Zwischen "Höher" und "Hoch"

aus HEUREKA 1/02 vom 13.03.2002

"Es gibt Studierende, die nach zwei Semestern mit der Diplomarbeit beginnen könnten", meint Wendelin Schmidt-Dengler, Vorstand des Instituts für Germanistik an der Universität Wien. Sein Kollege von der Experimentalphysik, Anton Zeilinger, hat nach eigener Auskunft "jedes Jahr etliche neue exzellente Studierende". Daneben gebe es viele durchschnittliche Studienanfänger. Über die anderen spricht man weniger gern. Dass die Maturanten sehr unterschiedlich auf ein Studium vorbereitet sind, wird auch von anderen Universitätsprofessoren bestätigt.

Tatsache ist, dass hierzulande besonders viele Inskribenten die Universität ohne Abschluss verlassen. Österreich hat eine der höchsten Studienabbrecherquoten international. Woran liegt das? Bereiten die höheren Schulen zu schlecht auf die Hochschulen vor? Welche Schnittstellen zwischen der Oberstufe und den Universitäten gibt es überhaupt?

Der Lehrplan, an dem die universitären Fachdidaktiker mitarbeiten, war fast der einzige Berührungspunkt bisher. Das soll nun anders werden: In Wien hat sich eine Runde gefunden, in der Vertreter der Universitäten und der Schulbehörden gemeinsame Fragen besprechen. "Zentraler Punkt ist dabei die allgemeine Studierfähigkeit der Maturanten und was die Universitäten von den Schulen erwarten", sagt Arthur Mettinger, Vizerektor der Universität Wien. Das zweite Treffen steht kurz bevor.

Dass Schulen und Universitäten dringend zusammenarbeiten müssen, belegt auch eine Studie, die der Wiener Soziologen Franz Kolland gerade abgeschlossen hat. Kolland hat rund 1500 Studienabbrecher befragt, aus welchen Gründen sie am Studium gescheitert sind, und ihre Einschätzungen mit den Antworten von Absolventen verglichen. Er fragte auch nach der schulischen Vorbereitung auf das Studium. Gerade in diesem Punkt scheint großer Reformbedarf: Fast zwei Drittel der Studienabbrecher gaben an, nicht zu einer selbstständigen Studiengestaltung befähigt worden zu sein. Kollands Fazit: "Insgesamt wird die Informationstätigkeit der höheren Schulen sowohl von den Studienabbrechern als auch den Absolventen als wenig zufrieden stellend eingeschätzt." Etwa die Hälfte der Abbrecher und der Absolventen vertritt diese Einschätzung.

Erhebliche Differenzen zwischen Abbrechern und Absolventen gibt es beim mathematischen Grundwissen. Viele Abbrecher fühlten sich in diesem Bereich unzureichend vorbereitet. Diese Selbsteinschätzung der Studierenden kann Günter Haider aus Sicht des Dozenten bestätigen.

Am Beginn seiner "Einführung in die Statistik" bittet der Salzburger Bildungsforscher seine Hörerinnen und Hörer, den Anteil der anwesenden weiblichen bzw. männlichen Hörer zu berechnen. In all den Jahren, seit er die Lehrveranstaltung anbietet, sei es nicht vorgekommen, dass mehr als die Hälfte auf den korrekten Prozentsatz kam. K. T.

Fachtagung Studienabbruch

Donnerstag, 14. März 2002, 9-19h

Kleiner Festsaal der Universität Wien

Veranstalter: Universität Wien, bm:bwk

Anmeldung über die Homepage: www .univie.ac.at/Studienabbruchtagung

Franz Kollands Studie "Studienabbruch: Zwischen Kontinuität und Krise. Eine empirische Untersuchung an Österreichs Universitäten" erscheint demnächst im Verlag Braumüller, Wien.

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