Freistunden auf dem Klo

aus HEUREKA 1/02 vom 13.03.2002

Nach 25 Jahren als Gymnasiallehrerin hatte Marga Bayerwaltes genug: von ihrem Beruf, von ihren Kollegen und vom Lehramtsstudium. Ohne Kenntnisse von Pädagogik oder Psychologie würden sie und ihresgleichen auf die Schüler losgelassen. Wer ihr Buch gelesen hat, will nicht Lehrer werden. Oder erst recht?

Zwei Fragen sind es, die Marga Bayerwaltes jedem empfiehlt, der ein Lehramtsstudium beginnen will: "Willst du wirklich dein ganzes Berufsleben mit lauten, frechen, anstrengenden Kindern verbringen? Kannst oder weißt Du etwas, das dir so wichtig ist, dass du es immer wieder aufs Neue erklären oder erzählen willst?" Wer nicht zweimal laut und ehrlich ja sagt, habe in ihrem Beruf nichts verloren.

"Wir sind überhaupt keine Pädagogen, sondern Fachvermittler, aber was vermitteln wir denn groß? Die meisten Lehrer vermitteln, dass sie ihr Fach selbst nicht interessiert." Das Lehramt werde zunehmend zum Auffangbecken für Studienversager, Mittelmäßige, Unentschlossene, Ängstliche. Wenn Schüler etwas lernen, dann weil sie ihren Lehrer mögen und der sie. Die Schlüsselqualifikationen für den Lehrberuf seien Liebe und Gerechtigkeit, aber studieren könne man das nicht.

"Große Pause!" basiert zwar auf Erfahrungen in einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen, doch auch österreichische Lehrer werden ihre schulische Wirklichkeit darin wiedererkennen. Die Schüler in der letzten Reihe, die laufend rülpsen. Die Kollegen, die konstruktive Zusammenarbeit mit der Schulleitung oder den Schulbehörden für Verrat halten. Die Eltern, die den Anti-Pädagogen fordern, der sich mit Strafarbeiten und Nachsitzen Respekt verschafft.

Beim nächtlichen Korrigieren von Klausuren hat sich Bayerwaltes oft gefragt, wo die Lernfortschritte ihrer Schüler waren, wozu sie überhaupt unterrichtet hatte. Zwischen Sitzungen schluckte sie Pillen. Um Klausur- und Pausenaufsichten zu entkommen, schloss sie sich während Freistunden auf der Toilette ein. Schließlich ließ sie sich für ein Jahr beurlauben und schrieb sich den Schulfrust von der Seele.

Enttäuscht haben Bayerwaltes vor allem die Kollegen. Das Dienstrecht im Schlaf runterbeten können, aber keine Minute länger als nötig in der Schule. Weghören, wenn ihnen die Schüler "Wichser" oder "blöde Sau" sagen, und lieber den Kontakt mit dem Feind auf ein Minimum beschränken. Die entweder auf Kumpel machen oder auf Leistungsdruck, aber nie beides unter einen Hut bringen. Der Beruf, so schließt sie, macht zynisch, böse, krank - oder alles zusammen.

Während ihres freien Jahres hat er sie bis in den Schlaf verfolgt. Da war der wiederkehrende Albtraum, dass sie die ganze Schule putzen musste, bevor sie nach Hause durfte. Wenn sie auf der Straße Kollegen erspähte, drehte sie sich zu Schaufenstern um. Als sie einmal beim Schulamt anrufen musste, meldete sich prompt ihr Rheuma zurück. Auf Partys merkte sie, welch beliebtes Thema Lehrer waren - Ressentiments haben schließlich alle. Auch eine überraschend gestartete Imagekampagne für Lehrer brachte Bayerwaltes nicht mehr davon ab, ihre Konsequenz zu ziehen: Sie hat den Job geschmissen. S. L.

Marga Bayerwaltes: Große Pause! Nachdenken über Schule. München 2002 (Verlag Antje Kunstmann). 319 S., e 22,60

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