Alle wollen die Leber sein

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 1/02 vom 13.03.2002

Für Achselgeruch sind Bakterien verantwortlich, und der Verzehr von roten Rüben färbt den Urin rot. Die kalifornische Naturwissenschaftslehrerin Sylvia Branzei begeistert ihre Schüler mit Grossology statt großer Worte. Die Ekelkunde bietet lebensnahes Lernen statt langweiligen Frontalunterricht.

Beim Fußnägelschneiden fällt bei den meisten Menschen nur Horn ab, bei Sylvia Branzei war es eines Tages auch eine Idee. "Woraus wohl das schwarze Zeug unter den Nägeln besteht?", fragte sich die kalifornische Pädagogin. Seit diesem einschneidenden Erlebnis sind Körperflüssigkeiten wie Pisse, Schweiß, Speichel und Rotz aber auch andere Igittigitts wie Ohrenschmalz, Pickel, Erbrochenes und Schuppen die Appetithäppchen, mit denen Branzei ihren Schülern Biologie und Chemie schmackhaft macht. Sie taufte es Grossology (gross = eklig), die "Wissenschaft von wirklich ekligen Dingen".

So lernen die Kids, dass sie täglich einen Liter Speichel schlucken. Oder dass die intensiv riechenden Gase, die sie von sich geben, eigentlich nicht von ihnen produziert werden, sondern von den anaeroben Bakterien in ihrem Verdauungstrakt.

Die Physiologie des Menschen und sein Verdauungs- und Immunsystem lassen sich mit Grossology genauso erschließen wie das Tierreich, angefangen von Schneckenschleim über Schimmelstudien und Mistkäfer bis zur Aufzucht von Küchenschaben. Grossology ist Branzeis Antwort auf die Krise des naturwissenschaftlichen Schulunterrichts, der in den USA ähnliche Defizite aufweist wie hierzulande.

Der Frontalunterricht dominiert - in der Lehrerausbildung genauso wie in den Schulen selbst. "An der Uni wird gezeigt, wie man es nicht machen soll", findet Branzei. Allzu trockene Schulbücher tun ein Übriges. Sie hat selbst jahrelang in der Schulbuchbranche gearbeitet und weiß um deren Probleme. Die Lektoren seien schwerfällig und pädagogisch in den Fünfzigerjahren stecken geblieben.

"Viele Leute glauben immer noch, dass Wissenschaft aus Definitionen besteht, und das macht das Ganze sehr langweilig. In Grossology mache ich das gerade umgekehrt. Die großen Worte kommen später." Entscheidend sei, die Inhalte des Unterrichts mit der Lebenswelt der Schüler in Verbindung zu bringen. Bei Grossology geht es um ihren eigenen Körper und um das was dieser täglich von sich gibt.

"Berührungsängste haben die Schüler mit der ekligen Materie nicht: Wenn der Lehrer signalisiert, dass das Thema okay ist, dann nehmen sie es an. Am Anfang lachen oder rülpsen manche noch, aber ihre Neugierde ist schnell geweckt." In ihrem Unterricht findet zwar allenfalls Speichel Verwendung, um die Aufspaltung von Stärke zu demonstrieren. Aus hygienischen Gründen verzichtet Branzei auf wirkliche Fäkalien oder Blut. Aber wie wäre es mit falschem Blut - aus Wasser, Stärke und rotem Farbstoff gemixt? Aus Mehl und braunem Zucker backen die Schüler falsche, dafür aber leckere Hundetrümmerl.

Und das längst nicht mehr nur an der kalifornischen Whale Gulch School, an der Branzei unterrichtet. Immer mehr Naturwissenschaftslehrer haben sich von Grossology inspirieren lassen. Grundlage hierfür sind die bunten Bücher von Sylvia Branzei voller rotztriefender, eiternder und bakterienverseuchter Zeichnungen von Jack Keely. Übersetzungen ins Koreanische und Japanische sind bereits auf dem Markt. Eine von Branzei angeregte Wanderausstellung tourt derzeit um den Globus, unter anderem mit einem Geruchsgarten voller Duftnoten verschiedener menschlicher Körperregionen.

Trotz des Erfolges will Sylvia Branzei bescheiden bleiben, der tägliche Unterricht verleihe ihr die nötige Bodenhaftung: "Zu Beginn haben sich die Medien auf mich als Person gestürzt: Was ist das für eine Frau, die sich für Pisse und Erbrochenes interessiert? Das hat mich schon gestört, denn ich bin ja nicht selbst eklig. Ich bin nur neugierig." Dann erzählt die Vollblutpädagogin, wie Kinder an ihrer Schule ein Theaterstück über das Verdauungs- und Ausscheidungssystem inszenierten: "Da sie gelernt hatten, wie wichtig dieses Organ für die Blutfilterung ist, wollten alle die Leber spielen." <

Bücher von Sylvia Branzei und Jack Keely (Illustrationen), alle bei Planet Dexter (New York) erschienen:

Grossology: The Science of Really Gross Things. 1995. 80 S., e 18,00

Animal Grossology: The Science of Creatures Gross and Disgusting. 1996. 80 S., e 15,59

Virtual Grossology: See It! Touch It! Hear It! Smell It! Taste It. 1997. 80 S., e 23,95

Hands-On Grossology: The Science of Really Gross Experiments. 1999. 80 S., e 7,19

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