Schädlinge in der Ökofalle

Florianne Koechlin und Stefan Löffler | aus HEUREKA 3/02 vom 19.06.2002

Es gibt sie doch: Forschungsinstitute in der Dritten Welt, die auf internationalem Niveau arbeiten. Das Insektenforschungsinstitut ICIPE in Nairobi kann sich sehen lassen. Es zielt nicht auf Hightechlösungen gegen jene Schädlinge, die Pflanzen, Vieh und Menschen bedrohen, sondern orientiert sich an den Bedürfnissen und Möglichkeiten der afrikanischen Landbevölkerung.

Nahezu ein Drittel der Ernte fällt in Afrika südlich der Sahara Schädlingen zum Opfer. Tsetsefliegen und Anophelesmücken, die Überträger von Malaria, töten jährlich Millionen Menschen und Tiere. Insektizide und Impfstoffe richten wegen der um sich greifenden Resistenzen immer weniger aus. So kommen zunehmend Lösungen ins Spiel, die an den Kreisläufen und Wechselwirkungen der Natur ansetzen. Biologische Lösungen, wie sie am Internationalen Zentrum für Insekten- und Pflanzenökologie (ICIPE) in Kenia erforscht werden.

Dort arbeiten Molekularbiologen mit Verhaltensforschern und Insektenkundlern zusammen. Auch Sozialwissenschaftler, Biostatistiker und Mediziner gehören zum Institut, das derzeit etwa 250 Mitarbeiter zählt. Neben dem Zentrum am Rand der Hauptstadt Nairobi gibt es Zweigstellen am Victoriasee und in Nachbarländern. Die Hälfte der Wissenschaftler sind Kenianer, ein Viertel kommt aus anderen afrikanischen Ländern.

Nahezu alle arbeiten mit der Landbevölkerung zusammen. Die Bauern sollen direkt oder über Multiplikatoren von den am ICIPE erforschten Methoden erfahren, wie sie sich, ihre Nutztiere und ihre Felder schützen können. Etwa, wie sich die vom Vieh angelockten Tsetsefliegen fangen lassen. Oder wie man den erst vor hundert Jahren nach Ostafrika gekommenen Mais gegen die lokalen Schädlinge rüstet.

Die Bäuerin Rispa Ouzo, die in der Nähe des Victoriasees lebt, zeigt ihre beiden Maisfelder. Im ersten sehen die Pflanzen erbärmlich aus. Sie sind kaum einen Meter hoch, die Blätter sind gelb und oft zerfetzt, Maiskolben gibt es kaum. Im Feld daneben steht der Mais über zwei Meter in saftigem Dunkelgrün und mit gesunden Kolben. Es ist die gleiche Maissorte, angepflanzt zur gleichen Zeit.

Das zerstörte Feld wurde ein Opfer des Stängelbohrers und des Unkrautes Striga. Um das zweite Feld hat Ouzo drei Reihen Napiergras gepflanzt. Dessen Duft lockt den Stängelbohrer an, doch es produziert auch einen klebrigen Stoff, der für neunzig Prozent der Larven des Stängelbohrers zur tödlichen Falle wird. Zwischen den Maisreihen hat die Bäuerin zudem das bodenbedeckende Bohnengewächs Desmodium gepflanzt, dessen Düfte die Stängelbohrer abstoßen. Der Schädling wird also vom Napiergras aus dem Maisfeld gelockt und vom Desmodium vertrieben, das zudem die Ausbreitung des Strigakrauts verhindert. Napiergras und Desmodium werden später geerntet und als Futterpflanzen verkauft.

Auf eine gänzlich andere Methode setzt die Saatgutindustrie: Dem Mais wird ein Gen zugefügt, damit er ein Gift produziert, das gegen Stängelbohrer wirkt. Dies sei bestenfalls eine Teillösung, verglichen mit dem ökologisch umfassenden System des ICIPE, findet dessen Direktor Hans Herren. Zudem können sich afrikanische Kleinbauern ohnehin kein Saatgut leisten. Aufgrund von Äußerungen wie dieser wurde Kritik laut, das von europäischen Geldgebern und Wissenschaftlern beherrschte Institut wolle Kenia von der technologischen Entwicklung abschneiden.

Der aus der Schweiz stammende Herren sieht die Biotechnologie skeptisch, lehnt sie aber nicht generell ab. Der 1995 mit dem Welternährungspreis ausgezeichnete Direktor kommt gut an bei den ökologisch denkenden Geldgebern in Europa. Doch er hat auch Kritiker, die fürchten, das ICIPE bleibe unter seinen Möglichkeiten, weil es mehr den Ideologien seiner Geldgeber folge, als die Probleme in Afrika mit allen verfügbaren Mitteln anzugehen. Herren selbst treibt die Sorge, dass sich öffentliche Förderungen auf die Biotechnologie konzentrieren und Forschungen, die sich an der lokalen Umwelt orientieren, zu kurz kommen.

Rispa Ouzo wurde vom ICIPE für dieses Pilotprojekt ausgewählt, weil ihre Felder besonders schlimm von Schädlingen und Unkraut befallen waren. In den nächsten fünf Jahren soll diese Methode auch in Äthiopien, Malawi, Uganda und Tansania in Zusammenarbeit mit den nationalen Forschungsinstituten eingeführt werden. Daneben wird am ICIPE weiter über natürliche Feinde des Stängelbohrers geforscht.

Gegen Chilo partellus, die aggressivste Stängelbohrerart in Afrika, wurde in dessen ursprünglicher Heimat Indien eine kleine Schlupfwespe gefunden. Cotesia flavipes Cameron spürt die Larven im Inneren des Stängels auf und legt ihre Eier hinein, sodass die jungen Schlupfwespen die Stängelbohrerlarve später auffressen. Wo die Schlupfwespe in den vergangenen Jahren vom ICIPE angesiedelt wurde, hat sich der Stängelbohrerbefall um mehr als die Hälfte reduziert.

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