Lieber nix latinus?

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 1/02 vom 13.03.2002

In Österreich wird zurzeit um die Reform der AHS-Oberstufe gerungen. In den jüngsten Diskussionen ging es vor allem darum, welche Rolle Latein hinkünftig spielen soll. Parteipolitisch sind die Fronten einigermaßen abgesteckt - was aber halten Geistes- und Naturwissenschaftler vom Lateinunterricht? Eine kleine Umfrage.

O tempora, o mores!1 Um das Abendland ist es schlecht bestellt. Selbst dem Papst sei in einer kurzen Latein-Passage ein arger Schnitzer unterlaufen, klagte jüngst der Präsident der Vatikanstiftung Latinitas, Cleto Pavanetto. Begonnen hatte das Unheil ja bereits damit, dass das Zweite Vatikanische Konzil in aller Welt Gottesdienste in der Landessprache erlaubte. Und selbst im Vatikan hat sich Italienisch längst als Amtssprache durchgesetzt. Mag man sich in Kirchenkreisen mit dem Bedeutungsverlust des Lateins langsam abfinden, in Österreich dagegen wird weiterhin erfolgreich Widerstand geleistet. Die Frage "Nein zu Latein?" wurde in den vergangenen Wochen jedenfalls zum bildungspolitischen Spitzenthema.

Grund dafür sind die anstehenden Reformen der Oberstufe der Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS) - also jener vier Jahre, die zur Matura führen. Zumindest in den Gymnasien ist Latein nach wie vor konstitutiver Bestandteil der Ausbildung und muss verpflichtend vor der zweiten lebenden Fremdsprache, also ab der 3. Klasse Gymnasium, gewählt werden. Daran wird sich in Hinkunft womöglich ein wenig ändern - die Frage ist nur, was und wie viel.

Scholae sunt humanitatis officinae.2 Die parteipolitischen Fronten sind bei den laufenden Diskussionen mehr oder weniger klar abgesteckt: Die SPÖ und die Grünen nehmen Latein-kritische Positionen ein, ÖVP und FPÖ wollen Latein hingegen weitgehend beibehalten. Nur ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon sorgte für etwas Verwirrung, als er sich rund um den Jahreswechsel zuerst gegen und dann wieder für Latein im Gymnasium aussprach. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer betonte jedenfalls mehrfach, dass in der AHS nach wie vor die Allgemeinbildung im Vordergrund stehen müsse, und das heißt für sie: umfassendes Wissen gepaart mit Persönlichkeitsbildung - wozu eben auch Latein gehöre.

Dem kann sich der Quantenphysiker Anton Zeilinger von der Universität Wien nur anschließen. Der begeisterte Latein-Könner spricht sich für ein differenziertes Bildungssystem aus, in dem es neben praxisorientierten Schulen unbedingt auch das persönlichkeitsbildende Gymnasium geben sollte. Und an dem sollte Latein weiterhin seinen fixen Platz haben, denn "die beständige Auseinandersetzung mit klassischen Texten sei eine einzigartige Denk- und Persönlichkeitsschulung. Das führt nämlich zur unmittelbaren Erfahrung, dass es existenzielle Probleme des Lebens gibt, die Menschen auch vor mehr als 2000 Jahren hatten."

Tempori aptari decet.3 Zumindest das Argument mit der Denkschulung lässt Wolfgang Klimesch, Psychologie-Ordinarius in Salzburg, nicht wirklich gelten. Der Spezialist für Fragen der Hirnphysiologie billigt zwar zu, dass Latein auch ein gutes Geistestraining sei. "Aber die Frage ist, ob ich diese Denkschulung mit anderen, zeitgemäßeren Inhalten nicht genauso gut erfüllen kann. Wenn man an die ganzen neuen Erkenntnisse in der Biologie denkt, dann wäre es wohl ein Fehler, dieses Wissen nicht auch schon in der Schule zu vermitteln."

Mehr Biologie statt Latein also? Wendelin Schmidt-Dengler ist studierter Altphilologe und - nicht ganz überraschend - Latein-Befürworter. Der Wiener Germanist hält Latein zumindest für ein späteres geistes- bzw. kulturwissenschaftliches Studium im Gymnasium für unentbehrlich und verweist auf US-amerikanische Kollegen, die ohne Kenntnis der klassischen Sprachen oft Schwierigkeiten mit philosophischen Termini hätten.

Iurare in verba magistri4 "Latein ist etwas genuin Europäisches", meint Schmidt-Dengler und sieht darin sogar eine identitätspolitische Aktualität. Sein Hauptargument für Latein ist aber, dass es das Denken in Differenzen und die Genauigkeit im sprachlichen Ausdruck fördere. Dieser Argumentation kann Rudolf Taschner, Mathematikprofessor an der TU Wien, nicht allzu viel abgewinnen. Sprachliche Genauigkeit könne man genauso gut an Übersetzungen zeitgenössischer Texte aus dem Englischen oder Französischen schulen. Dabei ist Taschner, der sich zuletzt in der Tageszeitung "Die Presse" als eloquenter Latein-Kritiker hervorgetan hat, nicht prinzipiell gegen die alte Sprache. Der Mathematiker, der in seiner Schulzeit Englisch, Französisch, Russisch und Latein gelernt hat, lässt jedoch kaum eines der geläufigen Pro-Latein-Argumente gelten. Und verweist auf die Wichtigkeit der jeweiligen Lehrerpersönlichkeit, die letztlich maßgeblicher sei als alle Inhalte: "Wenn der Lehrer faszinierend ist, dann kann auch ein Unterricht in Sanskrit persönlichkeitsbildend sein."

1 Oh Zeiten, oh Sitten (Cicero)

2 Schulen sind Produktionsstätten der Menschlichkeit (Comenius)

3 Man muss sich der Zeit anpassen (Seneca)

4 Auf die Worte des Lehrers schwören (Horaz)

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