heureka 2/02

Oliver Hochadel, Stefan Löffler und Klaus Taschwer | aus HEUREKA 2/02 vom 08.05.2002

Liebe Leserin, lieber Leser! Zikadengenerationen treten in Nordamerika im Primzahl-Rhythmus von 13 oder 17 Jahren auf - so umgehen die im Erdboden wartenden Larven periodisch auftretende Jäger. Bienen wärmen die mit Nachwuchs gefüllten Waben mit Bewegungen ihrer Flugmuskeln. Dabei haken sie die Flügel aus, um die Temperatur durch das Fächeln nicht wieder zu senken. Die panzerlose Lederschildkröte ist vom Aussterben bedroht - Ursache für den Bestandsrückgang sind die Hochseefischerei und die touristische Erschließung von Sandstränden. Das haben Forscher aus Dortmund, Würzburg und Kalifornien herausgefunden - und die APA hat es in den letzten Apriltagen publik gemacht. Bis zu fünf Tiermeldungen lässt die Nachrichtenagentur täglich über ihren Newsticker laufen. Wissenschaftler interessieren sich für Tiere - ebenso wie die Leser von Zeitungen. Auf den folgenden 21 Seiten werden sie keine weiteren APA-Meldungen finden. Vielmehr beleuchtet "heureka" das Verhältnis von Mensch und Tier an sich, und zwar genau jene Bereiche, in denen die Interaktion zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit besonders intensiv oder gar kontroversiell ausfällt. An aktuellen Aufhängern zu den Schwerpunktthemen Zoo, Tierversuche und Primatologie mangelt es nicht.

So steht diesen Sommer das 250-Jahr-Jubiläum des Tiergartens Schönbrunn an, des ältesten Zoos der Welt. Auch die Wissenschaft hat Käfig und Freigehege längst als Forschungsterrain entdeckt. Am spektakulärsten tut sie dies heutzutage in Sachen Reproduktionsmedizin. Bedrohte Arten sollen sich fortpflanzen - und das Publikum mit süßen Elefantenbabys angelockt werden. Da sich auch nicht bedrohte Arten vermehren, werden Jungtiere aus Platzmangel mitunter "ausgeschieden". Dieser "instrumentelle" Umgang mit Lebewesen bringt Tierschützer auf die Barrikaden. Gleiches gilt für die Leiden der Versuchstiere. "heureka" hat sich für eine andere Perspektive entschieden und nachgeforscht, was den viel geschmähten Tierversuchern durch den Kopf geht, wenn sie Mäuse töten. Das Leben im Versuchslabor endet freilich nicht zwangsläufig mit dem Tod. So wird derzeit in Niederösterreich die Übersiedelung von 150 Affen aus der Niederlassung eines Pharmakonzerns in den Safaripark Gänserndorf vorbereitet. In dieser Posse sind die Tiere nur Statisten: Es geht vor allem ums Geld.

Dem Menschen geht es bei der Erforschung des Tieres immer um sich selbst. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist die Primatologie, die fragt, wie nah uns unsere stammesgeschichtlich nächsten Verwandten stehen. Jüngst hat Frans de Waal für Aufsehen gesorgt, als er behauptete, dass auch Menschenaffen "Kulturwesen" seien. "heureka" hat ihn auch nach der kulturellen Prägung der Primatologen gefragt. "Von Amerikanern untersuchte Tiere laufen wie verrückt umher, mit einer unglaublichen Betriebsamkeit und Energie. Von Deutschen beobachtete Tiere sitzen ruhig da, denken nach und entwickeln schließlich die Lösung aus innerer Einsicht", spottete der Philosoph Bertrand Russell bereits 1927. Die Primatologen nehmen dies nicht nur zum Anlass zur kritischen Selbstreflexion, sondern auch zum Brückenschlag zu den Geisteswissenschaften, was im Wissenschaftsbetrieb nach wie vor die große Ausnahme ist. Der Dank gebührt den Affen. Vielleicht sollten sich ja noch mehr Wissenschaftler mit Tieren beschäftigen.

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