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aus HEUREKA 3/02 vom 19.06.2002

Im Fußball hat es sich bis an die letzten Stammtische herumgesprochen: Es gibt keine Bloßfüßigen mehr. Dass Titelverteidiger Frankreich in der WM-Vorrunde gegen Senegal auf der Strecke geblieben ist, hat wohl auch damit zu tun, das sämtliche Auswahlspieler des Senegals in französischen Clubs kicken. In der Wissenschaft liegen die Dinge gar nicht so viel anders. Auch hier wandern viele der begabtesten Köpfe vom Schwarzen Kontinent in den Westen ab. Schätzungsweise 30.000 promovierte Afrikaner forschen in Europa und Nordamerika. Zwar würden ihr Wissen und ihre Ideen auf ihrem Heimatkontinent dringend gebraucht. Doch dort mangelt es an nahezu allem, was Wissenschaftlern Spaß macht: gut ausgestatteten Labors und einem Salär auf westlichem Niveau. Die drängendsten Probleme der "Dritten Welt" - Unterernährung, Infektionskrankheiten, Umweltverschmutzung - werden sich nicht allein durch Forschung bewältigen lassen, aber sicher nicht ohne sie. So jedenfalls tönt es unisono bei entwicklungspolitischen Gipfeltreffen, wie zuletzt bei der Welternährungskonferenz in Rom.

Wie das im Einzelnen geschehen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Ist gentechnisch verändertes Saatgut die Lösung? Oder soll man nicht auf die ökologische Schädlingsbekämpfung setzen? Diese Fragen verweisen darauf, dass der Norden eine ambivalente Rolle spielt - er ist Helfer, aber auch Wirtschaftsmacht mit eigenen Interessen. Die Entwicklungshilfebudgets dümpeln auf niedrigem Niveau, die Handelsschranken für Waren aus ärmeren Ländern bleiben bestehen. Hinzu kommt, dass sich in unseren Breitengraden viele Wissenschaftler (und Konzerne) für den Süden in erster Linie als Lieferant von Forschungsmaterial interessieren. Klinische Tests neuer Wirkstoffe finden immer häufiger in Entwicklungsländern statt. Paläoanthropologen sehen in Kenia und Äthiopien vor allem viel versprechende Fundorte für hominide Fossilien. Dieses instrumentelle Verhältnis zu den Entwicklungsländern, hat eine lange Tradition. Ein Fach, das besonders mit seinem kolonialen Erbe ringt, ist die Ethnologie. Im vorigen Jahr sorgte das Buch "Darkness in El Dorado" nicht nur bei der engeren Fachöffentlichkeit für intensive Diskussionen. Der Wissenschaftsjournalist Patrick Tierney beschuldigt darin den Ethnologen Napoleon Chagnon und andere Anthropologen, nur Unheil über die von ihnen in den Sechziger- und Siebzigerjahren erforschten Yanomami im Amazonas-Regenwald gebracht zu haben.

Der Ethnologe Andre Gingrich, mit dem "heureka" über die schwierige Vergangenheit des Fachs gesprochen hat, plädiert dafür, anstelle der Begriffe "Entwicklungsländer" oder "Dritte Welt" die betreffenden Regionen zu benennen. Ob sich die Formel "Lateinamerika, Afrika und Asien ohne Japan, Israel und die Tiger- und Golfstaaten" zur Bezeichnung des ärmsten Teils der Welt durchsetzen kann, wird sich noch weisen. Wenn "heureka" bis auf weiteres "Entwicklungsländer" oder "Dritte Welt" schreibt, interpretieren Sie dies bitte nicht als politisches Statement. Mit diesem Heft verabschiedet sich "heureka" in die Sommerpause, die im Übrigen länger währen wird als im Fußball. Die nächste Ausgabe zum Thema "Richtig Studieren von A bis Z" erscheint Ende September. Genießen Sie Ihren Sommer.

Oliver Hochadel, Stefan Löffler und Klaus Taschwer

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