Der Mäuse wegen

Stefan Löffler und Benedikt Föger | aus HEUREKA 2/02 vom 08.05.2002

Warum steigt die Zahl der wissenschaftlichen Tierversuche in letzter Zeit wieder an? Was treibt die Menschen, die sie genehmigen und durchführen? Und wofür benötigt ein Forschungsinstitut Zehntausende durchlöcherte Holzstücke? "heureka" sprach mit Tierforschern und Veterinären über ihr heikles Betätigungsfeld.

Eines vorweg: Ausgewogen ist dieser Artikel nicht. Tierschützer kommen nur am Rande vor. Hier geht es um diejenigen, die an wissenschaftlichen Tierversuchen beteiligt sind. "heureka" begegnete Menschen, die nachdenklich sind und - im Gegensatz zu vielen Tierschützern - differenziert argumentieren, ohne das Wohl der Tiere zu vergessen. Leicht machen sie es sich nicht, die Versuche zu begutachten und zu bewilligen, sie vorzubereiten und durchzuführen. Leicht ist es vielmehr, gegen Tierversuche zu sein. Ablehnung darf spontan und emotional sein, begründet werden braucht sie nicht.

Wer mit Tierversuchen zu tun hat, weiß um diese Antistimmung. Ein bislang angesehener Tierarzt erntet in seiner Bank böse Blicke, seit er beim Gespräch über einen Kredit seinen Arbeitgeber genannt hat. Eine junge Tierpflegerin hat die Lehre abgebrochen, weil sie die Sticheleien aus dem Freundeskreis nicht mehr ertrug: Mitarbeiterin bei Frankenstein sei sie. Ein Biologe, der sonst ein offenes Verhältnis zu seinen Nachbarn pflegt, erzählt erst gar nicht von seiner Arbeit.

In diesem heiklen Betätigungsfeld ist Selbstbewusstsein gefragt. Forscher holen es aus ihren Ergebnissen, oder sie besinnen sich auf ihren möglichen Beitrag zum Kampf gegen Krebs. Die Pfleger in der Versuchstierhaltung müssen Selbstbewusstsein mitbringen. Sie müssen Wissenschaftlern, die ihnen einiges an Bildung und oft auch an Lebensjahren voraushaben, auf die Füße treten, falls sie Tiere unnötig leiden lassen. Diese Regel gilt in allen Labors, die "heureka" besucht hat.

Die Tierhaltung liegt in wissenschaftlichen Einrichtungen meist abseits. Niemand soll zufällig hineinstolpern, Tierbefreier und Demonstranten schon gar nicht. Zugang und Hygiene sind streng geregelt. Schuhe werden mit Plastik überzogen, Pfleger tragen Mundschutz. Viele Tiere wären Keimen schutzlos ausgeliefert. Versuchstierhaltungen werden oft zu klein geplant, sagt Andreas Bichl. So auch das von ihm geleitete Tierhaus am Wiener Institut für Molekulare Pathologie (IMP), das einmal als so genannte Vollbarriere mit einem ausgeklügelten System von Luft-, Futter-, Wasser- und Abfallströmen angelegt worden war, aber längst für zusätzliche Räume aufgebrochen wurde.

Vor zehn Jahren hat Bichl Vorträge über das bevorstehende Ende der Maus als Versuchstier gehört. Heute sind in Österreich drei von vier Versuchstieren Mäuse (im Jahr 2000 waren es 124.381 von 165.028). Sie sind genügsam, ihre wissenschaftliche Haltung wird seit mehr als hundert Jahren dokumentiert, aber vor allem ist es leichter, transgene Stämme zu züchten als bei anderen Tieren, deren Erbgut dem Menschen genauso ähnlich ist.

Dass Tierschützer um 28 Prozent gestiegene Versuchstierzahlen anprangern und damit Spenden lukrieren können, verdanken sie den genetischen Züchtungsexperimenten an Mäusen. Etwa 15.000 gibt es am IMP. So gehen Bichls Kalkulationen fast stets in die Tausende. 4200 Käfige müssen einmal die Woche durch saubere ersetzt und nach gut einem Jahr weggeworfen werden. Als "cage enrichment", wie es im Laborjargon heißt, gibt es ausgehöhlte Holzstücke. Die Mäuse lieben die kleinen Tunnel. Sie kosten zwar nur 55 Cent, doch in fünfstelliger Stückzahl, wie Bichl sie ordert, wird ein Kostenfaktor daraus.

Die Tür springt auf, ein Mann in Jeans, mit offenem Hemd und ungezähmtem Grauhaar stürmt herein: Erwin Wagner ist ein Sunnyboy der Wissenschaft. Mäuse-Wagner wird er genannt, und das ist durchaus anerkennend gemeint. Seit 24 Jahren forscht er mit Mäusen. Es gibt wenige, die mehr von transgenen Tiermodellen verstehen als er. Fast täglich bitten ihn Wissenschaftler, ihnen einige Exemplare von einem seiner Stämme für ihre Untersuchungen zu überlassen. Meist zieht sich Wagner mit dem Hinweis aus der Affäre, dass Landsleute der Anfragenden die betreffenden Mäuse schon haben, sie mögen doch dort nachfragen. Wenn das nicht möglich ist, weist er das Tierhaus an, die Lieferung vorzubereiten. Ein Paket, an dem ein Mauspärchen oder eine trächtige Mäusin auf die Reise geht, hat ähnlich wie ein Käfig etwa 360 Quadratzentimeter Grundfläche, zwei Luftfilter und an der Oberseite eine Sichtluke. Es enthält Streu und einen Plastikbeutel Futter. Der werde vor dem Versand nur eingestochen, erläutert Bichl, damit die kleinen Nager es riechen und etwas zu tun haben, um an ihre Wegzehrung zu kommen.

Wagners Mäusen wegen schickt das IMP fünfmal so viele Tiere weg, wie es erhält. Hilfe unter Kollegen heißt das. Bisher hat Wagner keinen der erstmals von ihm gezüchteten Stämme rechtlich schützen lassen. Sehr wohl hat er ein Patent auf eine Technik, die unter bestimmten Bedingungen erlaubt, die bei der Züchtung transgener Tiere sonst anfallende Zwischengeneration der so genannten Hymären zu überspringen. Das spare Tiere, Geld und vor allem Zeit.

Das Gespräch findet seine Fortsetzung in der Cafeteria des Instituts. Wie würde Wagner eine Maus töten? Er kenne zwei Methoden: durch Genickbruch per Hand oder durch Gas. Woran denkt er, wenn er eine Maus tötet? "Dass die Wissenschaft vorankommt", erwidert Wagner. "Wenn jetzt ein Kollege käme, der einen Versuch machen will, der mich überzeugt, und der Kollege hätte keine Lizenz, dann würde ich die Maus für ihn töten." - Dann haben Sie also die Lizenz zum Töten? Der eben noch gelassene Molekularbiologe blickt den "heureka"-Reporter finster an: "Was reden Sie da für einen Quatsch? Mit Ihnen sollte man gar nicht reden!" Ohne ein weiteres Wort springt Wagner auf und läuft davon.

Mit der Presse hat auch Udo Losert schlechte Erfahrungen gemacht. Zehn Jahre ist es her, seit sich ein Tierschützer in eine Schweineoperation eingeschlichen hat, die der Vorstand des Instituts für Biomedizinische Forschung am Allgemeinen Krankenhaus Wien (AKH) vor Studenten durchführte. Losert erkannte den Eindringling. Ihm nicht die Tür zu weisen, hat er bald bereut. Das Nachrichtenmagazin "profil" bastelte aus den Notizen des Mannes und heimlichen Aufnahmen eine Kolportage über grausame Experimente in dunklen Kellerräumen.

Nun hält Losert einen aktuellen Ausschnitt aus der "Kronen Zeitung" in der Hand: Zehntausende Tierexperimente seien überflüssig, wird da behauptet. Es ist keine Rede davon, dass der Artikel auf einer Presseaussendung von Tierversuchsgegnern anlässlich ihres jährlichen Aktionstags beruht. Genau ein Jahr zuvor hatten sie mit so genannten Home-Demos bei exponierten Tierforschern eine härtere Gangart an den Tag gelegt: Auch vor Loserts Privathaus zogen neun junge Leute gut eine Stunde lang auf und ab und riefen immerzu: "Losert - Mörder, Losert - Verbrecher." Sein Versuch, mit den Demonstranten zu diskutieren, stieß auf Desinteresse. "Losert - Mörder, Losert - Verbrecher" war das Einzige, was sie ihm zu sagen hatten.

Auf der Fensterbank seines Büros steht ein Modell des von ihm konstruierten Kunstherzens. 1977 hat er damit nach zahlreichen Einsätzen bei verschiedenen Tieren erstmals einem Menschen für die Dauer einer Operation das Herz ersetzt. Von Impfstoffen und Insulin über Arznei- und Schmerzmittel bis zur Anästhesie, Organtransplantation und künstlichen Gelenken reicht die Palette der durch Tierversuche ermöglichten Durchbrüche. Zwischen 100 und 200 Millionen Tiere werden weltweit jährlich eingesetzt, aber auch die Zahl der geretteten Menschenleben geht in die Millionen. Wer alle Tierversuche verbieten will, so Losert, der müsse konsequenterweise auch die moderne Medizin verbieten.

Den ganzen Nachmittag über hat er eine Kommission geleitet, die monatlich tagt, um über mit Tierversuchen verbundene Projekte zu sprechen.

Ohne ihre Zustimmung geht kein Antrag auf ministerielle Genehmigung oder Forschungsförderung aus dem Haus. Die interne Begutachtung gibt es am AKH seit gut zwanzig Jahren. Lange haben sich Forscher gegen die Gängelung gesträubt, mittlerweile haben sie die fachliche Kritik zu schätzen gelernt. Die Kommission verweist oft auf Ersatzmethoden (siehe Kasten unten) oder bemerkt Fehler in der Zahl der vorgesehenen Versuchstiere. Es kommt vor, dass zu wenige Experimente geplant sind, sodass Tiere geopfert würden, ohne dass man zu einem statistisch aussagekräftigen Ergebnis kommen würde. Oft ermahnen Losert und seine Kollegen die Antragsteller, ihre Fragestellung besser zu durchdenken. Experimente im landläufigen Sinn des Ausprobierens sind in der Wissenschaft nämlich als "dirty pilot study" verschrien und müssen Ausnahmen bleiben.

Seit dem ersten Tierversuchsgesetz Mitte der Siebzigerjahre hat sich das Verhältnis der Wissenschaft zu den Tieren um vieles verbessert. Heute hat Österreich eines der strengsten Tierversuchsgesetze der Welt. Das Leiden der Tiere ist durch Schmerzmittel, Betäubung und bei zu großer Belastung durch Einschläfern so weit wie möglich einzugrenzen. Sie müssen eigens für Versuche in genehmigten Betrieben gezüchtet worden sein. Es gibt Mindestanforderungen an Ställe oder Käfige und an die Versorgung. Mitarbeiter und Studierende dürfen auch nicht gezwungen werden, Tierversuche durchzuführen. In der Praxis liegt es nicht zuletzt an der Vielzahl der Genehmigungsbehörden in Bund und Ländern, dass nicht immer gleich streng überprüft wird, ob es tatsächlich keine Ersatzmethoden gibt.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige