Kriminaltechnik, in der neben Edlingers Abteilung auch die Wiener Ermittlungsbehörde EKF aufgehen würde, auch aus Einheiten für Kriminalpsychologie. Dazu kämen noch Abteilungen für Wirtschaftskriminalität und organisiertes Verbrechen, wo unter anderem Experten für Geldstromanalysen arbeiten sollten. Laut Herwig Haidinger, Leiter der Projektgruppe Bundeskriminalamt, sind zwar keine Einstellungen von Wissenschaftlern geplant, immerhin aber Kooperationen mit Universitäten und die Vergabe von Forschungsprojekten. Rudolf Gollia, der Sprecher der Generaldirektion für öffentliche Sicherheit, fügt freilich einschränkend hinzu: "Im Sicherheitspolizeigesetz ist Forschung nicht vorgesehen."

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