Freier Austausch

aus HEUREKA 3/02 vom 19.06.2002

Protokolle: Sabina Auckenthaler, Desirée Hebenstreit und Matthias Bernhart

Kollegialität und gute Ausstattung, Konferenzen und Forschungsgeld - es gibt viel, was Forscher aus so genannten Entwicklungsländern an Österreichs Universitäten schätzen. Gastwissenschaftler aus Südamerika, Afrika und Asien berichten über ihre überwiegend positiven Erfahrungen - aber auch darüber, was in ihren Heimatländern besser ist.

"Ich wurde als Gastprofessor nach Wien eingeladen, da ich mich vor allem für kulturwissenschaftliche Fragestellungen im Rahmen des Multikulturalismus interessiere und diese auch hier Bestandteil der Forschung sind. Es gibt einige Unterschiede zwischen der Wiener Universität und meiner Universität in New Delhi, weil unsere Universität hauptsächlich für Postgraduierte ist und der Schwerpunkt mehr auf der Forschung liegt.

Meine Disziplin, die Germanistik, ist in Indien eine so genannte Auslandsphilologie und ein kleines Fach im Vergleich zur Germanistik in Wien. Wir haben zum Beispiel keine Altgermanistik. Dafür sind wir mehr gegenwartsbetont und machen sehr viel Sozialgeschichte und Landeskunde. Außerdem sind wir interdisziplinär orientiert - genau deswegen sitze ich auch hier am Institut für Ethnologie.

Die Verbindungen von Gesellschaftswissenschaften, Ethnologie und Literatur tauchen bei uns häufiger auf. Was die Ausstattung betrifft, ist es für mich als Germanist natürlich in jedem deutschsprachigen Land leichter, Material in Bibliotheken zu finden. Ähnlich ist auf jeden Fall die Zusammenarbeit mit den Kollegen und das Arbeitsklima. Universitäten sind vom Arbeitsklima her international, das heißt, wir haben auch in Indien oft Gäste aus dem Ausland.

Insgesamt gibt es zwischen den Nationen verschiedene Gewichtungen, Stärken und Schwächen. In der Informatik hat Indien offenbar Weltniveau. Natürlich sind prinzipiell im Westen, in Europa, die Universitäten besser ausgestattet, die Forschungskapazitäten und die Infrastruktur größer. Aber das Potenzial an Menschen, die diese Infrastruktur nutzen, ist auf der ganzen Welt ungefähr gleich verteilt".

Anil Bhatti ist Professor of German Studies an der Jawaharlal-Nehru-Universität in New Delhi/Indien. Er ist zur Zeit Gastprofessor am Institut für Ethnologie, Sozial- und Kulturanthropologie der Universität Wien.

"Ursprünglich wollte ich hier mein Musikstudium vertiefen. Als ich nach eineinhalb Jahren Warten einen Studienplatz bekam, stellte ich fest, dass der Stoff nicht meinen Erwartungen an ein musikwissenschaftliches Studium in Wien entsprach. Praktisch alles hatte ich schon in Brasilien gelernt. Da-rum bin ich zur Afrikanistik gewechselt.

In Brasilien sind die Unterschiede zwischen den Universitäten sehr groß. Es gibt sehr gute staatliche Universitäten und unzählige private, die in der Regel schlechter sind. Die Uni von São Paulo ist der Uni Wien in vielen Bereichen überlegen, wenn man bedenkt, dass Österreich ein reiches Land ist und die operativen Möglichkeiten der brasilianischen Unis viel beschränkter sind. Den Bibliotheken fehlt es an aktueller Literatur, aber dank dem Internet fällt das nicht mehr so ins Gewicht.

In Österreich gibt es nicht nur bürokratische Hindernisse, es mangelt auch an Bereitschaft zur Anerkennung anderer Kulturen und Gesellschaften. Europa sieht sich als Kulturträger und erhebt universelle Ansprüche. Als Wissenschaftlerin aus einem so genannten Entwicklungsland habe ich hier oft das Gefühl, dass ich mein Können und Wissen immer wieder beweisen muss, bevor ich anerkannt werde, und dass in erster Linie meine Herkunft als Beurteilungskriterium gilt. Auch wenn mich Leute außerhalb der Uni nach meiner Ausbildung fragen, wird eher das respektiert, was ich in Österreich studiert habe."

Beatriz de Abreu Fialho Gomes kam 1982 aus Brasilien nach Österreich und ist heute externe Lektorin am Institut für Afrikanistik der Universität Wien im Wahlfach Internationale Entwicklung.

"Bei meinem ersten Besuch in Österreich war ich ziemlich beeindruckt, welches Prestige Wissenschaft hier genießt. Das sieht man schon am prunkvollen Hauptgebäude der Universität, der Arkadenhof mit den Statuen hat etwas von einem Heiligtum. Wissenschaftler haben hier ganz andere Möglichkeiten als in Nepal. Ich konnte mich erst dank meiner Aufenthalte in Österreich fachlich spezialisieren. Nach meinem Diplom war ich am Mondsee auf einem Lehrgang für Limnologie. Dort stieß ich auf mein heutiges Spezialgebiet, die Ökologie von Wasserpflanzen.

Nepal ist da ein international beachtetes Forschungsfeld, weil es wegen der extremen Höhenunterschiede eine große Vielfalt an verschiedenen Lebensräumen gibt. Die ökologisch sinnvolle Nutzung von Flüssen und Seen ist für das Land auch eine wichtige wirtschaftliche Ressource.

Geld für die Forschung hat Nepal kaum übrig. Darum war es wichtig, dass ich mit österreichischen Wissenschaftlern in Kontakt geblieben bin. Der ÖAD hat mir durch ein Stipendium ermöglicht, hier zu promovieren. Das hat nicht nur meiner Laufbahn genutzt, sondern auch meinem Land, denn ich habe wichtige Fachkenntnisse über das Management von Wasserressourcen mitgebracht. In den letzten Jahren hat sich manches verbessert, das Internet hat uns Zugang zum aktuellen Stand der Forschung eröffnet.

Uns fehlen allerdings weiterhin Fachbibliotheken und Labors, und ich hoffe, dass uns die westlichen Länder helfen. Persönlich habe ich mir noch etwas anderes in Österreich abgeschaut, nämlich den engen Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden. Sprechstunden sind bei uns nicht üblich - ich biete sie an."

Purushottam Shrestha, Ökologe an der Patan-Universität in Katmandu/Nepal, ist derzeit Gastwissenschaftler am Institut für Ökologie und Naturschutz der Universität Wien.

"Obwohl das meiste so war, wie ich es erwartet hatte, empfand ich es als große Veränderung, als ich 1995 das erste Mal nach Österreich kam. Vor allem fachlich war es ein Sprung, denn ich hatte erstmals Gelegenheit, die magnetischen Eigenschaften von Supraleitern zu untersuchen. Meine Universität kann sich die erforderlichen Geräte zur Kühlung von Helium und Stickstoff nicht leisten. In Ägypten hatte ich nur mit Halbleitern geforscht, denn das ist bei Zimmertemperatur möglich. Inzwischen sind Supraleiter mein Spezialgebiet, daher hoffe ich sehr, dass solche Labors künftig auch in Ägypten eingerichtet werden.

Aber Ausrüstung allein ist nicht alles. Meine Forschungen wären ohne die Unterstützung und den von Anfang an sehr persönlichen Kontakt zu meinen Kollegen am Institut nicht möglich gewesen. Vorher hatte ich nur kleinere Tagungen in Ägypten besucht. Als ich nach Wien kam, standen mir internationale Konferenzen offen. Ich war in Belgien, Frankreich, Finnland und Australien. Diese Einbindung in eine weltweite Gemeinde ist für jeden Forscher sehr wichtig. Wissenschaft beruht auf Zusammenarbeit und dem freien Austausch von Ideen. Nationalitäten und regionale Besonderheiten haben, wenn man von materiellen Aspekten absieht, nur untergeordnete Bedeutung. Darum leisten Organisationen wie der ÖAD, der es Doktoranden und Studenten aus weniger entwickelten Ländern ermöglicht, nach Österreich zu kommen, einen wichtigen Beitrag für die Wissenschaft."

Magdy El-Hagary ist Assistenzprofessor für Physik an der Helwan-Universität Kairo/Ägypten und derzeit Gastforscher am Institut für Festkörperphysik der Technischen Universität Wien.

"Nach Wien bin ich vor allem aus zwei Gründen gekommen: Mein Onkel hat - wie übrigens viele Ärzte aus meinem Land - in Deutschland Medizin studiert. Deshalb wollte ich auch in ein deutschsprachiges Land. Außerdem habe ich ein Stipendium für Wien erhalten. Die Medizin an der Universität Wien genießt international einen guten Ruf, und die Erwartungen, die ich mitgebracht habe, haben sich erfüllt. Im Jemen hätte ich niemals auf diesem Niveau studieren können.

Die Zusammenarbeit mit Kollegen und Professoren ist sehr eng und gut, bei meiner Habilitation bekomme ich viel Unterstützung. In der Medizin zu arbeiten, ist nicht ein Job, es ist eine Berufung, eine ethische Verpflichtung. Da ist auch internationale Zusammenarbeit unabdingbar. Ich nehme jedes Jahr an mehreren Kongressen teil und habe dank meiner Kontakte auch schon mehrere Tagungen im Jemen organisiert.

In den letzten Jahren hat der Jemen Fortschritte in der Medizin gemacht, gerade auch in meinem Bereich. In der Radiologie gibt es jetzt modernere Technologie wie Computertomographie und Magnetresonanztomographie. Früher mussten Patienten - sofern sie es sich leisten konnten - für etwas kompliziertere Behandlungen ins Ausland. Natürlich ist es viel effizienter, die Technik und qualifizierte Ärzte im eigenen Land zu haben. Eigentlich hatte ich vor, mich noch in den USA weiterzubilden, aber seit dem 11. September zögere ich. Ob ich nun hier bleibe oder zurück in den Jemen gehe oder woandershin, ist noch offen."

Ahmed Ba-Ssalahmah ist Radiologe am Allgemeinen Krankenhaus der Universität Wien, wo er sich mit einer Arbeit zur Diagnostik von Lebertumoren habilitiert. Er kam 1985 aus dem Jemen zum Medizinstudium nach Wien.

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