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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 1/02 vom 13.03.2002

Sie waren in Mathematik eine Niete? Macht nichts, Einstein hatte auch einen Fünfer! Überhaupt haben Genies in der Schule nur Probleme, und bloß Streber, aus denen gar nichts wird, bekommen gute Noten. So sagt man und so hört man es immer wieder. Es ist ja auch eine tröstliche Vorstellung. Sie hat nur den Nachteil, dass sie nicht stimmt.

Albert Einstein war ein guter Schüler. Im Münchner Luitpold Gymnasium hatte er mit seinen konservativen Lehrern ausschließlich disziplinäre Probleme. "Du wirst es nie zu etwas bringen", beschied ihm sein Lateinlehrer, meinte jedoch Alberts Aufsässigkeit, nicht seine Noten, die nie schlechter als mittelmäßig waren.

Wie alles im Leben Isaac Newtons war auch seine Schulzeit eine beispiellose Erfolgsgeschichte: Mit reiner Willenskraft brachte es der Junge aus ärmsten Verhältnissen zum besten Schüler und verdiente sich damit ein sonst unerreichbares Stipendium der Universität Cambridge.

Newtons späterer Gegner Gottfried Wilhelm Leibniz brachte sich mit acht Jahren selbst Latein bei, schrieb mit dreizehn an einem einzigen Vormittag für eine Schulfeier ein Pfingstgedicht von dreihundert lateinischen Hexametern und trug es seinen fassungslosen Lehrern vor. Immanuel Kant war fast jedes Jahr Klassenbester. Von Carl Friedrich Gauß ist überliefert, dass er schon in der Volksschule selbstständig die Summenformel der geometrischen Progression ableitete und seinem Lehrer Buettner derart überlegen war, dass dieser ängstlich darauf verzichtete, irgendeine Frage an den Sechsjährigen zu richten.

Dass Genies nicht gerne zur Schule gehen, stimmt meist. Dass sie schlechte Schüler sind, jedoch nur selten: Die meisten von ihnen wurden spielend damit fertig und waren froh, als sie sich Wichtigerem widmen konnten. Kein Lehrer überforderte Albert Einstein oder hatte eine Chance, Leibniz, Kant, Newton und Gauß das Leben schwer zu machen. Das mag für uns Mittelmäßige nicht beruhigend sein. Aber im Grunde ist es doch ein schöner Gedanke.

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