"Bären sind Autisten"

Aufgezeichnet von Benedikt Föger | aus HEUREKA 2/02 vom 08.05.2002

Kurt Kotrschal beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Beziehung zwischen Menschen und Tieren. Das besondere Augenmerk des Verhaltensbiologen, der privat zwei Hunde und mehrere Hundert Fische hält, gilt Graugänsen, Raben und Waldrappen. Seit 1990 leitet er die Konrad-Lorenz-Forschungsstelle für Ethologie im oberösterreichischen Grünau und ist Assistenzprofessor für Zoologie an der Universität Wien.

"Meine ersten Untersuchungen habe ich als Kleinkind mit Insekten gemacht. Als ich dreieinhalb Jahre alt war, bekam ich von meiner Großmutter Einmachgläser. In die gab ich Rosenblätter hinein, auf denen Raupen waren. Wie das als Kind so ist, habe ich das schnell vergessen. Als ich die Gläser nach einiger Zeit wieder entdeckte, lagen braune Dinger drin, von denen ich nicht wusste, was sie waren. Wieder einige Zeit später waren Schmetterlinge drin. So entstand eine erste Ahnung, dass aus Schmetterlingsraupen Puppen werden und aus Puppen Schmetterlinge.

Als ich sechs war, hat mir mein Vater ein Aquarium aufgestellt. Damit ging es richtig los. Bei Aquarienleuten ist es weniger eine emotionelle Beziehung zum Tier als zu seinem Lebensraum. Manche Menschen hängen ihr ganzes Herz an einen Hund oder ein Pferd, bei mir war das nie so. Die einen werden eher Tierschützer, die anderen eher Naturschützer.

Bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Tieren ist es am schwierigsten, die Untersuchungsobjekte nicht zu vermenschlichen. Ich habe zwar eine große Leidenschaft für Tiere, mir aber doch eine gewisse Distanz bewahrt. Deshalb finde ich es auch nicht so wichtig, ob unsere Graugänse Namen haben oder Nummern. Ich finde es lächerlich, wenn uns von Kollegen vorgehalten wird, dass wir Namen vergeben. Wir vergeben deshalb Namen, weil sich die Studenten Namen besser merken als Nummern.

Ich würde meine Haltung mit der eines guten Bauern vergleichen. Der hat auch ein persönliches und gutes Verhältnis zu seinem Vieh, bleibt sich aber bewusst, dass die Kuh einmal geschlachtet wird. Wenn man in einer Richtung arbeitet, wo man seine Versuchstiere tötet oder töten muss, um zu Ergebnissen zu gelangen, ist man gut beraten, wenn man Distanz zu diesen Tieren hält. Wir Verhaltensbiologen töten unsere Versuchstiere natürlich nicht. Unseren Graugänsen geht es wirklich sehr gut.

An der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau arbeiten wir vor allem über die Persönlichkeitsentwicklung bei Tieren. Das ist einer der großen weißen Flecken in der Verhaltensbiologie. Nimmt man Tiere im gleichen Alter, vom gleichen Geschlecht, von der gleichen Population und in der gleichen Motivationslage, bemerkt man im Verhalten doch deutliche Unterschiede. Bei allen untersuchten Wirbeltieren findet man einerseits forsche Tiere, die relativ aktiv an Probleme herangehen. Auf der anderen Seite gibt es Tiere, die lange abwarten, also reaktiv sind. Die sind zwar langsamer, aber dafür genauer. Letztlich sind diese Tiere mit ihren überlegten Lösungsstrategien die Innovatoren. Die, die schneller reagieren, neigen nämlich schnell zu gleichförmigen Routinen.

Es macht einen großen emotionalen Unterschied, ob man mit Fruchtfliegen forscht oder mit Schimpansen. Die stammesgeschichtliche Nähe spürt man. Affen sehen nicht nur so aus wie Menschen, auch ihre Emotionen und die Art und Weise, wie sie psychisch und sozial funktionieren, kommen uns nahe. Außerdem sind sie als Art gefährdet, und die Haltungsbedingungen in den wissenschaftlichen Betrieben sind nie so gut wie in einem guten Zoo, und ein guter Zoo ist nie so gut wie Freiland. Deshalb bin ich dafür, Schimpansen aus der biomedizinischen Forschung herauszunehmen.

Der Mensch hat nicht zu allen Tieren ein gleich distanziertes Verhältnis. Das Tier, das als Erstes domestiziert wurde, war der Wolf. Lebensweise und soziale Organisation von Mensch und Wolf haben damals wunderbar zusammengepasst. Dazu gehören die soziale Hierarchie und die Fähigkeit, sich unterzuordnen. Warum sind Bären nie domestiziert worden? Weil sie, zumindest verglichen mit Wölfen oder Graugänsen, Autisten sind. Schimpansen oder andere Affen dagegen sind nicht zu unseren engsten Gefährten geworden, weil sie uns so ähnlich und in sozialen Beziehungen gerade so kompliziert wie wir selber sind. Solche eigenwilligen Gefährten brauchen wir nicht."

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