Ökologischer Imperialismus

Peter Iwaniewicz | aus HEUREKA 2/02 vom 08.05.2002

Sie reisen in Schiffsrümpfen und neuerdings auch in Flugzeugen. Oft bemerkt man sie erst, wenn es schon zu spät ist. "Alien species" bzw. Neobiota sind keine kleinen grünen Männchen, sondern tierische Invasoren, die nicht selten eine Gefahr für Ökosysteme und Landwirtschaft darstellen.

Was haben die Regenbogenforelle, die Schwarzkopf-Ruderente, die Reblaus und die Bisamratte gemeinsam? Diese Tiere kamen in Österreich ursprünglich nicht vor und haben sich hier erst im Lauf der Zeit mit beständigen Populationen etablieren können. Doch im Unterschied zur natürlichen Dynamik von Ökosystemen, die zum Entstehen und Vergehen der verschiedenen Arten führt, konnten sich diese Einwanderer nur aufgrund menschlicher Mithilfe in vergleichsweise kürzesten Zeiträumen bei uns ansiedeln.

Und noch etwas verbindet die genannten Tierarten: Sie stammen alle aus Nordamerika. Mit der Entdeckung der Neuen Welt wurden geographische Barrieren wie der Atlantik plötzlich durchlässig und führten dank der intensivierten Handelsbeziehungen zu einer raschen globalen Verbreitung von Tieren und Pflanzen.

Zunächst ging die Bewegung freilich in die umgekehrte Richtung: Die europäischen Auswanderer versuchten, die bewährten heimischen Haustierrassen und Kulturpflanzen in der Fremde anzusiedeln. Alfred Crosby zitiert in seinem Buch "Ecological Imperialism" einen der Auswanderer, für den die Flora und Fauna Australiens nichts Vertrautes bot: "Die Schwäne waren schwarz, die Adler weiß, die Bienen hatten keinen Stachel, manche Säugetiere einen Beutel und andere wiederum legten Eier." Also begleiteten "baggage animals" die Siedler und füllten die Schiffsrümpfe. Diese solcherart importierten Tierarten wurden aber dann rasch zum Problem und hatten verheerende Folgen für den Artenbestand der Region.

Heute hat man allzu viele Beispiele von den ökologischen wie auch ökonomischen Dimensionen, die solche Invasionen zur Folge haben: Fast sämtliche Vogelarten der Insel Guam wurden durch die aus Australien stammende Braune Baumschlange (Boiga irregularis) ausgerottet. Die afrikanische, so genannte "Verrückte Ameise" (Anoplolespsis gracilipes) hat auf der Weihnachtsinsel im Pazifik innerhalb von nur eineinhalb Jahren circa drei Millionen Krabben getötet. Und philippinische Reisbauern verloren durch die eingeschleppte Goldene Apfelschnecke fast eine Milliarde Dollar durch Ernteausfälle.

Diese Liste könnte noch lange fortgesetzt werden und stellt nur einen kleinen Auszug aus einer globalen Datenbank über invasive Arten dar. Die World Conservation Union (IUCN) hat dazu auch eine Publikation mit dem unmissverständlichen Titel "100 of the World's Worst Invasive Species" herausgegeben. Noch deutlicher bezieht eine amerikanische Naturschutzorganisation Stellung, die unter der Schlagzeile "The Dirty Dozen - Amerikas Least Wanted Aliens" zwölf Tier- und Pflanzenarten steckbriefartig anführt und deren restlose Ausrottung für die USA fordert.

Bislang lag der Fokus der zoologischen Forschung und der gesellschaftlichen Wahrnehmung ökologischer Probleme eher auf dem Artensterben. Langsam beginnt man aber auch in Europa die Dimensionen der tierischen wie pflanzlichen Invasionen wahrzunehmen. Eine in diesem Sommer erscheinende Studie des Umweltbundesamts hat erstmalig für Österreich alle bekannten botanischen und zoologischen Zuwanderer aufgelistet.

Unter der politisch korrekteren Bezeichnung Neobiota (anstelle des ambivalenten und auch anderweitig besetzten Begriffs "Alien") werden alle Lebewesen verstanden, "die in Österreich nicht einheimisch sind und erst nach 1492 unter direkter oder indirekter Mithilfe des Menschen in dieses Gebiet gelangt sind und hier wild leben oder gelebt haben". Von den rund 45.000 heimischen Tierarten ist etwa ein Prozent, das sind also 500 Arten, eingewandert. Von rund einem Drittel dürfte laut Studie eine negative wirtschaftliche Bedeutung zu erwarten sein.

Diese Zahlen sind im Vergleich zu außereuropäischen Ländern relativ niedrig. Franz Essel, einer der beiden Projektleiter der Studie, nennt die wesentlichsten Gründe dafür: Im Unterschied zu Inseln sind in kontinentalen Gebieten weniger ökologische Nischen frei, die von zuwandernden Arten besetzt werden können. So fehlen dort oft ganze Tiergruppen, wie z.B. Raubtiere. Auch verhindert der Winter in unseren Breiten ein dauerhaftes Festsetzen von Lebewesen aus tropischen Zonen. Und nicht zuletzt hat Europa in seiner tierischen "Handelsbilanz" immer mehr exportiert als importiert.

Also kein Grund zur Besorgnis? Keineswegs, denn die so genannte "Zehnerregel" zu den Folgen von Invasionen besagt, dass von tausend eingeführten Arten etwa hundert verwildern, sich von diesen etwa zehn dauerhaft im Gebiet festsetzen und davon eine tatsächlich zum Problem wird. Und in Österreich leiden nicht nur Landwirte unter dem eingeschleppten Kartoffelkäfer, sondern auch andere Bereiche unter Neobioten: Imker unter der Varroamilbe, Gärtner unter der Spanischen Wegschnecke und Winzer unter neuen aggressiven Rassen der Reblaus.

Auf der letzten Vertragsstaatenkonferenz in Den Haag hat die UNO erstmals weltweit gültige Richtlinien beschlossen, wie die Einschleppung von invasiven Arten möglichst verhindert oder minimiert werden soll. Neben Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung wird auch auf den dringend notwendigen Forschungsbedarf hingewiesen. Michael Kiehn, Professor am Institut für Botanik an der Uni Wien, bringt es auf den Punkt: "Ohne Grundlagenforschung wäre die Studie über Neobiota in Österreich überhaupt nicht möglich gewesen."

Sprich: Ohne Kenntnis der Existenz, Verbreitung und ökosystemaren Vernetzung der Tierarten lassen sich keine Aussagen machen - ein Beispiel mehr für die Notwendigkeit von Grundlagenforschung, die auch für ein wissenschaftsfernes Publikum nachvollziehbar ist.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige