Der Mensch im Tier

aus HEUREKA 2/02 vom 08.05.2002

Kultur versus Natur - an dieser Dichotomie haben sich viele Vordenker der Sozial- und Geisteswissenschaften abgearbeitet, von Sigmund Freud über den Anthropologen Claude Lévi-Strauss bis zum Soziologen Norbert Elias. Gemeinsam ist den meisten ihrer Theorien, dass sie die Kultur zur genuin menschlichen Existenzbedingung erklären. Nur dadurch hätten wir es geschafft, uns einigermaßen von der Natur in und um uns zu emanzipieren und so zu einer vergleichsweise zivilisierten Existenzform zu kommen.

Nun mischt sich die Verhaltensforschung in diese Debatte ein - und zwar aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Waren Forscher wie Irenäus Eibl-Eibesfeldt oder Paul Ekman bislang nämlich vor allem darum bemüht, das "Naturhafte" im Menschen ausfindig zu machen, dreht nun ihr Kollege Frans de Waal den Spieß um und zeigt in seinem neuen Buch, dass umgekehrt auch Tiere Kultur haben.

Ihre diesbezüglichen Leistungen vergleicht er im Übrigen mit den Flugkünsten der Hühner: Verglichen mit einem Albatross schaut das eher matt aus. Dennoch haben auch Hühner Flügel, sie flattern damit und können sich auch für ein paar Meter in die Luft erheben.

Die Kernbehauptung des Primatologen, dass Tiere nicht nur über angeborene Instinkte verfügen, sondern sich Informationen und Verhaltensweisen durch soziales Lernen aneignen, ist nicht wirklich neu - wie de Waal auch ganz freimütig zugibt: Der bis vor kurzem unbedankte Pionier dieses Untersuchungsansatzes war der japanische Primatologe Kinji Imanishi (1902-1992), der bereits in den Fünfzigerjahren beobachtete, dass Affen bestimmte Verhaltensmuster von ihren Artgenossen lernen - wie das bereits erwähnte Reinigen von Kartoffeln im Wasser.

Der Untertitel von de Waals Buch - "Kulturelle Reflexionen eines Primatologen" - ist in diesem Zusammenhang doppelt zu verstehen. Zum einen sind damit seine Überlegungen zur Ähnlichkeit des sozialen Lernens bei Affen und Menschen gemeint: So wie ein Lehrling in einem japanischen Sushilokal durch monatelanges Zuschauen zu einem Meister des Reisballknetens wird, so lernen etwa junge Schimpansen von ihren Artgenossen, wie sie mit Steinen Nüsse aufklopfen können. Zum anderen spielt er mit dem Untertitel aber auch auf seine Auseinandersetzung mit anderen Traditionen der Verhaltensforschung an und versucht zu zeigen, warum die japanischen Primatologen aufgrund ihres anderen kulturellen Hintergrunds auch zu diesen anderen Einsichten kommen konnte (vgl. auch S. 8-9).

Natur versus Kultur - diese unselige Dichotomie hat sich auch in die Geschichte der wissenschaftlichen Disziplinen eingeschrieben und zu einem großen Graben zwischen den Natur- und Kulturwissenschaften geführt. Doch im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen von der anderen Seite hat de Waal wenig Scheu, diesen Graben zu überbrücken und "Cultural Studies" im Tierreich zu betreiben, die uns auch einiges über die "condition humaine" lehren. Nicht nur das: Er schafft es auch, über diese Erkenntnisse ein im besten Sinne des Wortes populäres und unterhaltsames Buch zu schreiben. K. T.

Frans de Waal: The Ape and the Sushi Master. London 2001 (Penguin Press). 448 S., zahlr. Abb., £ 16,99 (Die deutsche Übersetzung erscheint im August unter dem Titel "Der Affe und der Sushimeister" bei C. Hanser).

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