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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 5/01 vom 12.12.2001

Die Erfindung des Verbrechers. Während des 19. Jahrhunderts wechselte die kriminologische Definitionsmacht von den Praktikern zu den Wissenschaftlern. Heureka sprach darüber mit Peter Becker vom European University Institute in Florenz.

Liest ein Kriminologiehistoriker Krimis? "Sehr gern", sagt Peter Becker, der seit zehn Jahren intensiv zur Geschichte der Kriminologie forscht. "Die Figur des Sherlock Holmes zum Beispiel ist sehr aufschlussreich, weil vieles, was er kann und tut, auch in den Plänen für den Aufbau von kriminalistischen Forschungsanstalten auftaucht - nur sind die Geschichten von Sherlock Holmes viel spannender zu lesen."

Conan Doyle, der Autor dieser Geschichten, sei ein vielseitig interessierter Mediziner gewesen. Er habe seinem Helden gern "ein abschätziges Lächeln verpasst, wenn er die Spezialisten von Scotland Yard am Arbeiten sah". Diese verfügten nämlich nicht über diese neue Wissensbasis, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die moderne Kriminologie begründet hat. Etwa zu dieser Zeit kommt laut Becker eben auch der Kriminalist als Held auf. Und damit entstand das vielleicht erfolgreichste aller literarischen Genres: der Detektivroman.

Parallel dazu habe sich aber auch das Bild vom Kriminellen verändert. Bis etwa 1870 dominierte laut Becker "ein sittlich-moralisches Verbrecherbild, das ihn durch seine falsche Gesinnung definiert hat, für die er selbst verantwortlich war". Bis dahin habe es keinen strukturellen Unterschied zwischen Bürgern und Kriminellen gegeben: "Der Verbrecher war ein gefallener Mensch, dessen Sündenfall ihn schrittweise aus der bürgerlichen Gesellschaft hinausführte." Diese Kriminologie avant la lettre wurde vor allem von den Praktikern in den Polizei-, Justiz- und Strafvollzugsbehörden betrieben.

Im späten 19. Jahrhundert sei dann eine neue Weise entstanden, über Verbrecher nachzudenken: "Kurz gesagt: Die Praktiker und ihr moralisch-sittliches Verbrecherbild wurden abgelöst von Medizinern, Anthropologen und Psychiatern, die den Verbrecher als entartet und als gefährlichen Träger eines Degenerationspotenzials verstanden."

An die Stelle eines selbst gewählten Verderbens traten laut Becker Erklärungsmuster der Entartung und Degeneration - wie zum Beispiel in Krafft-Ebings Studie "Psychopathia sexualis": "Mutter war neuropathisch. Vater starb an Rückenmarkskrankheit." Oder: "Beamter, 29 Jahre, stammte von neuropathischer Mutter und diabetischem Vater." S. L.

Peter Becker konzipierte mit dem Grazer Historiker Helmut Konrad den Workshop "Die Metropole und das ,Böse': Städtischer Raum und kriminologischer Diskurs", der am 14./15. Dezember am IFK (Reichsratsstraße 17, 1010 Wien) stattfindet. Weitere Informationen auf www.ifk.ac.at

Die Anfänge der wissenschaftlichen Kriminalistik sind eher unrühmlich. Zwischen 1775 und 1778 veröffentlichte Johann Kaspar Lavater seine "Physiognomischen Fragmente", in denen er ausführte, wie der Charakter eines Menschen durch Analyse seiner Gesichtsform festzustellen sei. Die Anwendung auf die Kriminologie ließ nicht lange auf sich warten: Lavaters Ansätze wurden durch den Arzt Franz Joseph Gall und dessen "Phrenologie" nach Frankreich importiert. Nach Gall sollten kriminelle Eigenschaften durch genaue Messung der Kopfform erkennbar sein; damit wiederum beeinflusste er den noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eminent einflussreichen Cesare Lombroso, der etwa eine fliehende Stirn oder einen stark ausgeprägten Unterkiefer für Zeichen verbrecherischer Neigungen hielt.

All diese Ansätze, die das Kriminelle unbedingt physisch dingfest machen wollten, waren keineswegs die merkwürdige Esoterik, als die sie heute erscheinen; sie galten als Ergebnis neuester, rationaler Analysen. Was aber die wissenschaftliche Methode allen anderen überlegen macht, ist, dass sie Widerspruch aus sich selbst hervorbringen kann: "Jetzt sind es Zeichen an der Stirne, die man deuten will, ehmals waren es Zeichen am Himmel", schrieb Georg Christoph Lichtenberg. "Ich wollte hindern, daß, da grober Aberglaube aus der feineren Welt verbannt ist, sich nicht ein klügelnder an dessen Statt einschliche, der eben durch die Maske der Vernunft gefährlicher wird als der grobe."

Der wissenschaftliche Aberglaube, den der Physiker Lichtenberg angriff, scheint ja überwunden. Aber gibt es nicht viele Forscher, die den Keim des Verbrechens im Genom, also in jeder einzelnen Zelle und damit wieder im Physischen, finden wollen? "Wir denken feiner, reden feiner und faseln feiner", sagte Lichtenberg. Und wenn Gall, Lavater und der unselige Lombroso heute nur mehr als Kuriositäten bekannt sind, so bedeutet das vielleicht nur, dass wir gelernt haben, etwas bessere Mikroskope zu verwenden. Und ein wenig feiner zu faseln.

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