Fremdes Gewebe

Franz Gutsch und Robert Czepel | aus HEUREKA 5/01 vom 12.12.2001

In Deutschland bleiben angeblich bis zu fünfzig Prozent der unnatürlichen Tode unentdeckt. Hierzulande dürfte die Dunkelziffer deutlich darunter liegen - dank forensisch geschulter Leichenbeschauer und einem umfassenden Obduktionswesen. Ein Augenschein am Wiener Institut für Gerichtsmedizin.

Unnatürliche Todesfälle. Gibt es den perfekten Mord? Da es Mordfälle gibt, die nie aufgeklärt werden, muss die Frage wohl bejaht werden. Wie aber plant man ein solches Verbrechen? Der prominente Wiener Gerichtsmediziner Hans Bankl hat einen guten Tipp parat: Es sollte wie ein natürlicher Tod aussehen. Wird die Leiche nicht gerichtsmedizinisch untersucht, stehen die Chancen ausgesprochen gut, dass der Mord nie ans Licht kommt.

Doch das ist gerade in Wien nicht sehr wahrscheinlich. Hier wird immerhin jede dritte Leiche obduziert. Landen die Toten erst mal im Seziersaal, kommen Tötungsdelikte in aller Regel auch ans Licht. In vielen Fällen genügt freilich die bloße Leichenbeschau, um auf die Todesursache zu schließen. Anders als in Deutschland, wo etwa auch Hals-Nasen-Ohren-Ärzte einen Totenschein ausstellen dürfen, stellen in Wien eigens geschulte Totenbeschauer die Todesursache fest. Melden die Pathologen Zweifel am natürlichen Ableben an, oder sind die Ursachen nicht klar, wird die Leiche an die Gerichtsmedizin überwiesen.

Zugeklebtes Einschussloch. Für den perfekten Mord dürfte die Totenbeschau der neuralgische Punkt sein. Bleibt der Mord dabei unbemerkt, kommt man unbehelligt davon, es sei denn, Kommissar Zufall spürt in der gewöhnlichen Leiche doch noch ein Mordopfer auf. Ein Beispiel: Um die Totenbeschauer zu täuschen, überklebte ein Täter das Einschussloch seines Opfers mit Leukoplast. Gute Idee. Hätte man die Tote nicht aufgrund einer Erbstreitigkeit exhumiert und obduziert, wäre der Herzschuss nie bemerkt worden.

Am Institut für Gerichtsmedizin der Universität Wien hat man in derlei Angelegenheiten Routine: "Wir haben einen Leichendurchlauf von etwa 3000 pro Jahr. Ein Viertel bis ein Drittel davon wird obduziert", berichtet Institutsvorstand Georg Bauer. Neben den von Staatsanwaltschaft und Gerichten in Auftrag gegebenen Obduktionen untersucht das Institut auch Verstorbene der Wiener Spitäler, um ärztliche Kunstfehler aufzuspüren.

Adresse: Sensengasse 2. Kriminalfälle sind die Ausnahme. Bei der großen Mehrzahl der Obduktionen handelt es sich um so genannte sanitätspolizeiliche Untersuchungen - Leichen ohne Hinweis auf Gewaltverbrechen, bei denen einfach die genaue Todesursache eruiert werden soll. Die Maxime, die Kontrolle vor Vertrauen stellt, wird am Institut in Wien/Alsergrund jedoch immer wieder bestätigt. In weniger als fünf Prozent der Fälle wird fremdes Einwirken festgestellt. Dann jedoch nimmt die Angelegenheit ihren behördlichen Umweg über die Staatsanwaltschaft.

Durch spektakuläre Morde wie den Fall Blauensteiner bleibt das Institut für Gerichtsmedizin in den Medien. Georg Bauer nimmt es mit routiniertem Schmäh zur Kenntnis: "Ich sage immer: Sensengasse 2 ist wie Downing Street 10 in London. Die kennt jeder in der Stadt." Das Gebäude entspricht den Erwartungen, die man von einer Institution mit k.u.k Vergangenheit hat. Dicke Mauern, die Wände mit Patina versehen, was dem morbiden Image der Bundeshauptstadt und ganz besonders jenem der Leichenbeschau entspricht. Ein Blick hinter die Türen bringt ein ganz anders Bild zum Vorschein: verchromte Seziertische und DNA-Analytik auf dem neuesten Stand der Technik.

Technologische Hochrüstung. Das methodische und technische Inventar der forensischen Wissenschaften hat sich im Lauf der letzten Jahrzehnte stark erweitert. Die Palette reicht heute von digitaler Autopsie bis zu Magnetresonanz-Imaging. Untersucht werden nicht nur Leichen, sondern auch andere Spuren. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts führte die Untersuchung von Blutflecken allenfalls zur Entlastung eines Verdächtigen. Als Beweismittel für eine Täterschaft reichte die Bestimmung der Blutgruppe längst nicht aus.

Dank Biotechnologie und forensischer Chemie ist das Nachweisnetz mittlerweile deutlich enger gestrickt. Der Serienmörder Jack Unterweger wurde mittels so genannter Punkttypisierung überführt. Seit Mitte der Neunzigerjahre setzt die Analytik auf genetische Marker, im Fachjargon "Short Tandem Repeats" genannt. Heute können einem Täter mitunter schon feine Schweißspuren zum Verhängnis werden. Die Nachweismethoden sind feiner geworden, doch die Straftäter haben sich auf die neue Situation eingestellt. "Die wissen natürlich, dass wir Spuren bis zur molekularen Grenze nachweisen können", hat Georg Bauer beobachtet. "Dafür werden eben falsche Fährten gelegt und fremde Gewebestücke verteilt."

Der Fall Blauensteiner. Neben der technologischen Hochrüstung spielen in der Gerichtsmedizin immer noch Erfahrung und Intuition eine wichtige Rolle - so etwa im Fall Blauensteiner. Die Untersuchung der aufopfernd gepflegten Patienten brachte keine unnatürliche Todesursache ans Licht. Daraufhin wurde eine chemische Analyse angeordnet. Zufällig fand man im Körper eines Opfers den Wirkstoff Clomipramin des Antidepressivums Anafranil. Erst dadurch wurde das Interesse der Untersuchungsbeamten für Pharmazeutika in den Körpern der Opfer geweckt.

"Die Zahl der möglichen verborgenen Substanzen geht inklusive Abbauprodukte in die Hunderttausende. Es ist praktisch unmöglich, ein komplettes Screening für alle Stoffe durchzuführen", erklärt der forensische Chemiker Walter Vycudilik. "Daher muss man schon relativ genau wissen, wonach man sucht." Im Fall Blauensteiner ergaben Verhöre, dass die Patienten mit dem Medikament Euglucon "behandelt" worden waren. Schließlich konnte Vycudilik im exhumierten Körper eines der Opfer das Abbauprodukt des Wirkstoffes von Euglucon nachweisen. Damit war die Todesursache klar: Akute Unterzuckerung. Damit war der Fall aus gerichtsmedizinischer Sicht abgeschlossen.

Abgründe der Ermittlung. "Tote haben keine Lobby" heißt ein Buch, das in Deutschland für einiges Aufsehen gesorgt hat. Ihre Recherchen führten die "ZEIT"-Redakteurin Sabine Rückert in die Abgründe der staatlichen Todesermittlung. Dass in Deutschland nicht eigens ausgebildete Ärzte den Totenschein ausstellen dürfen und auch in Zweifelsfällen eine "natürliche Todesursache" diagnostizieren, führt dazu, dass gerichtliche Obduktionen sehr viel seltener als hierzulande sind. Laut Rückert werden Jahr für Jahr an die 22.000 unnatürliche Todesfälle als "natürlich" klassifiziert. Daraus errechnen sich bis zu 2400 übersehene Tötungsdelikte. Rückert kommt zum Ergebnis, dass mindestens jeder zweite Mord oder Totschlag in Deutschland unerkannt bleibt.

Der Wiener Gerichtsmediziner Georg Bauer sieht die Ursachen für diese Entwicklung nicht in technischen oder finanziellen Defiziten, sondern in der geringeren gesellschaftlichen Akzeptanz rechtsmedizinischer Arbeit im Nachbarland. "Wenn man bei der Arbeit jederzeit damit rechnen muss, dass man der Störung der Totenruhe oder gar der Körperverletzung bezichtigt wird, dann braucht man sich nicht wundern, wenn so wenig obduziert wird." Die Autorin Rückert fordert für Deutschland daher die Ausbildung und Einstellung von Fachleuten für die Leichenschau und eine Autopsie bei allen unklaren Todesumständen. In Wien ist beides gang und gäbe: Mit "Todesursache unbekannt" wird hier niemand beerdigt, und ohne Totenbeschau gilt keiner als tot.

Zum Weiterlesen:

Hans Bankl: Im Rücken steckt das Messer. Geschichten aus der Gerichtsmedizin. Wien 2001 (Kremayr & Scheriau).

Gunther Geserick et al.: Zeitzeuge Tod. Spektakuläre Fälle der Berliner Gerichtsmedizin. Leipzig 2001 (Militzke Verlag).

Brian Innes: Leichen sagen aus. Die hundert sensationellsten Fälle aus der Welt der Gerichtsmedizin. Aus dem Englischen von Helmut Roß. Rastatt 2000 (Moewig Verlag).

William R. Maples und Michael Browning: Knochengeflüster. Mysteriösen Kriminal- und Todesfällen auf der Spur. Aus dem Amerikanischen von Katrin Welge. München 2000 (Heyne).

Sabine Rückert: Tote haben keine Lobby. Die Dunkelziffer der vertuschten Morde. Hamburg 2000 (Hoffmann und Campe).

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