Angst vor Zahlen

Stefan Löffler | aus HEUREKA 1/02 vom 13.03.2002

Der Schulleistungsvergleich PISA hat weit mehr ergeben, als dass Österreichs 15-jährige Schülerinnen und Schüler im guten internationalen Mittelfeld liegen. Die Studie erhellt einige bisher unbekannte Fakten über eines der teuersten Schulsysteme der Welt.

"Das ist wie bei Cordoba 1978. Solange wir die Deutschen schlagen, ist es uns Österreichern egal, wie es bei uns genau ausschaut", witzelt der Klagenfurter Schulforscher Konrad Krainer. Beim großen Nachbarn wird seit Dezember der Bildungsnotstand ausgerufen: Die deutschen Schüler haben sich bei der internationalen Schulvergleichsstudie PISA (Programme for International Student Assessment) nicht mit Ruhm bekleckert und landeten auf dem 21. Platz, elf Ränge hinter Österreich.

31 Länder haben an der PISA-Studie teilgenommen, mehr als 250.000 Schüler wurden befragt, in Österreich allein waren es 5000. Organisiert wurde das Riesenprojekt von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) - ihr Ziel: die Schulsysteme international zu verbessern. Dafür wurden die Leistungen 15-Jähriger in Sachen Leseverständnis und der Anwendung von Mathematik und Naturwissenschaft untersucht.

Unseren nördlichen Nachbarn trennen von Österreich nicht nur elf Plätze, sondern auch eine Flut an Medienberichten und eine schulpolitische Debatte, wie sie Deutschland nie zuvor erlebt hat. Der Unterschied zwischen den beiden Ländern sei zwar statistisch signifikant, meint der Salzburger Schulforscher Günter Haider, aber dennoch ziemlich klein. "Vereinfacht ausgedrückt haben die deutschen 15-Jährigen im Durchschnitt eine von etwa 35 Aufgaben weniger richtig beantwortet als ihre österreichischen Altersgenossen", erläutert der österreichische PISA-Projektleiter. Wäre es eine Schularbeit gewesen, hätte es wahrscheinlich für beide die gleiche Note gegeben.

"Es entsprach den Erwartungen, dass Österreich überdurchschnittlich abgeschnitten hat", meint Haider: "Es gibt hier eine breite Mittelschicht, eine einheitliche Sprache und Kultur sowie Eltern, die den Wert von Bildung relativ hoch einschätzen." Vor allem aber wird in Österreich besonders viel Geld für die Schulen aufgewendet: In dieser Kategorie - den staatlichen Ausgaben pro Schüler - hat Österreich unter den 31 verglichenen Ländern gar den ersten Platz belegt. Der Großteil des Budgets geht für die Lehrergehälter drauf - "und die erhöhen sich weiter, weil die Lehrer im Schnitt älter werden", wie der Schulforscher und Mathematikdidaktiker Konrad Krainer weiß. So betrachtet ist ein zehnter Platz eigentlich nicht der Erfolg, als der er in den meisten heimischen Medien wahrgenommen wurde, ehe zur Tagesordnung übergegangen wurde.

Seit die Ergebnisse des Schulleistungstests vorigen Dezember veröffentlicht wurden, ist Günter Haider mindestens zwei Tage pro Woche unterwegs, um über die Schülerbefragung und ihre Resultate zu sprechen. Er reist von Elternverein zu Schulgemeinschaft, sitzt auf Podien, zeigt Overheadfolien, erklärt Zahlen und Zusammenhänge. Das Interessante sei nicht der vergleichsweise gute Mittelwert, findet Haider, das Interessante seien die Details. "Österreich ist das absolute Schlusslicht in der EU, was das Messen von Schulleistungen angeht. Selbst viele osteuropäische Länder sind da weiter." Insofern müsste die PISA-Studie hierzulande eigentlich größere Beachtung finden als in Deutschland, wo vieles schon aus früheren Studien bekannt war.

In anderen Ländern selbstverständliche Schuldaten, wie der Unterrichtsausfall oder die Fehlquoten von Schülern, sind hierzulande weitgehend unbekannt. Haider hat bei den Schulbehörden wie den Lehrergewerkschaften eine regelrechte Angst vor Zahlen ausgemacht. Die Gründe für diesen österreichischen Mangel an Zahlen liegen tiefer. Er kennt kein anderes Land, in der die Pädagogik so geisteswissenschaftlich geprägt sei wie Österreich. Dazu komme die historische Tradition, durch zentrale Verordnungen und Inspektoren den Input zu kontrollieren. Der schulische Output, also der Lernerfolg, sei daneben vernachlässigt worden. "Würde die Autoindustrie auf die Weise Qualitätssicherung betreiben, wollte ich kein Auto fahren."

PISA hat für Österreich nicht nur große Leistungsunterschiede zwischen den Schultypen gezeigt, sondern auch zwischen Schulen gleichen Typs. Daher rät Haider Eltern, sich die für ihre Kinder in Frage kommenden Schulen genau anzusehen. "Wenn ich jetzt sage, welche Schule bei PISA die meisten Punkte geholt hat oder wie eine bestimmte Schule abgeschnitten hat, bin ich meinen Job los." Den Code, mit denen die Datensätze und die erfassten Schulen zu verknüpfen wären, habe er weggeschlossen. Dadurch gehe zwar Wissen verloren, das den am Test beteiligten Schulen nützen würde, doch das müsse man in Kauf nehmen. Und Konrad Krainer warnt, dass eine Ausrichtung der Schule an möglichst guten Testergebnissen allerhand Schattenseiten habe. In den USA schickt mancher Schuldirektor die Problemschüler einfach nach Hause, wenn Vergleichstests anstehen.

Sozial bedingte Nachteile durch bessere Schulplanung auszugleichen, ist eines der erklärten Ziele von PISA. "Wenn man den Mittelwert heben will, bringt es am meisten, die Schwächeren zu fördern", sagt Haider. Mit den Kindern von Migranten tun sich Österreichs Schulen anscheinend besonders schwer. Der Leistungsabstand zu Kindern Einheimischer, deren Eltern vergleichbare Berufe haben, ist hierzulande erheblich höher als in anderen Ländern. Teils könnte es an der deutschen Sprache liegen, denn in der Schweiz und in Deutschland ist der Abstand zwischen Ausländern und Inländern fast genauso hoch.

Die Lesekompetenz der 15-Jährigen wurde in sechs Kategorien eingeteilt. Schüler, die in einer der beiden untersten Kategorien landen, haben nicht nur Schwierigkeiten, sich Wissen anzueignen, sondern auch in einer Berufswelt, die zunehmend auf Weiterbildung aufbaut. In Österreich sind 14 Prozent dieser Risikogruppe zugeordnet worden. In Wahrheit sei ihr Anteil größer, sagt Haider.

Zwischen sieben und acht Prozent des Altersjahrgangs 1984 waren nämlich bereits von den Schulen abgegangen, als im November 1999 die Schülerlisten der beteiligten Schulen ermittelt wurden. Bis zu den Tests im März 2000 haben noch einmal viele die Schule verlassen oder gewechselt. Dass es mitten im Schuljahr Abgänger gebe, werde von vielen Schulbehörden einfach abgestritten, berichtet Haider. Seinen Erfahrungen nach liegt der Anteil dieser Gruppe, die es offiziell nicht gibt, bei zwei bis drei Prozent. Insgesamt ist also etwa jeder Zehnte nicht mehr zur Schule gegangen, als getestet wurde. Viele, wahrscheinlich die meisten davon, dürften zur leistungsschwachen Risikogruppe gehören. Das österreichische Abschneiden hätten sie jedenfalls gedrückt.

Während die Detailberichte über die erste Erhebung noch in Arbeit sind, laufen längst die Vorbereitungen für den zweiten Zyklus. In diesen Wochen stehen die so genannten Feldtests bevor, berichtet Haider. Die Aufgaben für die Tests im kommenden Jahr werden in verschiedenen Formulierungen landesweit schon mal tausend Schülern vorgelegt. Bis zum Herbst muss feststehen, welche Formulierungen am besten verstanden, welche Aufgaben am besten geeignet sind. Der Fahrplan ist genau einzuhalten, zumal mehr als dreißig nationale Forscherteams beteiligt sind. Pro Zyklus ist Österreich mit 1,2 Millionen Euro dabei. Insgesamt ist PISA ein mehr als hundert Millionen teures Unternehmen.

Die internationale Bildungsforschung ist damit gewissermaßen erwachsen geworden. Waren bislang fast alle grenzüberschreitenden Bildungsvergleiche von der International Education Association durchgeführt worden, einer Wissenschaftlerorganisation mit vielen hellen Köpfen aber auch einer guten Portion Chaos, sei der Zuschlag für PISA überraschend an ein neues Konsortium von Forschern, die bereit waren, enger mit den Schulpolitikern zusammenzuarbeiten, erzählt Haider. "Die Entscheidungsträger tun sich in Österreich immer noch schwer. Bei den Eltern ist das Verständnis, dass wir Leistungsdaten brauchen, schon vorhanden."

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