Wissenschaft im Zeugenstand

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 5/01 vom 12.12.2001

Vor Gericht kommt auch die Wissenschaft zu Wort, ihr Sprecher ist der Sachverständige. Was er sagt, hat oft entscheidendes Gewicht. Dabei orientiert sich die Rechtsprechung eine Wissenschaft nach den eigenen Bedürfnissen. Gegengutachten stören da nur.

Prügelknaben der Medien. Als (un)heimliche Richter werden sie attackiert, die "allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Sachverständigen", wie sie auf Amtsösterreichisch heißen. Vom Deckmantel des Experten ist die Rede und von juristischen Einflüsterern. Sie sind fehlbar, entziehen sich aber der Kontrolle. Medizinische Sachverständige schützen Standeskollegen, denen Kunstfehler angelastet werden. Psychiatrische Gutachten über mögliche Rückfallgefahren gelten als weniger zuverlässig als die Wettervorhersage.

Die Kritik entzündet sich meist an spektakulären Fällen. Im Mordprozess gegen Jack Unterweger wurden DNA-Analysen infrage gestellt, im Fall Omofuma widersprachen sich die Gutachten über die Todesursache: War es Ersticken oder doch Herzversagen? Auch das Grubenunglück von Lassing und die Seilbahnkatastrophe von Kaprun führten zu einem medialen Schaulaufen der Sachverständigen.

Die Wirklichkeit ist zunächst einmal viel prosaischer. Verkehrsunfälle werden im Gerichtssaal mit Spielzeugautos nachgestellt, der Lackierermeister muss entscheiden, ob der Motorrahmen sachgemäß verchromt wurde, der Arzt befindet auf Schmerzensgeld verheißendes Schleudertrauma - Routine, noch dazu eher mäßig bezahlt. Aber die scheinbaren Dutzendfälle haben es mitunter in sich.

Schwarze Schafe. Rund 12.000 Gutachten hat der Psychiater Heinrich Gross, wenn man seine eigenen Angaben hochrechnet, zwischen 1960 und 1980 verfasst. Zwischen 1940 und 1944 war Gross mit Unterbrechungen Abteilungsarzt in der Euthanasieklinik Am Spiegelgrund und an der "Tötung einer unbestimmten Zahl von Kindern mitbeteiligt", wie das Oberlandesgericht Wien 1981 feststellte. Aber auch danach hat der Träger des Ehrenkreuzes erster Klasse für Wissenschaft und Kunst vielen Angeklagten ihre volle Zurechnungsfähigkeit bescheinigt - bis 1998.

Der Anthropologe Johann Szilvássy erstellte gar bis zum letzten Jahr im Auftrag der Justiz Gutachten. Mit äußerst fragwürdigen Methoden, wie der Vermessung der Schambehaarung und anderer anatomischer Merkmale, bestimmte Szilvássy das Alter ausländischer Angeklagter. Er befand sie in aller Regel für volljährig, wonach sie nicht nach dem milderen Jugendstrafrecht, sondern als Erwachsene abgeurteilt wurden.

"Unter den 9000 Sachverständigen gibt es eben auch schwarze Schafe", seufzt Harald Krammer, Präsident des Wiener Zivillandesgerichtes und Spezialist für Sachverständigenrecht.

Der Sachverstand der Sachverständigen soll in Zukunft durch ein regelmäßig durchgeführtes (Re)Zertifizierungsverfahren gesichert werden. Persönliche Integrität wird ebenfalls verlangt. Und Seriosität. Wie die von Walter Muckenschnabel? Der Schriftpsychologe bietet Unternehmen an, durch eine Handschriftenanalyse den "Typ" des Bewerbers zu bestimmen. Seine graphologischen Gutachten trugen heuer mit dazu bei, die "Spitzelaffäre" niederzuschlagen. Mit Kennerblick durchschaute er die fragliche Unterschrift als Fälschung.

Gut, schnell und verständlich. Um zu einem Urteil kommen zu können, braucht das Gericht oft ein aussagekräftiges Gutachten - gleich ob es um die Berechnung des Bremsweges oder des Alters geht. Ist das Bedürfnis nach Expertise groß, trübt sich der richterlich-kritische Blick auf die wissenschaftlichen Fähigkeiten des Sachverständigen. "Fachlich gut, schnell und verständlich soll er sein", definiert der frühere Richter Werner Pleischl: "Gute Sachverständige werden unter Richtern gehandelt wie anderswo Renntipps." Wer eloquent ist und weiß, was der Richter hören will, wird wie Heinrich Gross wieder und wieder bestellt. "Haus-, Hof- und Staatssachverständige" heißen sie im Gerichtsjargon.

Wo es dem Richter an Sachkenntnis fehlt, gleich ob in Finanzbuchhaltung oder Heizungstechnik, kommt der zu Objektivität und Unparteilichkeit verpflichtete Sachverständige zum Zuge. Für Harald Krammer ist der Sachverständige "ein Erkenntnisinstrument des Richters, seine Augen und Ohren". Alexander Schmidt, Richter am Wiener Bezirksgericht für Handelssachen, findet: "Das ist natürlich auch eine Glaubens- und Vertrauensfrage. Der Richter muss sich darauf verlassen können, dass der Sachverständige redlich ist."

Keine Forschung im Gericht. In einem Prozess geht es darum, mit vertretbarem Aufwand an Zeit und Geld zu einem Urteil zu kommen. Wissenschaftliche Streitfragen und Endlosdiskussionen unter Experten sind unerwünscht. Nur wenn dem Richter Zweifel kommen, bestellt er einen zweiten Sachverständigen. Im Zivilprozess können die Parteien eigene Gutachter benennen, im Strafprozess liegt es im Ermessensspielraum des Richters, ob er ein Privatgutachten zulässt.

Für den Wiener Rechtsanwalt Richard Soyer ein unhaltbarer Zustand. Privatgutachten hätten schon oft Licht ins sachverständige Dunkel gebracht, glaubt Soyer: "Wenn die Wissenschaft keine eindeutigen Ergebnisse liefert, muss man Zweifel zulassen. Den Juristen fehlt dafür oft das Problembewusstsein, sie haben einen verengten Blick auf die Wirklichkeit." Anders formuliert: Juristen hängen einem simplen Realismus an: ein Gutachten, eine Wirklichkeit.

Auch immer mehr Richter und Staatsanwälte sprechen sich für die Zulassung von Privatgutachten im Strafprozess aus. Der Meinungswandel hat seinen Niederschlag bereits im derzeit vorliegenden Entwurf des Strafprozessreformgesetzes (§ 58, Abs. 4) gefunden, wonach Privatgutachten künftig "als Beweis verwendet" werden können. "Alles, was der Wahrheitsfindung dient, soll auch Verwendung finden", findet Otto Müller. Der ehemalige Generalprokurator der Republik hält den Einwand der Parteilichkeit und der Käuflichkeit für nicht stichhaltig: "Auch Privatgutachter sind zur Wahrheit verpflichtet und haftbar."

Sachverstand im Kreuzverhör. Damit nähert man sich angloamerikanischen Verhältnissen an - aber nur ein klein wenig. Das kontinentaleuropäische Rechtssystem bleibt richterzentriert, paternalistisch und geschlossen. Im offenen, marktähnlichen System der USA berufen allein die Parteien die Sachverständigen - wobei es von den finanziellen Möglichkeiten abhängt, ob und welche Experten man sich leisten kann. Vor Gericht kommt es zu regelrechten Gutachterschlachten. Den Anwälten fällt die Aufgabe zu, im Kreuzverhör die Glaubwürdigkeit des "expert witness" der Gegnerpartei zu untergraben.

Direkt lügen dürfen Gutachter auch in den USA nicht, doch Belastendes verschweigen sie. "Das Legal Team ist eine Art Suchmaschine, um das zu finden, was den Fall gewinnen könnte", erklärt die US-amerikanische Wissenschaftsforscherin Sheila Jasanoff. Die Harvard-Professorin ist selbst studierte Juristin und beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit dem Thema Wissenschaft bei Gericht.

Jasanoff gibt auch Kurse für Richter und weiß daher um deren Dilemma: "Einerseits sehen sie, wie angreifbar einzelne Expertisen sind, andererseits befürchten sie, dass sie am Ende überhaupt keine Kriterien mehr haben, anhand derer sie entscheiden können." Jasanoff versucht ihnen verständlich zu machen, dass auch wissenschaftliches Wissen das Ergebnis von Aushandlungen ist. "Die meisten Juristen haben ja ein positivistisches Verständnis von Wissenschaft."

Unabschließbare Forschung. Wettbewerb zwischen Expertisen gibt es nicht nur im Gerichtssaal, sondern auch im Labor. Hier wie dort bestimmen Zeit und Geld mit, was möglich ist. Mit dem wesentlichen Unterschied, dass der Prozess der Forschung unabschließbar bleibt, während der Prozess bei Gericht entschieden werden muss. Die Parteilichkeit der Expertisen bedeutet für Jasanoff nicht unbedingt, dass "litigation science", also die Prozesswissenschaft, schlechte Wissenschaft ist. Im Gegenteil. Die Kontroversen um die DNA-Gutachten im Prozess gegen O.J. Simpson haben der Forschung selbst neue Anstöße gegeben.

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