Untersuchungen an Primatologen

aus HEUREKA 2/02 vom 08.05.2002

Ebenso faszinierend wie primatologische Studien über Menschenaffen sind soziologische Beobachtungen der Primatologie: Diese ganz besondere Wissenschaft hat je nach Land unterschiedliche kulturelle Hintergründe, sie ist an der Grenze zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften angesiedelt, und sie wird mittlerweile überwiegend von Frauen betrieben.

Es war ein ziemlich einzigartiger wissenschaftlicher Workshop, der im Juni 1996 im brasilianischen Teresopolis stattgefunden hat. Während in der angloamerikanischen Welt die so genannten "Science Wars" zwischen Vertretern der Naturwissenschaften und ihren Beobachtern aus der Wissenschaftsforschung tobten, trafen sich in jenem kleinen Ort bei Rio Primatologen aus aller Welt, um gemeinsam mit einigen Wissenschaftsforschern über die Geschichte ihres Faches, den dramatischen Wandel primatologischer Erkenntnisse und mögliche Gründe für diese Veränderungen zu diskutieren.

So wie die Menschenaffen sehr spezielle Tiere mit besonderen Gesellschaftsordnungen sind, scheint auch die Primatologie eine sehr spezielle Scientific Community zu bilden. Dass sich die Vertreter der Disziplin nicht davor scheuen, sich von Wissenschaftssoziologen und -historikern untersuchen zu lassen, scheint da nur eine logische Folge der turbulenten Geschichte des Faches. Denn insbesondere seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Forschungsfeld radikal gewandelt - eine Tatsache, auf die sich die meisten Primatologen noch einigen können. Doch was sich konkret warum verändert hat, ist höchst umstritten.

Aus diesem Grund hatten auch die beiden US-amerikanischen Primatologinnen Shirley C. Strum und Linda Marie Fedigan nicht nur den einwöchigen Workshop in Brasilien organisiert, sondern selbst gleich ein paar Thesen zur kurzen Geschichte ihres Faches formuliert. Die frühen Primatologen glaubten laut Strum und Fedigan noch, dass sich Primatengesellschaften rund um die männlichen Tiere organisieren und auf Prinzipien der Aggression, Dominanz und Hierarchie beruhen würden. Heute hingegen werden nicht nur die großen Unterschiede zwischen den verschiedenen Familien der Menschenaffen stärker betont; man geht auch davon aus, dass deren jeweilige soziale Ordnungen durch weitaus komplexere Prinzipien geprägt seien.

Wenn es so etwas wie größte gemeinsame Nenner der Primatologie gäbe, so die Pavian-Expertin Strum und die Kapuzineraffen-Spezialistin Fedigan, dann würden sie unter anderem darin bestehen, die Bedeutung der weiblichen Tiere bzw. die Relevanz von sozialen Verhaltensweisen herauszustreichen, die nicht auf Aggression beruhen. Hierarchie in Primatengesellschaften könne, müsse aber nicht in jedem Fall existieren. Weibliche und männliche Tiere seien jedenfalls gleichermaßen dazu in der Lage, Rangordnungen zu schaffen bzw. untereinander in Wettbewerb zu treten.

Sind solche und andere paradigmatische Veränderungen des primatologischen Wissens schlicht die logische Folge von mehr und besseren Beobachtungen der Wissenschaftler? Oder liegt es eher daran, dass in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Frauen Primatologie betrieben? Sind es unterschiedliche kulturelle Traditionen, die in den USA, Europa und Japan für andere Untersuchungsergebnisse gesorgt haben oder sind es schlicht neue Beobachtungsmethoden?

Bereits in den Achtzigerjahren - also lange vor Fedigan und Strum bzw. dem Workshop in Brasilien - hatten andere Primatologinnen, insbesondere aber die US-amerikanische Wissenschaftsforscherin Donna Haraway auf signifikante Veränderungen des Wissens über Affen aufmerksam gemacht. In ihrem Opus magnum "Primate Visions" (1989), einer äußerst materialreichen Dekonstruktion der Disziplin, zeigte Haraway wie einflussreiche Primatologinnen - nicht alle Feministinnen - mit ihren neuen Beobachtungen bisherige Erkenntnisse radikal infrage stellten.

Welche Rolle Primatologinnen bei den Paradigmenwechseln der Disziplin spielten, gilt selbst unter Fachvertreterinnen bis heute als umstritten. Fest steht nur, dass ihre Zahl in den letzten Jahren stark gestiegen ist: Während in den Sechzigerjahren in den USA keine einzige Frau in Primatologie promovierte, wurden bereits in den Achtzigerjahren weit mehr als die Hälfte aller einschlägigen Dissertationen von Frauen verfasst. Dennoch zögern selbst feministische Primatologinnen wie Shirley Strum, das Geschlecht als einzige Erklärung für die neuen Perspektiven der Disziplin heranzuziehen, und verweisen auf andere Untersuchungsmethoden wie Langzeitstudien.

Auch Frans de Waal hat seine Zweifel, dass die wichtigsten Revolutionen des Faches auf den Einfluss der Frauen in der Primatologie zurückgehen - auch wenn sie, so de Waal im "heureka"-Gespräch, "zweifellos ganz wichtige Beiträge geleistet haben": Er meint hingegen, dass etwa die ersten Studien über die Verwandtschaftsverhältnisse oder die Individualität der Tiere nicht von Primatologinnen wie Jane Goodall durchgeführt worden wären, sondern bereits Jahre früher von Kinji Imanishi und seinen - ausschließlich männlichen - Studenten.

Für den niederländisch-amerikanischen Primatologen ist die Frage des Geschlechts von Affenforschern weniger wichtig als die kulturelle und wissenschaftliche Tradition, aus der die Wissenschaftler stammen: "Es macht einen wichtigen Unterschied, ob man in den USA, in Europa oder in Japan zum Primatologen wird: In den USA studiert man dafür zumeist Psychologie oder Anthropologie, in Europa hingegen absolvieren die meisten Primatologen ein Biologiestudium, so wie ich." Die Japaner wiederum hätten laut de Waal eine ganz andere kulturelle Perspektive und seien traditionell offener für Ähnlichkeiten oder Kontinuitäten zwischen Tier und Mensch.

Während Imanishi also bereits in den Fünfziger- und Sechzigerjahren das Konzept der Kultur bei Affen entwickelt hat, so de Waal weiter, hätten europäische Verhaltensforscher wie Konrad Lorenz oder Niko Tinbergen noch über Instinkte und artspezifisches Verhalten diskutiert - ohne individuelle Unterschiede zwischen den Tieren in den Blick zu nehmen. Und in den USA sei man damals ganz vom behavioristischen Paradigma des Lernens beherrscht gewesen.

In gewisser Weise knüpft de Waal damit an eine ironische Beobachtung an, die der britische Philosoph Bertrand Russell bereits vor 75 Jahren machte, um auf die kulturelle Geprägtheit jeglicher Tierbeobachtung hinzuweisen: "Von Amerikanern untersuchte Tiere laufen wie verrückt umher, mit einer unglaublichen Betriebsamkeit und Energie, und sie erreichen das gewünschte Ziel zufällig. Von Deutschen beobachtete Tiere sitzen ruhig da, denken nach und entwickeln schließlich die Lösung aus innerer Einsicht."

Auf der Konferenz in Teresopolis, die im umfangreichen Sammelband "Primate Encounters" dokumentiert ist, blieben am Ende die meisten Fragen nach der Geschichte und Gegenwart des Faches ungeklärt: Man könne gar nicht von "der Primatologie" im Singular sprechen, so vielgestaltig sei das Fach. Und neben den Einflüssen der Frauen, der unterschiedlichen Methoden und nationalen Forschungstraditionen, der Rolle der Medien und der gesamtgesellschaftlichen Veränderungen seien noch viele andere Faktoren mitzuberücksichtigen, um die dramatischen Wandlungsprozesse des Faches zu beschreiben.

Die paradoxeste Erklärung für die Veränderungen der Primatologie der letzten Jahrzehnte steuerte jedenfalls der provokante französische Wissenschaftsforscher Bruno Latour bei, der nicht nur am Teresopolis-Workshop teilnahm, sondern selbst einige Wochen lang bei Pavian-Feldforschungen mit dabei war: "Es waren natürlich die Affen selbst, die uns dazu zwangen, unsere Beschreibungen zu verändern."

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige