"Schlimm war ich außerdem"

aus HEUREKA 1/02 vom 13.03.2002

Auch Universitätslehrer sind einmal in die Schule gegangen. Haben sie schon in der Schulzeit durch ihre spätere Disziplin geglänzt? Oder sind sie auch einmal sitzengeblieben? Und gab es prägende Lehrerpersönlichkeiten? Fünf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erinnern sich an Hosenkämpfe, "Das große Fressen", Schwesternchöre und Nazi-Lehrer.

"Bevor ich in die Schule kam, erschien sie mir als Paradies. Ich konnte bereits lesen und ich dachte, dass mich dort noch größere und wunderbarere Geheimnisse erwarten würden. Von diesem Traum bin ich bald etwas abgerückt. Ich besuchte ein Mädchengymnasium, das all die lächerlichen Züge der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre besaß. Zum Beispiel haben wir die Erlaubnis, Hosen zu tragen, erst nach einem langen ,Hosenkampf' erhalten. Unterrichtet wurden wir von einer Crew sehr selbstbewusster Damen, die den Anspruch vertraten, dass Mädchen etwas können und einen Beruf haben müssten. Im Grunde verdanke ich diesem strengen, oft auch rigiden Regiment sehr viel.

Mein absolutes Lieblingsfach war Deutsch. Das unterrichtete eine ältere, etwas umständliche Professorin, als Lehrerin eigentlich kein besonderer Erfolgstyp. Aber sie hat uns vermittelt, dass es unvorstellbar ist, ohne Bücher zu leben. Sie war die Tochter eines Literaturwissenschaftlers, der von den Nazis suspendiert wurde. Dadurch haben wir verstanden, dass Literatur sogar existentiell relevant sein kann. Nach dem Tod ihres Vaters übernahm sie seine Wohnung: eine Zimmerflucht voll von Büchern, eine riesige Bibliothek. Unser Freifach ,Literaturpflege' fand manchmal dort statt.

Natürlich gab es auch Fächer, die mir weniger lagen, Physik zum Beispiel war halt keine Leidenschaft. Mathematik wiederum habe ich sehr gemocht und geradezu mit detektivischem Interesse betrieben. Aber Bücher waren für mich schon als ganz kleines Mädchen eine Verführung, etwas, das ich kennenlernen und erforschen wollte. Ab dem Moment, wo ich wusste, dass es so etwas wie ein Germanistikstudium gibt, war für mich klar, was ich machen wollte."

Konstanze Fliedl, Jg. 1955, lehrt als Ao. Prof. Literaturwissenschaft an der Universität Wien. Sie besuchte das Mädchengymnasium am Wiedner Gürtel im 4. Wiener Gemeindebezirk.

"Mein Vater wollte eigentlich, dass ich ein humanistisches Gymnasium besuche. Ich aber wollte von Latein und Griechisch nichts wissen und entschied mich für das Realgymnasium. Heute bedauere ich das sehr, denn diese Sprachen fördern die Denkfähigkeit und führen zu humanistischen Werten. In der Volksschule war ich ein außerordentlich schlechter Schüler. Vor allem mit der Rechtschreibung stand ich lange auf Kriegsfuß. Und schlimm war ich außerdem. Meine Eltern wussten jedes Mal schon in der großen Pause, was ich wieder angestellt hatte, denn sie unterrichteten Mathematik und Physik im selben Gebäude. Im Gymnasium wurde ich ein sehr guter Schüler. Ich las viel: Neben der üblichen Jugendliteratur schon früh Shakespeare, Grillparzer, Goethe, Dante und Cervantes.

Geprägt haben mich vor allem meine beiden Mathematiklehrer: Professor Schwarz und später Professor Lex, der auch in Darstellender Geometrie ein Könner war. Ihnen gelang es, mir die Materie richtig nahe zu bringen. Daher war mir schon in der siebten Klasse Gymnasium klar, dass ich Mathematik und Physik studieren würde.

Allerdings war die Schule gegenüber der Universität zu wenig offen. Ich begann mein Studium mit völlig naiven Vorstellungen. In Österreich ist die Beziehung zwischen Schule und Universität auch heute noch mangelhaft. Das ist nicht überall so: In Ungarn zum Beispiel ist es seit Jahrzehnten üblich, dass namhafte Mathematiker an die Schulen gehen und sich und ihr Fach präsentieren. Nicht zufällig ist Ungarn in Bezug auf die Mathematik wissenschaftlich sehr bedeutend. Was mir in Mathematik noch abging, waren Hinweise zu weiterführender Literatur. Auch das ist heute nicht besser. Dabei gäbe es gute Literatur, die Schülern auf verständliche Weise erklärt, was hinter den mathematischen Dingen steckt."

Peter M. Gruber, Jg. 1941, leitet als O. Prof. seit 1976 die Abteilung für Mathematische Analysis an der TU Wien. Er besuchte das Realgymnasium in Klagenfurt.

"Meine Interessen waren schon immer weit gestreut: Ich war offen für Kunst, Literatur, nebenbei habe ich musiziert. Aber ich war kein Wunderkind, das mit vier schon Klavier spielte. Ich war ungefähr zehn, als mir meine Eltern ein Klavier kauften. Das kam so: Ich war damals sehr von der Verhaltensforschung fasziniert. Meine Eltern wollten aber kein Tier. Ich habe sie dann einfach vor die Wahl gestellt: entweder ihr kauft mir eine Schlange oder ein Klavier. Ich hab natürlich ein Klavier bekommen. Sicher habe ich von meinen zwei wirklich ausgezeichneten und vor allem begeisterten Musiklehrern viel profitiert. Am meisten habe ich mich damals aber für Literatur interessiert. Wir hatten sowohl in Deutsch als auch in Englisch eine Lehrerin, die richtig emphatisch über Literatur gesprochen hat. Das steckte mich an. Der Physikunterricht war wiederum genau das Gegenteil. Man merkte, dass der Lehrer nichts von seinem Fach hielt. Es war unmöglich, aus diesen Stunden irgend etwas mitzunehmen. Einmal schrieb er zu Beginn der Stunde ,Glasstab:' an die Tafel. Genau das stand beim Läuten immer noch da. Sonst nichts. Gelernt haben wir bei ihm nichts. Die Schule war für mich aber auch der Ort, an dem ich die 68er entdeckte. Und wir versuchten - nicht wirklich organisiert -, auch einige Dinge einzufordern. Als der Film ,Das große Fressen' ins Kino kam, inszenierten wir etwas ähnlich ,Aktionistisches' in der Klasse: Wir haben groß aufgetischt, Fressalien aller Art. Der Klassenvorstand hielt uns daraufhin eine heftige Standpauke, die er aber mit dem Vorwurf schloss, dass wir ihn nicht eingeladen hätten."

Gerold W. Gruber, Jg. 1958, ist Ass. Prof. für Musikanalytik an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Er besuchte das Realgymnasium in der Billrothstraße im 19. Wiener Gemeindebezirk.

"Ich wurde viele Jahre lang nicht unterrichtet. Aufgrund einer Gehirnhautentzündung musste ich nach der Volksschule zu Hause bleiben und selbstständig aus Büchern lernen. Aber vielleicht war das gut: Ich war dadurch gewohnt, in Bibliotheken zu gehen und mir nicht alles erklären zu lassen. Diese Fähigkeit hat mir an der Universität sehr geholfen, sie fehlt noch heute vielen Studierenden. Als ich in der Oberstufe dann wieder zur Schule ging, hat es mir ziemlich gut gefallen. Wir hatten ein familiäres Klima und ich war eine unkomplizierte Schülerin. Am liebsten waren mir Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Die Physiklehrerin hat mir auch nach dem Unterricht Versuche gezeigt. Trotzdem hatte ich manchmal das Gefühl, dass mir zu wenig geboten wurde - leider hatte die Schule keinen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt. Ich hätte eigentlich mehr lernen wollen. Außerdem hat mir im Unterricht die Freiheit von früher gefehlt.

Heute sehe ich aber, wie fortschrittlich die Lehrziele und Unterrichtsmethoden meiner Schule waren: Die Lehrerinnen versuchten, uns Prinzipien wie Toleranz, Pazifismus und Völkerverständigung nahe zu bringen. Die Lehrmethoden waren zum Teil sehr modern, es gab auch schon fächerübergreifenden Projektunterricht. Das Selbstbewusstsein als Frau stand traditionell im Mittelpunkt dieser Bemühungen: Das Gymnasium in der Rahlgasse war nämlich die erste Schule in Wien, die Frauen zur Hochschulreife geführt hat. Sogar den Text der Bundeshymne haben wir in einer geänderten Fassung gesungen: ,Einig lasst in Schwesterchören, Vaterland, Dir Treue schwören.'"

Regina Krachler, Jg. 1952, ist Ao. Prof. am Institut für Anorganische Chemie der Universität Wien. Sie besuchte das Bundesrealgymnasium Rahlgasse im 7. Wiener Gemeindebezirk

"In der Unterstufe war ich ein so miserabler Schüler, dass mir jedes Jahr nur knapp ein Nachzipf erspart blieb. Später fiel dieser Druck weg, und von da an habe ich die Schule gern gemocht. Wer wollte, konnte am Nachmittag in der Schule bleiben. Wir erledigten also möglichst schnell unsere Aufgaben, um uns Wichtigerem zuzuwenden: dem Sport. Diese Nachmittage mit meinen Klassenkameraden - wir waren noch eine reine Bubenklasse - waren für mich wahrscheinlich prägender als der Unterricht selbst, der mich nie wahnsinnig interessiert hat. Bis auf zwei Ausnahmen: Turnen hat mir sehr gefallen, und hat sicher dazu beigetragen, dass ich zunächst Sport studiert habe, bis ich wegen einer Verletzung mein Studium wechseln musste. Am meisten beeinflusst haben mich aber die Religionsstunden. Erst der Religionslehrer hat mein Interesse für soziale und politische Themen geweckt. Durch diesen Anstoß bin ich noch in der Schulzeit in der Dritte-Welt-Bewegung aktiv geworden. Menschlich gesehen habe ich auch vom Klassenvorstand viel gelernt, obwohl ich in seinem Fach - Mathematik - immer eine ziemliche Niete blieb. Aber als ich Klassensprecher und dann Schulsprecher wurde, nahm ich ihn als Vorbild dafür, wie man Kollektive vertritt: Nach außen hin hat er uns geschützt, aber mit uns hat er schon öfters Tacheles geredet. Sein Auftreten war auch deshalb so wichtig für mich, weil in den Siebzigerjahren von einer gezielten Vermittlung sozialer Kompetenzen im Unterricht noch keine Rede sein konnte. Doch nicht alle Lehrer habe ich so gut in Erinnerung. Wir hatten auch einen, der ein Nazi war. Er hat das in seinem Unterrichtsstil offen ausgelebt. Bei mir hat diese Erfahrung früh zu einer Resistenz gegenüber totalitären Denkrichtungen geführt."

Walter Manoschek, Jg. 1957, ist Ao. Prof. am Institut für Staatswissenschaften und vergleichende Gesellschaftswissenschaft der Universität Wien. Er besuchte das Gymnasium Geblergasse im 17. Wiener Gemeindebezirk.

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