Wird die Kluft zum Abgrund?

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/02 vom 19.06.2002

Ohne Investitionen in Wissenschaft und Technologie werden die ärmsten Länder wirtschaftlich noch weiter zurückfallen. Trotz einzelner Lichtblicke ist keine Trendwende in Sicht. Mangelndes Engagement der Industrieländer und die institutionelle Erosion in den Entwicklungsländern lassen vor allem die Zukunft Afrikas in düsterem Licht erscheinen.

"Die Menschen sterben. Und Computer kann man nicht essen!" Die Demonstranten verbrannten mediengerecht einen unschuldigen Laptop, um auch gar keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, was sie von der Absicht der G-8-Staaten hielten, den Entwicklungsländern mit Technologieimporten zu helfen. So geschehen beim Gipfel der sieben größten westlichen Industrienationen und Russlands vor zwei Jahren auf der japanischen Insel Okinawa.

Bildschirme und Festplatten sind sicherlich ungenießbar, aber ob Menschen in ärmeren Regionen sie nicht doch sinnvoll einsetzen können? Die Menschen im kleinen Fischerdorf Veerampattinam an der Südspitze Indiens haben jedenfalls Verwendung für sie. Bevor die Fischer am frühen Morgen ausfahren, rufen sie per Internet den Wetterbericht für ihre Region ab. Das Risiko, in schwere See zu geraten, wird so deutlich vermindert. Medizinische Informationen, aber auch die aktuellen Lebensmittelpreise des nächstgelegenen Marktes sind für die Dorfbewohner nun zugänglich. Die indische Swaminathan-Stiftung hat in vier Dörfern diesen Pilotversuch gestartet. Nur ein Tropfen auf den heißen Subkontinent? Öffentlichkeitswirksam, aber ohne jegliche Breitenwirkung angesichts von 600.000 indischen Dörfern?

Sollte man statt teurer Hightech nicht Brunnen graben, Medikamente liefern und Schulen bauen? Ist die Befriedigung der Grundbedürfnisse nicht wichtiger als Gentechlabors, die Instandsetzung der Straßen nicht sinnvoller als der Datenhighway? Wer solche Fragen stellt, verrät, dass in seiner Vorstellungswelt Wissenschaft und Entwicklungsländer nichts miteinander zu tun haben. Wenn wir Äthiopien hören, denken wir an ausgemergelte Kinder mit aufgeblähten Bäuchen, beim Iran an fundamentalistische Mullahs, bei Rio de Janeiro an Favelas voller verwahrloster Wellblechhütten. Das medial vermittelte Bild, das wir von den so genannten Entwicklungsländern haben, ist ein Problem, mit dem sich Wissenschaftler aus Afrika, Asien und Lateinamerika herumplagen müssen. Eines von vielen.

Sorgenkontinent Afrika. Der Begriff "Entwicklungsländer" ist problematisch, nicht nur wegen seines abwertenden Beigeschmacks. Denn generalisierend von "den Entwicklungsländern" zu reden, wird immer unsinniger. Zu groß sind die Unterschiede, was die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen und damit auch die Lage von Wissenschaft und Technik angeht. Und diese Differenzen werden ständig größer. Südkorea, Singapur, Malaysia und China gehören weltweit bereits zu den Top Ten beim Export von Hightechprodukten. Auch Indien, Brasilien und Mexiko spielen in der Informatik oder der Biotechnologie bereits in der ersten Liga.

So unvergleichbar die Länder einerseits sind, so deutlich lässt sich andererseits anhand der Wissenschafts- und Technologieindikatoren eine Problemzone identifizieren: Die afrikanischen Staaten, insbesondere jene südlich der Sahara mit Ausnahme von Südafrika, rangieren in fast allen Statistiken auf den letzten Plätzen. Während in den USA 3500, in Japan gar 4400 Forscher auf eine Million Einwohner kommen, sind es in Afrika gerade einmal siebzig. Lateinamerika mit 550, Asien mit 340 und der Mittlere Osten mit 130 hinken auch noch stark hinterher.

Die Länder südlich der Sahara publizieren weniger als ein Prozent der weltweit erscheinenden wissenschaftlichen Aufsätze, Tendenz - das ist das Erschreckende - fallend. Die Abwanderung qualifizierter Wissenschaftler in Länder mit besseren Arbeitsbedingungen und deutlich höheren Löhnen, der Braindrain, trifft die einheimische Forschung hart: Außerhalb Afrikas arbeiten schätzungsweise mehr als 30.000 promovierte afrikanische Wissenschaftler - weit mehr als in Afrika selbst.

Der so genannte Digital Divide scheint den Schwarzen Kontinent noch weiter zurückfallen zu lassen. Nutzten im Jahre 2000 in den USA über 54 Prozent der Bevölkerung das Internet, waren es südlich der Sahara gerade einmal 0,4 Prozent. Dass es zwei Jahre zuvor lediglich 0,1 Prozent waren, der Anteil der Netznutzer also auf sehr niedrigem absolutem Niveau relativ stark wächst, mag man zumindest als kleinen Hoffnungsschimmer werten.

Warum aber vergrößern sich die Unterschiede zwischen Singapur und Sambia, zwischen Mexiko und Moçambique ständig? Was erklärt den Erfolg von Ländern wie China und Südkorea? Die beiden ostasiatischen Staaten sind politisch vergleichsweise stabil, der Forschungssektor ist im Gegensatz etwa zu afrikanischen Universitäten keiner institutionellen "Erosion" ausgesetzt. Im Gegenteil: China und Südkorea haben "besonders aggressiv" in Forschung und Technologieentwicklung investiert, wie es der US-Bericht "Science and Engineering Indicators" ausdrückt. Dass viele der "Tigerstaaten" früher als Produktionsstandorte die verlängerte Werkbank der westlichen Industrienationen bildeten, hat die Industrialisierung entscheidend vorangetrieben. Vergleichbare Ansatzpunkte gibt es in Afrika nicht.

Entscheidend für den Erfolg war jedoch, dass diese Länder ihre eigenen Zielvorstellungen entwickelt und konsequent verfolgt haben, glaubt Mohamed Hassan, Leiter der Third World Academy of Science in Triest. "Capacity-Building" heißt das Zauberwort in der entwicklungspolitischen Diskussion: Die Staaten selbst müssen den Ausbau ihrer Kapazitäten im Bereich Forschung und Technologieentwicklung vorantreiben.

Die Rolle des Westens. Die Staaten selbst? Aber wie? Den ärmsten Ländern ist es trotz - manche sagen gar: wegen - der Unterstützung durch den Westen nicht gelungen, die Kluft zu den reicheren Nationen zu verringern. Die Kluft droht vielmehr zum bodenlosen Abgrund zu werden. "Wissenschaft allein wird Afrika nicht retten können, aber ohne Wissenschaft wird es sicher nicht gehen", gibt sich Hassan überzeugt.

Wobei es in den ärmsten Ländern weniger um den Export von Kleinwagen und Computerteilen als um "applied science" geht, die helfen soll, die drängendsten Aufgaben im Lande zu erfüllen: die Bekämpfung von Infektionskrankheiten und die Sicherstellung der Nahrungsgrundlagen in der Landwirtschaft.

Wie aber soll dieses Capacity-Building erreicht werden? Welche Rollen sollen Industrienationen und Entwicklungsländer dabei einnehmen? Auf die letzte Frage geben Wissenschaftler, Entwicklungshelfer und Ministerialbeamte in Wien und Brüssel eine gleich lautende Antwort: Entwicklungsländer müssen als gleichwertige Partner behandelt werden. Das aber ist leichter gesagt als getan. Denn die Ressourcen, finanzieller wie technologischer Art, sind höchst ungleich verteilt. Hochtrabende Formeln wie "Hilfe zur Selbsthilfe" oder "Empowerment", also Ermächtigung, machen dies - genau besehen - nur allzu deutlich. Denn allen Gleichheitsbeteuerungen zum Trotz bleibt einer, der hilft, und einer, dem geholfen wird. Einer, der ermächtigt, und einer, der ermächtigt wird.

In offiziellen Verlautbarungen der G 8, der Weltbank oder der Vereinten Nationen wird die Bedeutung von Wissenschaft und Technologie als Entwicklungsmotor für die ärmsten Länder immer wieder betont. So auch etwa bei der New Partnership for African Development (NEPAD), einer Art Marshallplan für den Schwarzen Kontinent, die bis 2015 die Armut drastisch reduzieren soll.

Freilich, zwischen Lippenbekenntnis und fester Überzeugung ist nicht immer ganz leicht zu unterscheiden. Calestous Juma, Direktor des Center for International Development der Harvard University, gibt sich im "heureka"-Interview jedenfalls skeptisch: "Es ist noch ein langer Weg, bis Wissenschaft im Zentrum der Entwicklungspolitik stehen wird. Viele Industrieländer sehen Wissenschaft nicht als zentral für die Armen an."

In der Tat: Das Engagement des Westens für Wissenschaft und Technologie in den ärmeren Ländern ist in einem strukturellen Loch gelandet. Für ein Wissenschaftsministerium sind vornehmlich Hochtechnologieländer und aufstrebende Schwellenländer mit einem potenziell großen Markt wie China oder Indien interessant. Die Entwicklungshilfebehörden wiederum fühlen sich nicht für die Wissenschaft zuständig oder haben aufgrund der mehr als spärlichen Budgets kaum Handlungsspielräume. Statt der selbst gelegten Latte von 0,7 Prozent geben die EU-Staaten im Durchschnitt lediglich etwas über 0,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe aus. In Österreich waren es im Jahr 2000 gar nur 0,23 Prozent.

Entwicklungshilfe, aber richtig. "An Ideen und Anfragen mangelt es uns im Gegensatz zu Geld nicht", lässt Lydia Saadat von der im Außenministerium angesiedelten österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (EZA) wissen. Sie fordert daher, dass das entwicklungspolitische Interesse über die EZA hinausgehen, sprich: dass dieses Interesse auch in anderen Ministerien wie Landwirtschaft oder Wissenschaft miteinbezogen werden soll.

An Bemühungen im nichtstaatlichen Bereich mangelt es nicht: NGOs, Stiftungen, universitäre Institute oder einzelne Wissenschaftler, Vereine mit besonderen Beziehungen zu einzelnen Ländern versuchen mit ihren meist geringen Mitteln etwas zu bewegen. Ob man dies als Wildwuchs sieht, der dringend der Koordinierung bedarf, oder als problemorientiere Bottom-up-Initiativen, ist Ansichtssache. "Der direkte Kontakt und das persönliche Engagement der beteiligten Personen wiegt viel. Der Reibungsverlust ist bei diesen Direktkooperationen geringer als bei Top-down-Programmen, bei denen eine große Organisationen wie die Vereinten Nationen Themen ausschreiben", sagt Robert Schwertner.

Aus der Entwicklungshilfe kommend, ist Schwertner heute zuständig für die Drittstaatenkooperation am Wiener Büro für Internationale Forschungs- und Technologiekooperation (BIT). Zurzeit kümmert er sich vor allem um die zentralasiatischen Republiken, aber auch um afrikanische Staaten. Wirbt er für Kooperationen mit ärmeren Ländern, muss er bei seinen Gesprächspartnern aus Wissenschaft und Wirtschaft oft große Barrieren überwinden. Erstaunen und Angst sind oft die ersten Reaktionen. Man befürchtet, dass es den Drittstaaten nur darum geht, Computer und Medikamente billig herzustellen. Möglicherweise nicht zu Unrecht.

Harvard-Professor Juma glaubt, dass manche Industrieländer gewisse Technologien den ärmeren Ländern bewusst nicht zur Verfügung stellen: "Aber selbst mit diesen Technologien wäre es schwer für sie im Welthandel. Viele Industrieländer schützen ihre Märkte vor Handelsgütern aus Entwicklungsländern. Folglich gibt es wenig Anreize, mittels Wissenschaft und Technologie die eigenen Produkte weiterzuentwickeln."

Die Doppelrolle von Entwicklungshelfer und Wirtschaftsmacht führt fast zwangsweise zu Widersprüchen. Die Entwicklungshilferhetorik auf den Lippen, will man die ärmeren Staaten nicht zu Konkurrenten hochpäppeln, hat man doch bereits mit der Billigkonkurrenz vieler Schwellenländer zu kämpfen. Die ärmeren Länder müssen sich jedenfalls im Klaren darüber sein, dass sich die Gesetze des Marktes nicht außer Kraft setzen lassen werden. Deshalb fordert Schwertner, vor allem die wenigen Stärken zu stärken: "Die Starken ziehen dann Gelder an und schaffen Arbeitsplätze, sodass eine Entwicklungsdynamik entstehen kann."

Keimzellen der Hoffnung. Trotz der insgesamt wenig ermutigenden Lage gibt es auch in Afrika einige Keimzellen, die zu Centers of Excellence heranreifen könnten. Dazu zählten neben dem African Centre for Meteorological Applications im Niger und dem African Centre for Technology im Senegal auch die Med Biotech Laboratories in der ugandischen Hauptstadt Kampala. Für deren Leiter Thomas Egwang besteht das größte Problem im Fehlen einer wissenschaftlichen Kultur und dem Desinteresse an Forschung in vielen Teilen der eigenen Gesellschaft.

Das Institut sucht unter anderem nach Mitteln gegen die so genannte Flussblindheit, die jährlich Tausenden Menschen das Augenlicht raubt. "Vom ugandischen Staat bekommen wir keinen einzigen Dollar", stellt Egwang klar, das Geld kommt von verschiedenen europäischen Organisationen. Der Immunologe beklagt aber auch den Mangel an gut ausgebildeten Wissenschaftlern im postdoktoralen Bereich. Mit den Absolventen der heimischen Universitäten ist er nicht zufrieden.

"Ich bringe ihnen molekularbiologische und immunologische Techniken bei, aber der Eifer für die Forschung fehlt. Entsprechend niedrig ist die wissenschaftliche Produktivität." Warum ist er dann 1995, nach 17 Jahren in den USA, Kanada und der Zentralafrikanischen Republik, nach Uganda zurückgekehrt, um die Med Biotech Laboratories zu gründen? "Ich hatte es satt, im Ausland zu leben." Bleibt zu hoffen, dass es noch mehr afrikanischen Wissenschaftlern ähnlich ergeht.

Für weitere Infos und Links siehe: Österreichische Forschungsstiftung für Entwicklungshilfe:

www.oefse.at

Österreichische Entwicklungszusammenarbeit: www.eza.at

Third World Academy of Science: www.twas.org

Science Development Net: www.scidev.net

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