Unternehmen Rechtswissenschaft

Josef Karner | aus HEUREKA 5/01 vom 12.12.2001

An den Universitäten soll praxisrelevanter gelehrt und geforscht werden, heißt es. Diese Forderung haben die juridischen Fakultäten längst erfüllt: Doch wenn sich eine Wissenschaft so sehr aufs Angewandte einstellt, verliert sie nicht nur den Blick aufs Ganze, sondern auch gleich sich selbst. Übrig bleibt eine intellektuelle Wüste.

Der Unternehmerprofessor. An den juridischen Fakultäten dieses Landes wird die Forderung nach der marktwirtschaftlichen Verwertbarkeit von Forschungsergebnissen und Absolventen für gewöhnlich mit dem Schlagwort "Praxisrelevanz" umrissen. Letztlich geht es dabei, wie auch in der wirklichen Welt, um Geld. Denn praxisrelevant ist an juridischen Fakultäten alles, was das Ein- und Auskommen derer verbessert, die dort ihren Dienst versehen.

Viele Jus-Professoren haben sich hierzulande konsequenterweise zu Unternehmerprofessoren gewandelt. Für rechtswissenschaftliche Forschung gibt es aber selten ernst zu nehmende Drittmittel. Deshalb hat hier "angewandte Forschung" eine eigentümlich persönliche Färbung: Unternehmerprofessoren sind geschulte und nach höchsten universitären Standards zertifizierte juristische Experten, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere die Universität als sozialversicherungsrechtlich günstigen Stützpunkt verwenden, um das eigene Wissen - je nach Ertragslage - optimal zu verwerten.

Pflicht und Kür. An der Universität wird gelehrt, weil das, um der Anstellung willen, unvermeidbar ist. Das ist das Pflichtprogramm. Die Kür findet andernorts statt, zumeist bei lokalen Klienten: Renommierte Professoren werden dafür bezahlt, Gutachten zu erstellen, die eine vom Auftraggeber gewünschte Rechtsansicht als richtig und eine andere als falsch beweisen. Sie sitzen Regierungskommissionen vor und beraten Anwälte in den wahrhaft kniffligen Fragen. An privaten Bildungseinrichtungen sind sie begehrte Vortragende. Kein großes Kartellverfahren, keine politisch wichtige Frage, die vor dem Verfassungsgerichtshof landet, kommt heute ohne universitären Beistand aus. So kommt es auch, dass stolze Unternehmerprofessoren bisweilen witzeln, dass sie mit ihrem Professorengehalt die Einkommenssteuer bezahlen.

Die inneruniversitäre Forschung hingegen dient vorzugsweise der Produktion von Lehrmaterialien in massenuniversitär angenehmen Auflagenhöhen. Was ein juristischer Unternehmerprofessor darüber hinaus an Texten produziert, ist notwendigerweise praxisrelevant: Die Fragestellungen gibt die "Praxis" vor. Somit ist erreicht, was sich die gegenwärtige Bildungs- und Forschungspolitik von der reformierten Uni wünscht: eine innige Verbindung von Lehre und Praxis und nicht mehr die Einheit von Forschung und Lehre.

Verdrängte Nebenwirkungen. Das alles bleibt nicht ohne Konsequenzen. Seitdem der Unternehmerprofessor zum Standardmodell geworden ist, geht es an den juristischen Fakultäten intellektuell noch langweiliger zu, ist man politisch blinder geworden. Denn zunächst entscheiden die Anforderungen der wirtschaftlich potenten Kunden darüber, was Unternehmerprofessoren als praxisrelevant empfinden. Die Befassung mit Rechtsproblemen oder das Abhalten von Seminaren außerhalb der Universität ist nur insofern von Interesse, als sie den Geldbeutel zum Klingen bringen.

Viele potenzielle Klienten und Institutionen gehen so leer aus. Nach einem Unternehmerprofessor, der Experte für Notstandshilfe- oder Sozialhilferecht ist, wird man um einiges länger suchen müssen als nach einem Experten für Europäisches Wettbewerbsrecht oder für andere einschlägige Rechtsgebiete, auf denen sich die Virtuosen der juristischen Expertise tummeln. Dies führt dazu, dass die Frage nach dem systematischen Zusammenhang oder der Gerechtigkeit von vorhandenen sozialen Arrangements kaum noch gestellt werden kann. Denn niemand weiß, wie es denen geht, die so gut wie nichts haben und deren Leben erbärmlich ist. Sie fragen keine juristische Expertise nach.

Details ohne Lebensnähe. Dazu kommt, dass das von den Klienten nachgefragte Wissen immer auf einen konkreten Fall bezogen ist. Von Interesse sind langwierige, archivarisch erschöpfende und exegetisch genaue Berichte über die Rechtslage. Der fragmentierte Charakter eines auf konkrete Erledigungen abzielenden, im Kanzleistil verfassten juristischen Wissens lässt aber den unvoreingenommenen Beobachter ratlos zurück. Es fehlt das große Bild.

Zudem wird dadurch aus der juristischen Expertise auch all das herausgefiltert, was Auftraggeber nicht gerne hören, wenn es ihre Ziele beeinträchtigen könnte. Keine Rede ist also von der Sprachgewalt entscheidender Instanzen, der einschüchternden Wirkung von Befragungen oder der biografischen Tiefendimension rechtlicher Regelungen. Derartige Tabubrüche werden vermieden. Alles, was zu gelten beansprucht, wird so behandelt, als gebührte ihm die Ehrfurcht, die dem Normativen zusteht. Somit entfällt alles, was die Rechtswissenschaft nicht bloß praxisrelevant, sondern lebensnah machen würde.

Nur keine Kritik. Das umfassende kritische Nachdenken über das eigene Tun - eigentlich Voraussetzung jeder Wissenschaftlichkeit - wird ausgeblendet. Es findet sich allenfalls noch am Rand des juristischen Spektrums. Dort stört es nicht, denn etwas, dem die Praxisrelevanz abgesprochen wird, muss auch nicht ernst genommen, gelehrt oder gar gelernt werden. Das Untersuchen von gesamtgesellschaftlichen Bedeutungen und Konflikten, die Analyse des unter der Oberfläche wuchernden Geflechts der in ihren Interessen und Ideologien mannigfaltig miteinander verstrickten politischen, wirtschaftlichen und juristischen Akteure findet bestenfalls in verkümmerter Form statt.

Aufsätze in juristischen Zeitschriften antizipieren diese fein säuberliche Trennung, indem sie sich in vorauseilendem Gehorsam von all dem, was die Effizienz der praktischen Verwertung stören könnte, in eine Reinform entleeren. Ironischerweise ist es aber genau jenes inoffizielle Wissen, das den juristischen Autor erst zum Expertentum befähigt und seine Expertise zu Gold macht. Es überrascht daher nicht, dass solches Wissen nur durch das Eingeführtwerden in die richtigen Kreise, nicht aber durch das Studium von Texten erwerbbar ist. So bleibt der Angebotsmarkt eng und seine Eintrittsschwelle ebenso undurchsichtig wie von persönlichen Beziehungen abhängig.

Wachsende Stoffmengen. Als Folge sind die so genannten Hauptfächer zu Schwundstufen der Rechtswissenschaft degeneriert. Sie zeichnen sich durch die schematisch immergleiche Administration eines stetig anwachsenden Rechtsstoffs aus. Das Aufregendste, das hier noch geschieht, ist die Registrierung neuer Fallentscheidungen: Für bestimmte Juristen sind Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs, die den rechtlich relevanten Sitz einer Gesellschaft betreffen, in ihrer Bedeutung gar das Äquivalent dessen, was für die Biologie die Entschlüsselung des Genoms ist.

Dennoch wäre der Schluss falsch, dass juristische Fakultäten nicht von Unternehmerprofessoren, sondern ausschließlich von Forschern betrieben werden sollten, die ihr rechtliches Wissen uneigennützig zur Verfügung stellen wollen. Nur das nicht! An juridischen Fakultäten wird schon heute im Übermaß gewusst, was getan werden soll. Was fehlt, sind die Zweifler - und so es sie gibt, verbergen sie die Verletzlichkeit des wissenschaftlichen Wissens hinter beißendem Zynismus.

Nötige Horizonterweiterung. Es geht um etwas anderes. Eine Wissenschaft ist nur in der Lage, allgemeines Interesse zu erwecken, wenn ihr Wissen über den Horizont konkreter Praxisblockierungen hinausgeht. Sie produziert solches Wissen nur, wenn sie auch Raum hat, sich autonom die Fragestellungen vorzugeben. Eine Disziplin, die diesen Raum verlässt oder der dieser Raum genommen wird, produziert nichts mehr, was von allgemeinem Interesse ist, weder für die Fachvertreter noch für die Vertreter anderer Disziplinen. Sie produziert bloß noch Besonderes, während das Allgemeine in Vergessenheit gerät.

Momentan langweilen sich an juristischen Fakultäten nicht nur die Studierenden. Auch die durch ihre Spezialisierung voneinander abgeschotteten Lehrer der Kunst des Billigen und Gerechten haben einander nichts mehr zu sagen. Daraus muss man nicht den Schluss ziehen, dass die Unternehmerprofessoren an den Universitäten in die Schranken verwiesen werden müssten. In der wissensbasierten Ökonomie ist ihr Hervorkommen unvermeidlich. Wir brauchen sie.

Wenn man sich aber an den Universitäten nicht wechselseitig anöden und es vermeiden will, den Studierenden den Eindruck zu vermitteln, es sei ohnedies einerlei, was gedacht wird, solange sich das Gedachte eine zahlende Kundschaft verschafft, dann wird man nicht umhin können, sich immer wieder im Elfenbeinturm zu versammeln, um über die großen Fragen zu reden.

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