Schwedenbombe mit Unterdruck

aus HEUREKA 1/02 vom 13.03.2002

Exkursionen in Labors und Besuche von Wissenschaftlern sind in Österreichs Schulen keine Ausnahme mehr. Forschung zum Anfassen ist das Motto einer wachsenden Zahl von Veranstaltungen und Initiativen, die Schüler für ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium gewinnen wollen.

Drogen fürs Gehirn. Am beliebtesten ist die Drogenabhängigkeit. Dieses Thema wurde bei der Brain Awareness Week im vorigen Jahr von Wiener AHS-Schulen am häufigsten gewünscht. Wann können sich die jugendlichen Schüler schon mal von einem Wissenschaftler über bewusstseinsverändernde Substanzen informieren? Um Schizophrenie und BSE geht es, wenn dieser Tage wieder Wiener Neurowissenschaftler in die Klassenzimmer kommen, um Schülern die Funktionsweise der grauen Zellen zu erklären.

Dass Gedächtnis und Bewusstsein nicht nur geistige Begriffe sind, sondern auch aus naturwissenschaftlicher Sicht beleuchtet werden können, sorgt für Staunen. Und das soll es auch. Von den Besuchen in den Schulen erhoffen die Forscher nämlich nicht zuletzt, Nachwuchs für ihr Fach zu ködern. Schließlich machen sich ihre Zuhörer bereits Gedanken, ob und was sie einmal studieren.

Seit Anfang der Neunzigerjahre entscheiden sich immer weniger Maturanten für ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium, und das trotz guter bis glänzender Berufsaussichten. Vor allem Physik und Chemie gelten als langweilig und zu anspruchsvoll. Wirtschaft, Politik und Wissenschaft sind gleichermaßen besorgt. Damit Forscher und Forscherinnen im rohstoffarmen Österreich nicht Mangelware werden, sind Ideen und Initiativen gefragt.

Die Zeiten, als simple Bauklötzchen-Animationen mit jeiernder Lautuntermalung als Modell für die DNA-Struktur herhalten konnten, sind jedenfalls vorbei. In einer von Eventkultur und buntem Infotainment geprägten Welt werden Formate gesucht, die Aufmerksamkeit wecken und Begegnungen mit Wissenschaftlern ermöglichen. "Es machen eher von Haus aus engagierte Schulen mit", weiß Organisator Michael Berger um die begrenzte Reichweite der Brain Awareness Week. Andererseits hätte er Probleme, einer größeren Nachfrage gerecht zu werden.

Anschaulichkeit ist Trumpf. Forschern, die ihre Freizeit für die Begegnungen mit Schülern opfern, winkt immerhin ein besonderer Erkenntnisgewinn. "Für uns Wissenschaftler ist das ein gutes Kommunikationstraining. Wir sind gezwungen, komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären", findet Wilfried Lang. Der Neurologe vom Wiener AKH weiß, dass Anschaulichkeit Trumpf ist. Einmal hat er kurzerhand einen Schlaganfallpatienten ins Klassenzimmer mitgebracht.

Auch die Science Week will die Naturwissenschaften fassbarer machen und vom Nimbus der Unverständlichkeit befreien. Gerald Grois, Physiklehrer an der Informatikhauptschule in der Wiener Steinbauergasse, ist mit seiner Klasse heuer bereits das dritte Mal als Veranstalter dabei. Während der nächsten nationalen Wissenschaftswoche im Mai ist ein "Fest für die Luft" als Station einer "Vergnügungsreise durch die Wissenschaft" geplant. Die Schüler werden physikalische Experimente mit Luftdruck und Vakuum vorführen wie kleine Zauberkunststücke. Warum beispielsweise die Schwedenbombe in einer Glasglocke mit Unterdruck immer weiter wächst, werden sie ihrem Publikum auch verraten - aber erst am Ende des Experiments.

Unterstützt werden die Schüler von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik. Die stellt nicht nur Exponate der eigenen Sammlung zur Verfügung, sondern bringt ihnen auch bei, anderen Laien zu erklären, wie ein Wetterhäuschen und eine interaktive Erdbebenstation funktioniert.

Ihre Auftritte in einem Meidlinger Einkaufszentrum in den beiden vorigen Jahren waren ein voller Erfolg. Die Passanten ließen sich anstecken vom Enthusiasmus der Schüler mit ihren Lackmusstreifen, die den pH-Wert anzeigen, und luftleeren Magdeburger Halbkugeln, die auch ein Bodybuilder nicht auseinanderziehen kann. "Eigentlich wie beim Heurigen", beschreibt Grois die ausgelassene Stimmung, die dabei herrschte.

Erweckung des Forschergeists. Spaß muss sein, da sind sich die Pädagogen einig. Aber wohl noch wichtiger ist die Begeisterung für den Gegenstand und die Neugierde der Schüler. Diesen Forschergeist im Unterricht zu wecken ist eine große Herausforderung für die Lehrer. Charismatische Forscherinnen und Forscher, die den Funken überspringen lassen, kommen da gerade recht. Dies ist die Idee der Junior Academy, einer Veranstaltungsreihe der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und des Stadtschulrats.

Wissenschaftler, die für eine Mendel- oder Schrödinger-Lecture nach Wien kommen, sollen am folgenden Vormittag eine Schule besuchen. Bisher hat keiner der 23 Biologen und Physiker es abgelehnt, sich dieser Junior Academy zu stellen. Der Evolutionsbiologe und Bestsellerautor Richard Dawkins war am Ende der Stunde von begeisterten Schülern umringt, die Autogramme verlangten. Kürzlich besuchte der schwedische Strahlenphysiker Anders Brahme das Realgymnasium Henriettenplatz in Wien. Wissenschaftler seines Kalibers sind es gewohnt, vor ihresgleichen zu referieren. Bei den Schülern musste Brahme sich mit einem sperrigen englischen Vortrag erst einmal Gehör verschaffen. So raschelten hier und da Snacktüten, während Brahme erläuterte, was auf den Overhead-Folien zu sehen war.

Abschließend meldeten sich einige Schüler zu Wort, nachdem man ihnen versichert hatte, es gäbe keine dummen Fragen. "Warum neigen bestimmte Gewebe eher zu Krebs?", wollten sie wissen. Oder: "Was kann man tun, um Krebs möglichst früh zu erkennen?" Der schwedische Physiker schien zufrieden, als er nach knapp zwei Stunden mit viel Applaus verabschiedet wurde und zum Flughafen eilte.

Schüler ins Labor. So glatt und plakativ wie eine Wissenschaftssendung im Fernsehen geraten die Auftritte vor Schülern nicht. Dafür können die Wissenschaftler mit Authentizität punkten. "Es ist wichtig, ein realistisches Bild zu vermitteln", sagt Michael Berger. Forschung sei ein mühsames und meist unspektakuläres Geschäft. Das erleben die Schülerinnen und Schüler am eindrucksvollsten, wenn sie selbst im Labor stehen.

Die international renommierte Molekularbiologin Renée Schroeder hat wiederholt Schülergruppen ins Wiener Biozentrum eingeladen. Bei mehrtägigen Praktika rund ums Thema Genetik lernten die Schüler in Schroeders Labor, Gelelektrophoresen durchzuführen oder das Erbgut von Mikroorganismen zu verändern. Dabei bekamen die Nachwuchsforscher ungefiltert mit, dass sich eine Professorin nicht nur zwischen Hörsaal und Labor bewegt, sondern auch jede Menge Verwaltungsarbeit hat.

Im Gegensatz zu den kurzen Besuchen im Unterricht können die Wissenschaftler während dieser Praktika besonders auf wissbegierigere Schüler eingehen und an deren oft schon vorhandenes Spezialwissen anknüpfen. Sind die Maturanten also ausreichend auf ein Biologiestudium vorbereitet? Schroeders Erfahrungen mit Studienanfängern sind gemischt. Unter den Hörern ihrer Einführungsvorlesung Genetik hat sie enorme Wissensunterschiede festgestellt.

Wochen der Wissenschaft. Brain Awareness Week, Science Week, Junior Academy - die englischen Namen sollen hip klingen. Sie verweisen aber auch darauf, dass die Vorbilder dieser Initiativen aus dem angloamerikanischen Raum kommen. In den USA und in England werden Jugendlichen aufwendige Sommerkurse und mehrwöchige Praktika in Forschungseinrichtungen ermöglicht. In Österreich sind praxisintensive Angebote für Schüler noch spärlich gesät.

Zudem besteht die Gefahr, dass viele gut gemeinte Initiativen ein Strohfeuer bleiben, dass das Didaktik-Rad immer wieder neu erfunden wird oder der Popularisierungselan - weil pädagogisch unbedarft - verpufft. Eine systematische Evaluation der Initiativen und ein landesweiter Erfahrungsaustausch fehlen hierzulande zumeist noch. Wie wäre es also mit einer Science and School Awareness Week?

Junior Academy der Österreichischen Akademie der Wissenschaften:

www.oeaw.ac.at

Science Week:

www.scienceweek.at

Evaluation der Science Week:

www.univie.ac.at /Wissenschaftstheorie/virusss /EndberichtSW2001.pdf

Brain Awareness Week:

mailbox.univie.ac.at /Michael.Berger/ank02.html

14th European Union Contest for Young Scientists:

www.2002youngscientists.org

Jugend Innovativ:

www.jugendinnovativ.at

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige