Pädagogik: nicht genügend

Robert Czepel, Desirée Hebenstreit und Stefan Löffler | aus HEUREKA 1/02 vom 13.03.2002

Lehramtsstudenten bekommen viel Fachkenntnis und wenig Praxis. Doch die Universitäten tun sich schwer mit der Reform. Warum die kleinen Professoren in Österreich noch nicht ausgedient haben, und wie die Kluft zwischen Ausbildung und Schulalltag zu überwinden wäre.

"Mein erstes Unterrichtsjahr geriet für mich zum regelrechten Praxisschock", erzählt Kerstin Böhm, Musik- und Religionslehrerin an einem Wiener Gymnasium. Und Petra Meischel, die an der Universität Wien Lehramt Deutsch und Geschichte studiert, fordert: "Wir sollten viel früher in die Schulen gehen, jetzt ist das erst nach dem fünften Semester möglich." Wenn sie ihr abschließendes Studienjahr als Probelehrerin antritt, wird sie in der Schule wahrscheinlich mit den Worten empfangen: "Vergessen Sie alles, was Sie an der Uni gelernt haben."

Den Schulbehörden sind die praktischen Defizite des Lehramtsstudiums für die Allgemein- und Berufsbildenden Höheren Schulen schon lange ein Dorn im Auge. Helmut Dirnbacher vom Stadtschulrat Wien wünscht sich von einem Lehrer "Kommunikationsfähigkeit, soziales Engagement und Freude am Vermitteln von Inhalten. Zudem Teamfähigkeit und nicht zuletzt ein hohes Niveau an Frustrationstoleranz." Alles Kompetenzen, die in Vorlesungen und Seminaren schwerlich zu erwerben sind.

Lehrveranstaltungen in Pädagogik und Fachdidaktik machen nicht einmal ein Viertel des Studienplans aus. Der Schwerpunkt liegt eindeutig im Fachstudium - mit fatalen Folgen für das Selbstbild: "Die Lehramtsstudenten fühlen sich nicht in der Pädagogik zu Hause sondern in ihren Fächern", kritisiert der Innsbrucker Erziehungswissenschaftler Michael Schratz. "An der Schule werden sie immer noch gerne als kleiner Professor gesehen, als Germanist oder Anglist, aber nicht als Lehrer."

Zwischen Pädagogik und Fachstudium das richtige Verhältnis zu finden ist ein altes Dilemma. In den Naturwissenschaften wird auf das Lehramt ohnehin schon seit jeher als "Light-Version" des Diplomstudiums herabgesehen. Herbert Groß, seit 27 Jahren Mathematiklehrer in Wien, verteidigt die Fachlastigkeit des Studiums, "auch wenn man einen großen Teil davon nicht einsetzen kann. Man muss viel mehr wissen als die Schüler." Martin Aschauer, Lehramtsstudent Geschichte und Spanisch, findet es wichtig, "einen wissenschaftlichen Zugang zum Fach zu haben, um neue Aspekte in den Unterricht einzubringen. Sonst würde die geistige Landschaft veröden."

Luitfried Salvini-Plawen, der Leiter der Studienkommission für naturwissenschaftliche Lehramtsstudien an der Universität Wien, schildert das Dilemma anhand der Biologie und Erdwissenschaften: "Bei der letzten Studienplanänderung haben wir die angewandt-pädagogischen Defizite auszugleichen versucht. Das ging aber auf Kosten der fachlichen Ausbildung. Man fragt sich, wie alles in achtzig Semesterstunden unterzubringen sein soll." In den Studienplänen, die im kommenden Wintersemester in Kraft treten sollen, wird die Stundenanzahl der pädagogischen Fächer immerhin erhöht. Doch selbst diese kleine Reform wird nicht leicht umzusetzen sein, weil es in einigen Bereichen an Fachdidaktikern mangelt.

Arthur Mettinger, der für Lehre verantwortliche Vizerektor der Universität Wien, sieht in fast allen Problemfeldern des Lehramtsstudiums Nachholbedarf. Die Universität kann Studienanfänger derzeit weder über den Arbeitsmarkt für Lehrer informieren noch eine Diagnose über ihre Eignung für den Beruf anbieten. Den Schwierigkeiten junger Lehrerinnen und Lehrer beim Übergang in die Praxis will Mettinger durch mehr Zusammenarbeit mit den Schulbehörden begegnen. Man müsse aber auch über Erwerb und Anerkennung pädagogischer Kenntnisse in Modulen außerhalb der Universität nachdenken. Bis in zwei oder drei Jahren die Evaluierung des Lehramtsstudiums beginnt, soll schon vieles besser laufen, hofft Mettinger. Einiges abschauen könnte sich die Wiener Universität derweilen in Innsbruck (siehe Kasten links).

Für die Universitäten steht einiges auf dem Spiel. Überlegungen des Unterrichtsministeriums, die Lehramtsstudien im Zuge der Universitätsreform gleich aus der Universität auszugliedern, wurden zwar vorerst ad acta gelegt. Doch angesichts der anstehenden Reform der pädagogischen Akademien, auf denen die so genannten Pflichtschullehrer ausgebildet werden, stellt sich die Frage erneut: Darf sich Österreich weiter den Sonderweg zweier unterschiedlich gewichteter Lehrerausbildungen leisten?

An den Pädagogischen Akademien sind im Gegensatz zum Lehramtsstudium von Beginn der dreijährigen Ausbildung an ständige Unterrichtseinheiten in der Klasse integriert. An den Hauptschulen unterrichten die Absolventen der Akademien nach nahezu den gleichen Lehrplänen wie ihre besser bezahlten AHS-Kollegen in der gymnasialen Unterstufe. Erziehungswissenschaftler sind sich weitgehend einig, dass die Lehrer zumindest pädagogisch gemeinsam ausgebildet werden sollten. Die Spezialisierung könnte dann entweder an Fachhochschulen, etwa für Sonder- und Grundschulpädagogik, oder an Universitäten folgen.

Trotz der ungewissen Zukunft ist das Lehramtsstudium immer noch vergleichsweise beliebt. Studiert werden vor allem Fächer, für die es kaum freie Stellen gibt, nämlich Deutsch, Geschichte und Fremdsprachen. Händeringend gesucht werden Lehrer für Chemie und Physik. Von 1200 Lehramtsstudenten in Innsbruck haben gerade einmal drei Physik gewählt. Das erste Unterrichtsjahr gilt noch als Teil der Ausbildung. Eine Stelle als Probelehrer muss, so sieht es der Gesetzgeber vor, bereitgestellt werden.

Von jährlich etwa 250 Absolventen eines Lehramtsstudiums in Wien finden nur zehn eine freie Stelle, schätzt Horst Stubenvoll vom Pädagogischen Institut der Stadt Wien. In den Arbeitslosenstatistiken finden sich die anderen jedoch nicht. Laut Angaben des Arbeitsmarktservice sind bundesweit nur 201 AHS-Lehrer als arbeitslos gemeldet. Ein großer Teil kommt anscheinend gut und zufrieden in anderen Berufen unter.

Dem Klischee nach ist der Lehrerberuf ein Traumjob. Zum Mittagessen bereits wieder zu Hause, jede Menge Ferien und ein krisensicherer Arbeitsplatz. Die Realität sieht freilich anders aus. Der Unterricht - in der Regel zwanzig Wochenstunden zu fünfzig Minuten - macht nur etwa ein Drittel der gesamten Arbeitszeit aus, hat eine vom Unterrichtsministerium in Auftrag gegebene Studie ergeben. Von Halbtagsjob also keine Spur.

Auch die langen Schulferien täuschen. Im Durchschnitt leistet ein Lehrer während der Ferienzeiten etwa 165 Arbeitsstunden. Relativ hoch sind die Angaben zur Fort- und Weiterbildung. Etwa ein Zehntel ihrer Jahresarbeitszeit sind die Lehrer selbst mit Lernen beschäftigt. In der Praxis ist ein abgeschlossenes Lehramtsstudium so gesehen längst nicht mehr der Weisheit letzter Schluss.

Classroom-Manager gesucht. Dass das Lehramtsstudium an der Schulpraxis vorbeigeht, dass viele Absolventen dem Beruf nicht gewachsen sind - die Kritik der Schulbehörden an der universitären Ausbildung wird in Österreich nirgends so beherzigt wie in Innsbruck. Schicken andere Universitäten die angehenden Pädagogen frühestens nach fünf Semestern an die Schulen, schnuppern sie in Tirol schon zwischen dem ersten und zweiten Semester Praxis. Dort sollen sie Einblick in die vielfältigen Aufgaben und Beanspruchungen des Lehrerberufs bekommen und die eigene Belastungsfähigkeit testen, so Lehramtsstudienleiter Michael Schratz. Weil die Universität die Studierenden nicht aussuchen darf, setzt er auf Selbstselektion. Ein ausgeklügeltes System von Fremd- und Selbstanalysen bringt immerhin einen von fünf nach dem ersten Studienjahr dazu, vom Lehramts- aufs Diplomstudium zu wechseln.

Anstelle von Theorien werden in Innsbruck Kompetenzen vermittelt. Schratz spricht unter anderem von "Classroom-Management" und fügt hinzu, dass sich dafür noch kein deutscher Begriff durchgesetzt habe. "Ein Lehrer muss sehr viele Entscheidungen ad hoc treffen, da ist weniger vorkalkulierbar als in anderen Berufen", erläutert der Erziehungswissenschaftler. Dass erste Unterrichtsstunden auf Video aufgezeichnet werden, wird auch andernorts praktiziert. In Innsbruck reflektieren die künftigen Classroom-Manager jedoch zunächst selbst über die Aufnahmen, bevor ihr Auftreten von anderen beurteilt wird. Am Ende des Studiums erwartet sie neben herkömmlichen Prüfungen ein so genanntes Assessment Center. In simulierten Schulsituationen (siehe Foto) müssen sie ihre Kompetenzen unter Beweis stellen und anschließend analysieren. Das Rollenspiel ist durchaus ernst gemeint: Es fließt in die Note ein. S. L.

Karriereberatung für Lehrer:

www.cct.austria.at

Institut für schulpraktische Ausbildung: http://ica.univie.ac.at

Positionspapier des Pädagogischen Instituts der Stadt Wien zur Reform der Lehrerausbildung:

www.pi-wien.at/arbeitsbereiche /hpb.pdf

LehrerIn 2000 - Studie:

www.bmuk.gv.at/pneu /lehrer2000.htm

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige