Simulatives Handeln

Petra Rathmanner | aus HEUREKA 1/02 vom 13.03.2002

Lehrpläne schreiben fest, was an den Schulen gelernt werden soll. Doch im Schulalltag werden sie von vielen Lehrerinnen und Lehrern ignoriert. Lange Vorbereitungen und heftige Diskussionen begleiten ihre Entstehung, aber an und in der Praxis gemessen werden Lehrpläne nicht.

"Lehrpläne sind praxisfern und so überflüssig wie ein Kropf", meint die Lehrerin. "Ohne sie würde ich den gleichen Unterricht machen." Sie selbst habe auf den Lehrplan nur in besonderen Situationen zurückgegriffen: in ihren ersten Unterrichtsjahren, wenn eine Inspektion ins Haus stand. Oder wenn Eltern sich beschwerten. Stünde der Lehrplan zur Benotung, entschieden wohl viele Lehrerinnen und Lehrer auf "Nicht genügend". Er bringt nie das, was ein Lehrer sich von ihm erwartet, und macht höchstens Ärger. Dass neue Lehrpläne den Unterricht alsbald verändern, glauben auch Bildungspolitiker nicht mehr wirklich.

Doch warum wird nicht darauf verzichtet, die Lehrpläne alle paar Jahre neu zu fassen? Wozu der enorme Aufwand für ihre Überarbeitung? Die offizielle Begründung lautet so: Lehrpläne schreiben fest, welche schulischen Lernanforderungen eine Gesellschaft an die nachwachsende Generation stellt. Sie sind Bestandteil der Schulentwicklung und sorgen dafür, dass die Lehrer fachlich und pädagogisch am Ball bleiben. Über den Umweg des Curriculums werden den Lehrern nicht nur Lerninhalte verordnet, sondern zugleich eine neue Kultur des Lernens. Die eigentliche Aufgabe der Lehrplanreform lautet, Schule neu zu denken. Ein starres Schulsystem muss an die Dynamik der Wissensgesellschaft angepasst werden.

In den letzten Jahren haben sich die Akzente in der Bildungspolitik und Pädagogik deutlich verschoben. Der Wiener Erziehungswissenschaftler Karl-Heinz Gruber spricht von einer "Neuverteilung der pädagogischen Macht". Von "Dezentralisierung" und "Schulautonomie" ist die Rede, von "Schulqualität" und "Vielfalt". Diese überall in Europa diskutierten Leitmotive hinterlassen ihre Spuren auch auf den Lehrplänen. Nicht überall spielen sie jedoch die gleiche Rolle. In einigen Ländern sorgen auch national standardisierte Prüfungen für die Einhaltung der verordneten Inhalte. Es ist sicher zu früh, von einem supranationalen Lehrplan zu sprechen, doch Annäherungen gibt es: Länder wie Großbritannien mit bislang laxen Vorgaben stocken ihre Lehrpläne auf, während andere ihre umfassenden Kompendien entschlacken.

Auch die österreichische Bildungspolitik reagiert auf den internationalen Trend - man hält vorsichtig Schritt und entrümpelt die Lehrpläne. "Es hat wenig Sinn, wenn wir heute versuchen, deskriptiv festzuhalten, was ein Maturant im Jahr 2008 wissen soll", sagt Johann Wimmer, Ministerialrat der Abteilung für Allgemeine Höhere Schulen (AHS) im Bildungsministerium.

Die alten Lehrpläne erhoben noch einen solchen Anspruch auf Vollständigkeit, sie waren als Maximalkataloge angelegt. Jedes Fach wurde mit umfassenden inhaltlichen und methodisch-didaktischen Anforderungen versehen. Auf diese Weise sind umfassende Kompendien entstanden. Für die Oberstufe gilt ein 1200 Seiten starker Wälzer, dessen Ausarbeitung 17 Jahre - von 1972 bis 1989 - gedauert hat. Dieses Werk wird in den kommenden Monaten überarbeitet und an den bereits geltenden neuen Unterstufenplan angepasst, um 2004 in Kraft zu treten.

Der Unterstufenlehrplan, der nach dem Jahr seiner Einführung der "99er" genannt wird, ist nur mehr ein Minimalkatalog. Der fachliche Teil ist knapp gehalten und beschränkt sich auf Zielvorgaben. Als Richtschnur für die Gestaltung des alltäglichen Unterrichts taugen diese Vorgaben nur sehr bedingt.

Ein Beispiel aus dem Kernbereich des Unterstufenlehrplans: "Was soll der Unterricht in Geschichte und Sozialkunde bewirken?

I/1. Verstehen historischer Handlungsweisen aus der Zeit heraus. (...)

4. Bildung einer Identität durch reflektiertes Erinnern an positive und negative Seiten der Geschichte unseres Landes. (...)

7. Fähigkeit zu multiperspektivischer Betrachtungsweise als Bestandteil eines kritischen politischen Bewusstseins. (...)

II/2. Erwerben eines Begriffsinstrumentariums, um historische Informationen aufnehmen und beurteilen zu können."

Alle Achtung, was von 14-Jährigen schon erwartet wird. Wichtiger in diesem Zusammenhang ist, dass nicht mehr die Vermittlung von Fakten im Mittelpunkt steht, sondern die Entwicklung der Persönlichkeit. Statt Wissen sollen die Schüler "Schlüsselkompetenzen" und "dynamische Fähigkeiten" erwerben. Unterricht heißt nicht mehr Stoff durchmachen, sondern Handlungsfelder erschließen. Im Entwurf für die Oberstufe finden sich unter dem Stichwort Politische Bildung folgende Vorgaben: "Reales Handeln: Expertenbefragungen, Straßeninterviews usw. Simulatives Handeln: Rollenspiele, Planspiele, Hearing, Tribunal usw. Produktives Gestalten: Reportage, Hörspiel, Diareihe, Homepages usw."

Nur noch zwei Drittel der Unterrichtszeit sind Bestandteil des zentralen Lehrplans. Das verbleibende Drittel soll die Schule selbst gestalten. Mit der Zwei-Drittel-Lösung wird hierzulande die pädagogische Wende versucht. Denn auch der Bereich, den die Schulen autonom bestimmen, soll hohen Ansprüchen genügen. Die Schule soll traditionelle Fächergrenzen aufheben und interdisziplinäre Bildungsbereiche einrichten, heißt es. Jede Schule ist angehalten, Schwerpunkte zu formulieren.

Auf die Frage, ob die neue Freiheit von den Schulen angenommen wird, gibt es im Bildungsministerium ausweichende Antworten. Es gebe noch keine Evaluationen. Ein Gesetz, das zur Abfassung eines Schulprogramms verpflichtet, ist noch nicht in Kraft. In den zweieinhalb Jahren seit Einführung der Autonomie hat etwa jede zweite Schule ein Schulprogramm verfasst. Was ist mit der anderen Hälfte los?

"Dieser Lehrplan ist für die Bildungspolitiker und nicht für die Lehrer geschrieben", heißt es in den Lehrerzimmern. Kritiker sprechen von einer "Dezentralisierung der Unvereinbarkeit". Autonomie bedeutet zunächst einmal Mehrarbeit, die sich in Zeiten von Sparpaket und Budgetkürzung aber nicht auf dem Gehaltsbogen bemerkbar macht. Aus der schönen neuen Freiheit ist an vielen Schulen ein beinhartes Feilschen um Stunden geworden. Böse Zungen sprechen dem Lehrplan jegliche Reformwirkung ab.

Eine Ansammlung von Kompromissen, mit Lücken, die oft mehr sagen als die Inhalte. Dass Lehrpläne sind, wie sie sind, hat damit zu tun, wie sie zustande kommen. Für größere Reformen wäre eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament nötig. Am Anfang steht der Streit um die Richtlinien. Hat man sich darüber geeinigt, wird für jedes Fach eine Arbeitsgruppe gebildet. Eine Arbeitsgruppe umfasst vier bis fünf Experten - zunächst Fachlehrer, die in der Aus- und Weiterbildung tätig sind, Schulbuchautoren und Funktionäre. Gut möglich, dass sich die Beteiligten noch vom letzten Lehrplan her kennen. "Es ist ein kleiner Kreis, der dafür infrage kommt", heißt es im Ministerium.

Auf Basis der ministeriellen Vorgaben und des alten Lehrplans erarbeitet die Gruppe einen Entwurf. Dieser wird von den Beamten redigiert. Der Umfang der Änderungen ist unterschiedlich: Manche Fächer werden übernommen, andere "im Sinne des Gesamtplans" umgeschrieben. Größter Konfliktherd ist die Zuteilung der Stunden pro Fach und Thema. Das reicht bis zu Interventionen der Fachlobbyisten bei Ministerin Elisabeth Gehrer. Es wird schon diskutiert, bei der anstehenden Oberstufenreform auf die feste Stundenzuteilung zu verzichten.

Ist die inhaltlich-pädagogische Seite geklärt, wandert das Papier zu den Juristen und wird in geschliffenes Beamtendeutsch übersetzt. Dann durchläuft der Lehrplan ein Begutachtungsverfahren. An die zweihundert Institutionen - von den Landesschulräten bis zu den Bischöfen - geben eine Stellungnahme ab. Zu diesem Zeitpunkt sind nur mehr minimale Veränderungen möglich. Am Ende steht der staatliche Erlass, der verbindlich in Kraft gesetzt wird. An die Schulen geht der Lehrplan in der Hoffnung, dass treue Staatsdiener ihn nun "umsetzen".

"Wir wissen, der Lehrplan sickert mit einigen Jahren Verzögerung durch", so Wimmer. Lehrpläne wirken indirekt. Zum einen vermittelt über Schulbücher, soweit sie im Unterricht eingesetzt werden. Zum anderen über junge Lehrer, die sich in der Ausbildung damit beschäftigen mussten.

Was in den Klassenzimmern damit aber wirklich passiert, weiß so genau niemand. Bei der Qualitätssicherung vertraut das Schulwesen fast ausschließlich auf die einzelne Lehrkraft und ihre Fachkompetenz. Kontrolliert wird die Einhaltung des Lehrplans nur stichprobenartig durch Direktoren und Fachinspektoren.

Aus einer Lehrerbefragung wird die relative Bedeutungslosigkeit der Lehrpläne im Schulalltag deutlich. Nur etwa jeder dritte Lehrer zieht sie gelegentlich zu Rate. Laut dieser Untersuchung stehen bei der Vorbereitung des Unterrichts eigene Materialien an erster, der Lehrplan an siebenter Stelle.

Petra Rathmanner ist Redakteurin der Zeitschrift "ÖKS Transfer" und arbeitet als Kulturjournalistin in Wien.

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