Wenn Kinder zu weit zählen

Stefan Löffler | aus HEUREKA 1/02 vom 13.03.2002

Eines von zwanzig Kindern ist zum Schulversagen verurteilt, weil es nicht wirklich verstanden hat, was Zahlen sind. Verglichen mit der Lese- und Rechtschreibschwäche ist die Rechenschwäche in Österreich kaum bekannt. Dabei ist dieser Lernstörung gut beizukommen, wenn sie früh erkannt wird.

Mathematik als Ärgernis. Vier plus wie viel ist neun? Fünfzehn plus wie viel ist achtzehn? Es war diese Art Aufgabe, die Philipp Chryssochoidis einfach nicht durchschaute. Einige Wochen Förderunterricht brachten den Wiener Erstklassler kein Stück weiter. "Mama, ich kapier das nicht, Mathe zipft mich an", teilte der Siebenjährige zu hause mit. Auch die Lehrerin meinte, dass etwas nicht stimmen könne, weil Philipp doch sonst gut lernte. Und sie drückte Pia Chryssochoidis eine Adresse in die Hand.

Am Wiener Institut zur Behandlung von Rechenschwächen wurde Philipp getestet. Zählen konnte er. Rückwärts zählen mit kleinen Unsicherheiten. Würfel ablesen und Zahlendiktat gut. Raumverständnis sehr gut. Aber wenn er eine kleine Addition machen sollte, begann Philipp zu zählen. Ergänzen oder zerlegen konnte er Zahlen nicht. Für Philipp war eine Zahl eine Stelle auf dem Zahlenstrahl. Aber dass Zahlen Anzahlen waren, hatte er nicht verinnerlicht.

Etwa jedes zwanzigste Kind ist von Rechenschwäche betroffen, haben drei deutsche Studien unabhängig voneinander ergeben. Zahlen für Österreich gibt es nicht. Überhaupt ist Rechenschwäche oder Dyskalkulie hierzulande kaum bekannt. Die Betroffenen sind in der Schule zum Scheitern verurteilt, weil sie im Schlüsselfach Mathematik nie da abgeholt worden sind, wo sie bei ihrer Einschulung standen.

Weil grundlegende Lernschritte fehlen, kommen die Betroffenen im Rechnen nicht weiter. Der an den Schulen verordnete Förder- oder Stützunterricht setzt meist nur am Stoff der letzten Wochen und Monate an und damit ebenso an der falschen Stelle wie Nachhilfe. Zeigt ein rechenschwaches Kind in anderen Bereichen normale oder überdurchschnittliche Intelligenz, erhält es mit etwas Glück eine Therapie. Dabei geht man an die Stelle im Lernprozess zurück, an der das Kind noch sicher ist und arbeitet dann langsam das Versäumte auf - individuell, systematisch und darauf bedacht, verständlich zu machen, was hinter den Zahlen und Rechnungen steckt.

Von Äpfeln und Äpfeln. Seit den letzten Sommerferien kommt Philipp einmal in der Woche zu den Lerntherapeuten des Instituts zur Behandlung der Rechenschwächen. Weil sein Problem rasch erkannt worden war, dauerte es nur wenige Sitzungen, bis er den Stoff aufgeholt hatte. Mittlerweile macht ihm das Rechnen so viel Spaß, dass Pia Chryssochoidis beschlossen hat, ihn so lange in die Mathetherapie zu schicken, bis er das Lernziel der zweiten Klasse erreicht hat.

Wie äußert sich Rechenschwäche? Zum Beispiel darin, dass ein Kind nicht erkennt, dass fünf verschrumpelte Äpfel und fünf große Äpfel gleich viele sind, erläutert der Berliner Mathematikdidaktiker Michael Wehrmann. Wenn er dei einem Kind die Anamnese erhebt, fragt er zum Beispiel, wie viel acht minus sieben ist und lässt sich erklären, wie es zur Lösung gekommen ist. "Acht und sieben liegt nah beieinander, da ist doch nur eins dazwischen" - das wäre eine verstandene Lösung. Eine unverstandene Lösung wäre, wenn das Kind acht Finger ausstreckt und sieben wieder einklappt."

Wehrmann zufolge fehlt es gerade beim ersten Umgang mit Zahlen an didaktischen Grundlagen: "Viele Lehrer vermitteln in Mathematik nur, wie es geht, aber nicht, was es ist. So kommt es, dass Kinder Addieren als Weiterzählen auffassen statt als Zusammenfügen."

Alles Einser und ein Fünfer. Rechenschwäche ist weder angeboren noch ein Zeichen von Dummheit, wie ein Fall aus Wehrmanns Praxis zeigt: Zweisprachig aufgewachsen, hatte die 15-Jährige zwischen lauter Einsern in ihrem Zeugnis einen Fünfer in Mathematik. "Die Schülerin hatte von der Mathematik der neunten Jahrgangsstufe nicht das Geringste begriffen." Zweieinhalb Jahre hat es gedauert, dann hatte das sprachbegabte Mädchen in Mathematik Maturaniveau, "aber sie war ein Extremfall". Dass ein Kind mit einer solchen "Teilleistungsstörung", wie es im Pädagogenjargon heißt, fünf Klassenstufen des Gymnasiums überstehe, sei ungewöhnlich.

Einige Kinder schaffen es, ihre Rechenschwäche zu verbergen, hat die Wiener Lerntherapeutin Maria Götzinger-Hiebner beobachtet. "Wenn Kinder sonst gut lernen, finden sie Wege, das fehlende Verständnis zu kompensieren. Für sie ist Mathematik Einsetzen in Formeln und analoges Lösen von Musteraufgaben, aber sie begreifen nie, was dahinter steckt." Didaktiker bemängeln, dass gerade im Mathematikunterricht eher das Anwenden von Rezepten und Nachvollziehen von eigentlich Unverstandenem vermittelt werde als Problemlösen und selbstständiges Verstehen.

Philipp hatte Glück, dass seine Lehrerin schon von der Rechenschwäche gehört hatte. Dass der Klassenlehrer auf ein Kind aufmerksam wird, geschieht gerade in Österreich oft zu spät, bedauert Institutsleiter Michael Gaidoschik: "Zu viele Lehrer sind nicht ausgebildet für die Früherkennung. In vielen Fällen heißt es dann: Das wird schon noch, oder das Kind sei eben insgesamt nicht so intelligent."

Je später desto teurer. Offiziell bekannt ist Rechenschwäche nur im Wiener Schulwesen. Lehrer in anderen Bundesländern haben, wenn überhaupt, nur zufällig von der Existenz dieser Lernstörung erfahren. Gaidoschik verbringt mittlerweile einen Gutteil seiner Zeit damit, Lehrer auf Fortbildungen für Rechenschwäche zu sensibilisieren. Je später sie diagnostiziert wird, desto mehr Missverständnisse haben sich im betroffenen Kind angesammelt. Je mehr aufzuholen ist, desto teurer kommt die Therapie.

Bei typischerweise eineinhalb bis zwei Jahren dauernden wöchentlich stattfindenden Sitzungen während der Schulzeit kommen 3000 bis 5000 Euro zusammen. Meist müssen die Familien selbst zahlen. Nur in Einzelfällen kommt in Österreich das Jugendamt oder ein karitativer Träger dafür auf, berichten Wiener Lerntherapeuten.

Die Rechenschwäche ist den Schulbehörden bekannt. Doch vor flächendeckenden Maßnahmen wird zurückgeschreckt - wohl aus Angst vor damit verbundenen Ausgaben für Fortbildungen, Fördermaßnahmen und die Anpassung von Lehrmitteln, so Gaidoschik: "Wenn Rechenschwäche erwähnt wird, dann meist im Zusammenhang mit Legasthenie. Die wird im österreichischen Schulwesen seit langem berücksichtigt. Aber die innerschulischen Maßnahmen gegen Legasthenie haben nicht die erhofften Erfolge erbracht. Damit wird nun gegen innerschulische Hilfe für rechenschwache Kinder argumentiert."

Fünf Schritte, fünf Smarties. Lese- und Rechtschreibschwäche wird oft auf körperliche Defizite zurückgeführt, etwa Hörfehler oder Schwierigkeiten, einen Stift zu halten. Einzelne Therapeuten führen auch die Rechenschwäche auf physische Ursachen zurück und sprechen von einem unterentwickelten Körper- und Raumgefühl. So setzt Doris Püringer vom Institut Apedo auf motorische Übungen oder die Vermittlung von Anzahlen mit allen Sinnen: fünf Schritte gehen, fünf Smarties essen, fünf Töne hören. Wehrmann und Gaidoschik vertreten einen anderen Ansatz, bei dem die Kognition im Zentrum steht.

Die größte Hürde für den Erfolg einer Therapie sei nicht das Kind selbst. Alle Schützlinge bringen eine Leidensgeschichte mit, berichtet Wehrmann: "Im günstigsten Fall hat die Nachhilfe nichts kaputt gemacht, denn der beste Nachhilfelehrer muss bei einem rechenschwachen Kind versagen. Das Kind kriegt das Gefühl: Wenn der Lehrer, die Eltern und selbst der Nachhilfelehrer es mir nicht beibringen können, dann bin ich wohl zu blöd dafür. Kinder sind gut darin, die Ursachen bei sich zu suchen und das zu verinnerlichen. Dann kann sich das Versagen auf andere Fächer ausweiten."

Vorausgesetzt, die Eltern spielen mit, führe die Therapie fast immer zum Erfolg, berichten Wehrmann und Gaidoschik übereinstimmend. "Dann machen die Kinder bei IQ-Tests einen enormen Sprung", lacht Wehrmann. "Aber das hat eigentlich weniger mit Intelligenz zu tun als damit, dass IQ-Tests sehr mathematiklastig sind."

Die Bilder von Rotraut Susanne Berner stammen aus dem Buch von Hans Magnus Enzensberger: Der Zahlenteufel. Ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben. München/Wien 1997 (Hanser Verlag). 264 S., e 20,50

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