Affentheater in Niederösterreich

Stefan Löffler | aus HEUREKA 2/02 vom 08.05.2002

150 Affen aus einem Versuchslabor in Orth an der Donau kriegen endlich ein artgerechtes Zuhause. Ihr bisheriger Eigentümer, ein internationaler Multi, entledigt sich damit eines möglichen Angriffsziels von Tierschützern. Und der Safaripark in Gänserndorf bekommt nicht nur eine neue Attraktion, sondern auch einiges Geld in die Kasse. Einzig ein paar Wissenschaftler sind unzufrieden.

Es ist die beste unter lauter schlechten Lösungen. Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man mit beteiligten Personen über das künftige Schicksal von über hundert Affen spricht, die seit elf Jahren als Versuchstiere in Orth an der Donau, rund zehn Kilometer östlich von Wien, leben. Jahrelang hatten sich Manager, Wissenschaftler und Tierschützer die Köpfe zerbrochen, was mit den Tieren geschehen sollte, die seit Jahren nicht mehr für Experimente gebraucht wurden. Sie einzuschläfern, kam weder vor den Behörden noch vor der Öffentlichkeit infrage.

So versprach der Konzern Baxter, dem die Affen gehören, dem Safaripark in Gänserndorf annähernd neun Millionen Euro für die artgerechte Aufnahme der Affen. Dafür sollen ihnen zwei Häuser gebaut und die Tiere für den Rest ihres Lebens versorgt werden. Das ist der vorläufige Schlusspunkt einer Geschichte, die man, um sich nicht in einem Gewirr aus enttäuschten Hoffnungen, wirtschaftlichen Interessen und innerbetrieblicher Geheimhaltungspolitik zu verheddern, besser dreimal erzählt. Einmal aus der Sicht der Affen, einmal rund um den Pharma-Multi Baxter und einmal mit dem Safaripark im Mittelpunkt.

Für die Affen, die ihre besten Jahre in engen Käfigen verbracht haben, wird mit dem im Herbst bevorstehenden Umzug nach Gänserndorf ein neues Leben beginnen. Hat man die rund hundert Paviane, Rhesusaffen, Schweineschwanzaffen und Javaner in ihrem bisherigen Domizil in Orth an der Donau immerhin in Gruppen gehalten, so mussten für die 41 ausgewachsenen Schimpansen bis heute "Einzelzellen" reichen: fünf bis sechs Quadratmeter große Käfige, die auch an der Bodenseite Gitterstäbe haben. Je drei Artgenossen hat jeder Schimpanse immerhin in Sicht- und Hörweite - außerdem haben sie Spielzeug und dürfen gelegentlich fernsehen.

Der jetzige Zustand ist aber im Vergleich zu früher eine deutliche Verbesserung. Bis 1991 hausten die damals freilich jüngeren Tiere auf wenig mehr als einem Quadratmeter im 22. Bezirk in Wien. Bis heute waren die Affen, seit sie als Jungtiere gefangen wurden, nicht mehr unter freiem Himmel, die in Gefangenschaft geborenen überhaupt noch nie. Im Safaripark werden sie sich an Auslauf und frische Luft gewöhnen müssen - und die Schimpansen an das für sie ungewohnte Miteinander.

Die auf Plasma und Impfstoffe spezialisierte Firma Immuno hatte die Affen ab 1975 nach und nach für ihre immunologische Forschung, Entwicklung und Sicherheitstests gekauft. 1982 kam dann allerdings Österreichs Beitritt zum Artenschutzabkommen den Firmenplänen in die Quere. Als kurz darauf zwei Schimpansen bei der Einfuhr aus Westafrika beschlagnahmt wurden, geriet die Immuno medial unter Beschuss. Dennoch kämpfte die Firma weiter um Importgenehmigungen: Ein Gutachter, der bescheinigte, dass die von Immuno georderten Tiere in Sierra Leone andernfalls als Bushmeat enden würden, hat das Wirtschaftsministerium anscheinend überzeugt.

Mit der Erteilung der Erlaubnis an die Immuno, 1986 zwanzig Schimpansen aus Sierra Leone einzuführen, handelte sich Österreich eine Rüge der Artenschutzkonferenz ein. Andere Tiere hat die Immuno immerhin vor ihren Eigentümern gerettet: Ein Schimpansenmädchen hatte in einem oberösterreichischen Wirtshaus vor sich hin vegetiert, ein heranwachsender Menschenaffe, dem alle Zähne gezogen waren, in einem Zirkus.

In den Räumlichkeiten der Immuno im 22. Wiener Gemeindebezirk wurde es für die Affen nun allerdings einigermaßen eng. Die lang ersehnte Lieferung aus Westafrika bewog die Firmenchefs, in ein eigenes Haus für die Affen zu investieren: 1991 zogen die Tiere neben die firmeneigene Produktionsstätte in Orth an der Donau, ein Jahr später wurde das neue Primatenzentrum der Öffentlichkeit vorgestellt. Es gab einen Besuchergang und Räume für Schulklassen und Studierende. Die Firma, die von Journalisten früher mit Klagen überzogen worden war, kehrte ihr Innerstes nach außen.

Neun Schimpansen wurden bei der Immuno mit Hepatitis infiziert, sechs mit HI-Viren. Während die Hepatitisversuche zur Entwicklung von Produkten beitrugen, brachten die Aids-Forschungen wenig, weil die HIV-Affen nicht erkrankten: Neben der Immuno hatten in den Achtzigerjahren weltweit Labore und Forschungsorganisationen auf Schimpansen als Versuchstiere gesetzt, um die Suche nach einem Impfstoff gegen Aids zu forcieren. Die Resultate blieben bis heute dürftig.

Die Affen von Orth haben seit zweieinhalb Jahren keine Versuche mehr über sich ergehen lassen müssen. Vielleicht ist das nicht die richtige Formulierung. Denn Versuche bedeuten auch Abwechslung. So freuten sich die Schimpansen hörbar über den Doktoranden der Universität Wien, der nicht nur regelmäßig Beobachtungen notierte, sondern auch unter ihre Käfige kroch und Kot auflas, um ihren Hormonzyklus zu bestimmen. Im November 1999 musste er seine Messreihen abbrechen.

Baxter hat die Immuno 1997 nicht wegen, sondern trotz ihrer Affen übernommen, oder vielmehr: zunächst wenige Gedanken an sie verschwendet. Die einträglichen Plasmaprodukte und Impfstoffe des österreichischen Unternehmens und seine starke Position im europäischen Markt gaben den Ausschlag für das Kaufangebot des in Deerfield, Illinois, beheimateten US-Konzerns. Die Mitarbeiter der Immuno erfuhren von ihrem neuen Arbeitgeber aus dem Radio. Und es vergingen einige Wochen, bis der erste Baxter-Mann ins Primatenzentrum trat - geschockt. Mit einem solchen Versuchslabor hatte er nicht gerechnet: Hallo Deerfield, wir haben ein Problem!

Natürlich hatten die Leute an der Spitze des Konzerns von den Affen gewusst. Schließlich mussten sie eine Entscheidung treffen, ob Baxter die bislang unergiebige Aids-Forschung der Immuno fortsetzen wollte. Baxter wollte nicht. Abgesehen davon bedeutete ein Tierlabor voller Menschenaffen ein Risiko: Kämen militante Tierschützer in den USA auf die Idee, das Unternehmen anzugreifen, wäre der Aktienkurs in Gefahr. Und die Notierung an der Börse geht dem Biotechnologie- und Medizintechnik-Multi über alles.

Vor fünf Jahren wurde der Besucherverkehr in Orth jedenfalls eingestellt. Die Sicherheitstests und die Entwicklung eines Grippeimpfstoffs hingegen, der ab 2005 in einem neuen Baxter-Werk in Krems produziert werden soll, gingen weiter. Und das Primatenzentrum öffnete sich der universitären Wissenschaft. Von führenden Primatologen wurde derweil Rat gesucht, wie man die Affen in Ruhestand versetzen könnte. Doch die befragten Big Shots wie Jane Goodall oder Frans de Waal hielten Abstand.

John Dittami, Professor für Verhaltensbiologie an der Universität Wien, legte Ende 1999 einen Entwurf vor, der einen tiergerechten Ausbau des Primatenzentrums mit Freigehege und Platz für Wissenschaftler und Besucher vorsah. Kostenpunkt unter einer Million Euro, schätzte Dittami. Was er nicht wusste: Etwa zur selben Zeit, als er seinen Entwurf vorlegte, fiel in Deerfield die Entscheidung, die Affen vom Firmengelände in Orth wegzuschaffen. Keine billige Lösung war gefragt, sondern eine, die gut aussah. Dittami wurde vertröstet, seine Mitarbeiter aber mussten ihre Forschungen in Orth einstellen. Die Affen sollten in keiner Versuchstierstatistik mehr aufscheinen.

Außerdem wurde der langjährige Leiter des Primatenzentrums, Gerald Eder, durch den Deutschamerikaner Jörg Eichberg abgelöst. Eichberg hatte eine Lösung, die Baxter gefiel - eine amerikanische Lösung: Die Affen sollten in ein neues Affenauffangzentrum ("Chimp Haven") kommen, das er mit befreundeten Primatologen in Louisiana plante. Dann aber stellte sich heraus, dass die USA für Wildfänge nach Inkrafttreten des Artenschutzabkommens keine Einfuhrbewilligungen erteilte. In Sierra Leone konnte man die der Wildnis lange entwöhnten Tiere indes ebenso wenig aussetzen.

So kam jene Lösung wieder ins Gespräch, die der gekündigte Eder bevorzugt hatte: Für den nur 23 Kilometer von Orth entfernten Safaripark Gänserndorf sprach allein schon, dass die Tiere den Umzug, anders als einen mit Quarantänen verbundenen Flug nach Übersee, gefahrlos überstehen sollten. Damit an der Medienfront nichts schief ging, wurden die Antworten auf mehr als hundert Fragen, die Journalisten und Anwohner stellen könnten, einstudiert.

Rückblickend hatte sich das damals rund 200 Millionen Schilling (entspricht knapp 15 Millionen Euro) teure Primatenzentrum in Orth schon für die Immuno nicht rentiert. Baxter wird, bis es aus der Welt ist, noch einmal mindestens so viel dafür ausgegeben haben. Sechs Millionen Euro kostet den Konzern die Errichtung der Affenhäuser in Gänserndorf. Drei Millionen sind dem Safaripark für die weitere Versorgung der Tiere zugesagt. Das ist preiswert. Der Betrieb des Orther Primatenzentrums hat seit 1997 - ohne Berücksichtigung der Versuchskosten - geschätzte sechs Millionen Euro verschlungen.

Dazu kommen die Kosten für die wegen der mit HIV und Hepatitis infizierten Affen nötige Dekontamination und das Abtragen des Gebäudes. Positiv schlägt dagegen der frei werdende Baugrund zu Buche, den der expandierende Konzern wohl nutzen wird. Bei einem erwarteten Gewinn vor Steuern von gut einer halben Milliarde Euro im laufenden Jahr scheinen die Millionen für die Gänserndorfer Lösung gut angelegt.

Der Safaripark kalkuliert gänzlich anders. Eine Gruppe befreundeter Unternehmer hat die abgewirtschaftete Anlage 1999 gekauft, in eine AG überführt und einen gemeinnützigen Verein gegründet. In erster Linie wollen sie als Tierfreunde dastehen, die gestrandeten Kreaturen aus Zirkussen und Wildtierschmuggeleien zwanzig Kilometer nordöstlich von Wien ein neues Zuhause gaben. Immerhin ist der Name Safaripark 78 Prozent der Österreicher vertraut. Und nur wenige wissen, dass der Safaripark vorher vom Tierhändler Edwin Wiesinger betrieben wurde, der aus der Not der Unterbringung seiner Ware eine zusätzliche Einnahmequelle schuf - die Ställe aber verkommen ließ. Sollten Verluste abzuschreiben sein, ist es manchem Beteiligten vielleicht nicht ganz unrecht.

Die Einnahmen des zooähnlichen Betriebs mit zuletzt jährlich 200.000 Besuchern müssen die laufenden Kosten tragen. Um nach und nach moderne Anlagen zu schaffen, verkauft man Projekte an Sponsoren: ein Elefantenhaus, ein Tigerhaus, ein Affenhaus. Und weil auch die Freunde vom Safaripark bei der Affenumsiedlung auf der Gewinnerseite stehen, ist der Aktionär Hans Lechner ist der Architekt des Affenhauses, der Aktionär Peter Scheifinger der Projektkoordinator, sein Sohn, der Aktionär Georg Scheifinger, der Geschäftsführer, und das Land Niederösterreich schießt gut eine Million Euro Wirtschaftsförderung zu.

Der in den Wochen seit Ende März errichtete Rohbau des großen Affenhauses in rötlich gefärbtem Beton hebt sich eindrücklich vom provisorischen Flair der Container ab, in denen die Büros und Kassen des Safariparks untergebracht sind. Die nächsten Monate gehören den Haustechnikern und der Gestaltung der Innengehege - unter anderem mit Baumstämmen, die deshalb nach der Rodung neben der Baustelle liegen blieben.

Unter Eichen und Kiefern liegt das großzügige Außengehege, das einmal von einem Wassergraben umschlossen sein wird, was die wasserscheuen Kletterer besser beisammenzuhalten verspricht als ein Zaun. Ein kleineres Haus, das für die fünfzehn HIV- und Hepatitis-infizierten Schimpansen in einem nicht für die Besucher zugänglichen Teil des Parks im Bau ist, soll nicht durch einen Wassergraben gesichert werden, sondern anscheinend durch einen elektrischen Zaun. Medienberichte hatten im Vorjahr Angst vor den Aids-Affen unter den Anwohnern geschürt.

Die Safariparkbetreiber haben in Wahrheit ein anderes Problem. Nur die drei Jungtiere unter den 29 Schimpansen, die im großen Affenhaus unterkommen, entsprechen dem Bild, das sich die Allgemeinheit von diesen Tieren macht. Im Zirkus, in Fernsehen und Werbung werden so gut wie immer Jungtiere gezeigt. Und auch in den Broschüren des Safariparks und auf den Bildern der bisherigen Medienberichte findet man ausgewachsene Schimpansen nur in Ausnahmefällen.

In Wirklichkeit aber haben die meisten der 29 Menschenaffen dunkle Gesichter, und der Haaransatz schiebt sich nach hinten. Außerdem hat die langjährige Einzelhaltung so manchen psychischen Defekt hinterlassen. Anstelle von Kunststückchen demonstrieren die Affen eine Trägheit, die trügen kann. Fast alle Schimpansen, die im Fernsehen oder im Zirkus auftreten, stehen übrigens unter Beruhigungsmitteln.

Bevor bei den Affen von Orth an die Wiederaufnahme der 1999 abgebrochenen Verhaltens- und Kotuntersuchungen zu denken ist, stellt sich ein offensichtliches Problem. Die elf Tierpfleger, die überwiegend mit zum Safaripark wechseln werden, sowie der Veterinär Werner Höllriegl und die neue wissenschaftliche Leiterin Signe Preuschoft haben begonnen, die bislang getrennten Tiere aneinander zu gewöhnen - zunächst paarweise, später in Gruppen. Denn im Safaripark sollen sie einmal zu sechst und zu zwölft leben, und das auch noch vor Publikum.

Um zu ergründen, wer mit wem kann, werden fleißig Beobachtungen über alle Charaktere gesammelt. Problematisch ist die Zusammenführung von Männchen. Und die sind deutlich in der Mehrzahl.

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