Unsere haarigen Spiegel

Robert Czepel und Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/02 vom 08.05.2002

Die Frage treibt den Menschen schon seit Jahrhunderten um: Was unterscheidet uns vom Affen? Von Aristoteles über Linné bis hin zu den Molekularbiologen der Gegenwart haben Wissenschaftler mit stets verfeinerten Methoden versucht, den Abstand zu unseren nächsten Verwandten zu vermessen. Eine kurze Geschichte der nicht immer erfolgreichen Abgrenzungsversuche.

Gene im Gehirn. Es ist mittlerweile fast schon eine Volksweisheit: Das Erbgut von Schimpanse und Mensch ist zu 98,7 Prozent ident. Diese hohe Übereinstimmung relativiert sich zwar ein bisschen, wenn man bedenkt, dass auch die Fruchtfliege etwa 75 Prozent ihrer Gene mit uns teilt. Trotzdem stellt sich die Frage, wie 1,3 Prozent unterschiedliches Genmaterial zu den körperlichen und geistigen Unterschieden zwischen Schimpanse und Mensch führen können.

Ein Forscherteam um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat in der Wissenschaftszeitschrift "Science" jüngst Antworten vorgelegt. Die deutschen Wissenschaftler untersuchten mittels moderner Genchip-Technologie Zellen aus Gehirn, Leber und Blut bei Menschen, Schimpansen, Orang-Utans und Rhesusaffen.

Bis auf wenige Ausnahmen trägt jede Körperzelle das gesamte Genom in ihrem Zellkern. Eine Leberzelle wird zum Beispiel erst dadurch zu einer solchen, dass in ihr ganz spezifische Gene an- und ausgeschaltet werden. Die Gesamtheit der aktivierten Gene eines Zelltyps wird, in Anlehnung zum Genom-Begriff, als "Transkriptom" bezeichnet. Bislang war unklar, inwieweit vergleichbare Transkriptome zwischen Tierarten differieren.

Die Leipziger Forscher fanden nun heraus, dass es eine erhebliche Zahl an Genen gibt, die bei Mensch und Schimpanse unterschiedlich benutzt werden. Das heißt, nicht die Art der Gene, sondern deren differente Verwendung bedingt die Unterschiede zwischen Mensch und Menschenaffe. "Anfangs waren wir nicht sicher, ob wir auch nur einen signifikanten Unterschied finden würden. Jetzt haben wir Hunderte", resümiert Svante Pääbo.

Im Laufe der Evolution scheint sich die Benutzung der Gene im menschlichen Gehirn wesentlich stärker geändert zu haben als etwa beim Schimpansen. Hingegen hat sich etwa die Genaktivierung in der Leber bei Mensch und Schimpanse ungefähr gleich schnell verändert. Für die kognitiven Unterschiede zwischen uns und unseren nächsten Verwandten gäbe es demnach eine Entsprechung auf molekularer Ebene.

Das Institut für evolutionäre Anthropologie forscht zweigleisig. Die molekularbiologischen Labors werden ergänzt durch die mit 12.000 Quadratmetern größte Primatenanlage der Welt, die im Leipziger Zoo untergebracht ist. Zwischen den fünf großen Affenarten - Schimpansen, Gorillas, Bonobos, Orang-Utans und Gibbons - tummeln sich Verhaltensforscher und Kognitionspsychologen und prüfen mit allerlei Versteckspielen und Verständnistests deren sozial-kognitive Fähigkeiten.

Abgrenzungsbemühungen. Mit dabei ist auch der US-Forscher Michael Tomasello, der früher am Yerkes-Primatenzentrum in Atlanta gearbeitet hat und somit ein Kollege des Primatologen Frans de Waal war (s. S. 3-5). Dessen Thesen etwa zur Kultur- und Lernfähigkeit der Schimpansen kann er wenig abgewinnen. Zu breit sei de Waals Kulturbegriff, zu sehr würden irreführende Analogien und Metaphern die Affen anthropomorphisieren, sagt Tomasello im Gespräch mit der Schweizer "Weltwoche". Heftig bestreitet er, dass die Schimpansen einen Begriff von Kausalität hätten und sich in die Perspektive ihrer Artgenossen versetzen könnten. Dafür gebe es keine systematischen Studien, allenfalls ungeprüfte Anekdoten.

Bleibt also noch viel zu tun, in Leipzig und anderswo. Dabei haben sich die biologischen Wissenschaften an keinem anderen Tier derart abgearbeitet wie am Menschenaffen, und dies schon seit Jahrhunderten. Und manchmal scheint es, als ob all die Abgrenzungsbemühungen unsere haarigen Vettern immer näher an uns herangebracht haben. "Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham", sprach Friedrich Nietzsches Zarathustra - ein aphoristisches Echo auf die Darwinismusdebatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Als Charles Darwin im Jahr 1859 "The Origin of Species" veröffentlichte, wusste er, dass seine (r)evolutionären Thesen nicht nur auf Gegenliebe stoßen würden. Denn aus der Behauptung, dass sämtliche Organismen Produkt natürlicher Wandlungsprozesse - und damit keines Schöpfungsaktes - seien, folgte auch, dass der Mensch keinen Anspruch auf eine Sonderstellung im Tierreich beanspruchen könne. Der stets zurückhaltend formulierende Darwin beließ es in seinem Hauptwerk bei einer einzigen Andeutung: "Licht wird auch fallen auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte."

Affentheater. Die unvermeidliche Konfrontation mit der christlichen Schöpfungslehre überließ der konfliktscheue Darwin anderen. In England übernahm diese Rolle der streitbare Evolutionist Thomas Henry Huxley, der aufgrund seiner pointierten Formulierungsweise auch "Darwins Bulldogge" genannt wurde. Er ging nicht zuletzt wegen einer legendären Sitzung, die am 30. Juni 1860 im Museum der Universität Oxford stattfand, in die Annalen der Wissenschaftsgeschichte ein.

Der konservative Kleriker Samuel Wilberforce hatte eine Rede gegen die Abstammungslehre mit den Worten abgeschlossen: "Verehrter Professor Huxley, ich möchte Sie doch fragen, ob Sie ernsthaft glauben, dass Sie vom Affen abstammen. Und wenn ja, dann würde mich noch eines interessieren: Ist der Affe seitens Ihres Großvaters oder vonseiten Ihrer Großmutter in Ihre Familie gekommen?"

Huxley antwortete darauf: "Wenn die Frage an mich gerichtet wird, ob ich lieber einen Affen zum Großvater haben möchte oder aber einen hoch begabten Mann, der seinen Einfluss dazu benutzt, eine ernsthafte wissenschaftliche Diskussion lächerlich zu machen, dann, Hochwürden, werde ich ohne Zögern meine Vorliebe für den Affen bekräftigen." Nach diesen Worten fiel eine Lady in Ohnmacht und der Saal ging vor Tumulten über.

Schnell verwandelte sich die akademische Auseinandersetzung in eine öffentliche Debatte, die fortan auch im Feuilleton und im Kirchenblatt ausgetragen wurde. Folglich erfreuten sich auch die ab den 1860er-Jahren vermehrt in den Zoos zu sehenden Affen großen Publikumszuspruchs. So beobachtete der Wiener Zoologe Leopold Fitzinger im Oktober 1878, dass das Schönbrunner Affenhaus "zu allerlei Betrachtungen Anlaß gibt, um über die in die verschiedensten Schichten des Volkes gedrungenen Lehrsätze der Darwin'schen Deszendenz-Theorie durch eigene Anschauung und Selbststudien sich ein Urtheil herausbilden zu können".

Tiere ersten Ranges. Die Menschenähnlichkeit des Affen ist dem Homo sapiens freilich schon früher aufgefallen - und hat ihm zu denken gegeben. In der frühen Neuzeit zirkulierten glaubhafte Berichte über Troglodyten, Pygmäen und ähnliche Zwischenwesen in großer Zahl. Die Aufklärung versuchte hier Ordnung zu schaffen, allen voran der Schöpfer des "natürlichen Systems der Organismen" Carl von Linné.

Der schwedische Naturforscher hatte die morphologischen Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Schimpanse erkannt und dafür 1758 die Ordnung der Primaten (wörtlich "Tiere ersten Ranges") geschaffen, wahrte aber insofern einen Respektabstand, als er sie in verschiedene Familien einteilte. Linné glaubte auch, dass sich Affen mittels Zischlauten verständigen, also über Sprache verfügen würden, was lange Zeit als exklusiver Vorzug des Menschen galt. Nun war man sich nicht mehr so sicher. Der französische Kardinal de Polignac soll an einen Orang-Utan mit den Worten herangetreten sein: "Sprich, und ich werde dich taufen."

Die Grenzen zwischen Mensch und Affe blieben somit auch im 18. Jahrhundert im Fluss. Berichte über Affen, die Trauer empfinden und starke emotionale Bande mit ihresgleichen knüpften, kursierten ebenso wie Schauergeschichten über Vergewaltigungen von eingeborenen Frauen durch Menschenaffen, ein Topos, der sich später bei "Die Schöne und das Biest" wieder findet. Zahlreiche Wissenschaftler fragten sich in ihren Abhandlungen, ob weibliche Primaten menstruierten und mit Klitoris und Hymen ausgestattet wären. Für die US-Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger ist dies ein Indiz dafür, dass es nicht nur um die Mensch-Tier-Differenz ging, sondern auch um die Festschreibung dessen, was das schwache (und verführbare) Geschlecht ausmacht.

Bereits Aristoteles hatte Ähnlichkeiten zwischen den Genitalien des weiblichen Geschlechts von Affe und Mensch ausgemacht. Während er die Frau somit näher an das Tier rückte, ging er beim männlichen Geschlecht umgekehrt vor: Anders als der Mensch habe der Affe einen Knochen im Penis. Hier irrte der große Grieche.

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