Alternativen zum Tierversuch

aus HEUREKA 2/02 vom 08.05.2002

Zwei Briten, der Zoologe William Russell und der Mikrobiologe Rex Burch, haben 1959 die Leitbegriffe für eine verantwortliche Versuchstierforschung in "The Principles of Humane Experimental Technique" formuliert - bekannt auch als "3 R". Das erste R steht für "Replacement" und bezeichnet den Ersatz von Wirbeltieren durch einfachere Organismen: Um etwa die Belastung von Gewässern zu messen, müssen kaum noch Fische sterben, seit man um die Aussagekraft von Wasserflöhen weiß. "Reduction" steht für die Verringerung der eingesetzten Tiere durch bessere Planung und statistische Optimierung. Unter "Refinement" schließlich fällt unter anderem der Einsatz von Schmerzmitteln, um die Belastung für die Versuchstiere zu minimieren.

Als die heute wichtigste Methode, die Anzahl der Versuchstiere zu verringern, gilt die Forschung an Zellkulturen. Dabei wird getöteten Tieren Gewebe entnommen, und dieses wird "in vitro", also im Reagenzglas, am Leben erhalten. Dort wird es zum Wachsen gebracht und - falls möglich und sinnvoll - weitergezüchtet. Für manche Untersuchungen genügt Gewebe, das von anderen Versuchen oder im Schlachthaus übrig geblieben ist. Und dann gibt es heute auch noch den Ersatz durch den Computer: War es im Physiologiekurs früher üblich, Frösche zu töten und zu sezieren, können Studierende heute am virtuellen Froschmodell lernen.

Mit dem Begriff sind nicht alle Wissenschaftler zufrieden: "Alternativmethode" gaukle nämlich vor, dass es zu Tierversuchen eine Alternative gebe, sagt Udo Losert vom Institut für biomedizinische Forschung am Wiener AKH. Doch sei entweder eine Fragestellung nicht anders als im Tierversuch zu klären, oder die andere Methode komme zum Einsatz. Das schreibt auch das Österreichische Tierversuchsgesetz eindeutig vor.

In Zellkulturen sind viele Reaktionen besser zu beobachten und zu verstehen, weil man alle Bedingungen kontrollieren kann. Geht es jedoch um das Zusammenwirken im Organismus, führt in der Regel kein Weg am Tierexperiment vorbei. Weil es genehmigt werden muss, greift das Prinzip der kollegialen Kontrolle. Falls ein Antragsteller nicht erkennt, dass eine Alternative zum beabsichtigten Tierversuch besteht, sind seine Arbeitsgruppe, sein Institutsvorstand oder spätestens der Gutachter angewiesen, sein Vorhaben zu korrigieren.

Die in diesem Bereich tätigen Interessenverbände fördern nicht nur die Erprobung von Alternativen, sondern darüber hinaus auch, dass Wissen über wissenschaftlich anerkannte Ersatz- und Ergänzungsmethoden in Publikationen und Datenbanken online verfügbar ist. Denn dadurch müssen sie auch angewendet werden. In Österreich sind die einschlägig interessierten Wissenschaftler im zet, dem Zentrum für Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen (www.zet.bartl.net), vernetzt, die über zu geringe Unterstützung klagen. Anders sieht das Wolf Frühauf, der im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur dafür zuständige Sektionschef: Projekte über Ersatzmethoden können jederzeit eingereicht werden und werden bei positiver Begutachtung auch finanziert.

Zudem gibt es viele internationale Wissenschaftspreise in diesem Feld - einen davon auch in Österreich. Diesen "Staatspreis zur Förderung von Ersatzmethoden zum Tierversuch", den ebenfalls das Wissenschaftsministerium vergibt, erhielt zuletzt der Innsbrucker Neurobiologe Christian Humpel für die Entnahme und Erhaltung von Zellkulturen aus Rattenhirnen. Und Walter Pfaller, der ebenfalls in Innsbruck forscht, wurde beim letzten Weltkongress über Alternativmethoden in Bologna für den besten Poster-Beitrag prämiert.

Einen Preis hätte sich freilich auch der britische Biologe und Genetiker J.B.S. Haldane verdient. Nach einem längeren Indienaufenthalt vollzog er in den Fünfzigerjahren eine Abkehr von seinen Tierversuchen. Viele seiner atmungsphysiologischen Experimente führte er fortan an sich selbst durch. Dabei setzte er sich ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit extremen Situationen aus: So studierte er einmal während eines 35-minütigen Aufenthalts in einem Behälter mit schmelzendem Eis seine Reaktion auf ein mit 6,5 Prozent CO2 angereichertes und unter zehn Atmosphären Überdruck stehendes Luftgemisch. S. L.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige