Strangers in Paradise

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/02 vom 19.06.2002

Die Suche nach den Vorfahren des Homo sapiens konzentriert sich auf Ostafrika - auf Länder wie Äthiopien, das, von Hungersnot und Krieg geplagt, zu den ärmsten Ländern der Welt zählt. Derweil fechten die Paläoanthropologen unter sich ihre eigenen Kämpfe aus, wenn es um den Zugang zu viel versprechenden Grabungsregionen und die Aussicht auf hominide Fossilien geht.

Die ersten Menschen. Vom Paradies auf Erden hat jeder so seine eigenen Vorstellungen . Für Paläoanthropologen ist es ein karges, steiniges Ödland, in dem die Temperatur untertags auf über vierzig Grad steigt. Die Afar-Region in Äthiopien ist eine riesige Landsenke, die sich auf über 144.000 Quadratkilometern vom Roten Meer im Norden bis nach Kenia erstreckt. Während ihr Niveau zum Teil unter dem Meeresspiegel liegt, schießen im Westen und Osten über 3000 Meter hohe Gebirgsketten in die Höhe.

Hier im ostafrikanischen Grabenbruch, wo zwei Kontinentalplatten aneinander reiben, treten an den Hängen die übereinander liegenden Sedimentschichten zutage. Von einigen hunderttausend bis zu mehreren Millionen Jahren ist hier geologisch die gesamte Vorzeit des Menschen vertreten. "Lucy", ein 3,18 Millionen Jahre altes, zu vierzig Prozent erhaltenes Skelett eines Australopithecus, und viele andere hominide Fossile wurden hier gefunden.

Wer tatsächlich die berühmte Hominidendame 1974 ausgebuddelt hat, hängt vom Buch ab, das man liest. Der US-Amerikaner Donald Johanson erwähnt seinen damaligen Teamkollegen Yves Coppens in diesem Zusammenhang nie und gilt jedenfalls in der englischsprachigen Welt als der "Entdecker". Coppens hingegen hat sich ein Monopol in seinem Heimatland Frankreich erarbeitet: In seinem heuer erschienenen populärwissenschaftlichen Buch "Lucys Knie" spart er Johanson ebenso konsequent aus.

Solche Streitereien um Prioritätsansprüche haben einen simplen Grund: ohne Knochen keine Forschung und damit auch keine Karriere. Das schlichte Ignorieren ist noch die zivilisierteste Form, in dieser Disziplin Kontroversen auszutragen. Erst vor kurzem beschuldigte der äthiopische Anthropologe Yohannes Haile-Selassie den Wiener Humanbiologen Horst Seidler, sich einen viel versprechenden Grabungsort namens Galili widerrechtlich angeeignet und ihn, Haile-Selassie, mithilfe der äthiopischen Behörden vertrieben zu haben.

Haile-Selassie, damals Doktorand an der Universität von Berkeley, hatte bereits 1998 mit Ausgrabungen in der Gegend von Galili begonnen. Als er im Februar 2000 das Camp des Seidler-Teams 200 Meter von der Stelle entfernt entdeckte, an der er zwei Jahre zuvor mehrere Australopithecus-Zähne gefunden hatte, schien der Fall für ihn klar: Reifenspuren, Hinweise der Bewohner, eine gerade erschienene Publikation von ihm oder versteckte Hinweise aus der für Grabungen zuständigen Behörde in Addis Abeba mussten Seidler hierher geführt haben.

Wie sonst sollte er in jenem riesigen Gebiet ausgerechnet auf Galili gekommen sein? Seidler aber schwört Stein und Bein, nichts von Haile-Selassies Grabungen gewusst zu haben. Hauptstreitpunkt war, auf welches Gebiet sich die jeweiligen Grabungslizenzen erstreckten. Der äthiopische Kultusminister setzte schließlich eine Kommission zur Klärung ein, die im Juni 2000 entschied, dass das Seidler-Team nicht auf Haile-Selassies Gebiet geforscht habe.

Neokolonialismusvorwürfe. Nach dem Schiedsspruch des Ministeriums fuhr der Äthiopier in der Auseinandersetzung mit dem Österreicher schwere Geschütze auf. Einem einheimischen Forscher durch Tricks und Machenschaften eine Grabungsstelle abzunehmen, sei Neokolonialismus pur, empörte sich Haile-Selassie. Schlimmer noch, Seidler hätte versucht, aus ihrer Auseinandersetzung eine Kontroverse zwischen Seidler und Tim White, seinem Doktorvater in Berkeley, zu machen - also zwischen zwei Weißen - und ihn, den Äthiopier, nicht für voll zu nehmen.

Seidler verwahrt sich gegen Vorwürfe dieser Art, muss aber einräumen, dass bei seiner ersten Grabungstour im Jahre 2000 kein Äthiopier dabei war. Damals habe er noch nicht über die entsprechenden Kontakte verfügt, rechtfertigt er sich heute. Mittlerweile aber seien drei Wissenschaftler der einheimischen Mekelle-Universität in seinem Team. Auch habe man heuer gut 70.000 Euro investiert, um der Mekelle-Universität ein hochmodernes Computerzentrum für Forschung und Lehre einzurichten.

Seidler spricht sich dafür aus, "Ausbildung und Forschung endlich in Äthiopien selbst auch institutionell zu verankern", dominierten doch jahrzehntelang fast ausschließlich westliche Paläoanthropologen die Grabungen. Tim White vertritt übrigens dieselbe Position. Auch wenn man Seidler und White glauben mag, dass sie die einheimische Forschung unterstützen wollen - faktisch bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig, als sich diese Entwicklungshilferhetorik zu Eigen zu machen, um es sich nicht mit den selbstbewusster auftretenden äthiopischen Behörden zu verscherzen.

Von der Zelle zur Pressekonferenz. Die Kontroverse zwischen Seidler und Haile-Selassie ist kein Einzelfall, manche Konflikte eskalierten regelrecht. Im März 2000 wurde Martin Pickford in Kenia auf offenem Feld für einige Tage verhaftet, weil seine Grabungsbewilligung angeblich annulliert worden war. Ende 2000 konnte er dann gemeinsam mit seiner französischen Kollegin Brigitte Senut der erstaunten Weltöffentlichkeit Bruchstücke des "Millennium Man", des mit angeblich sechs Millionen Jahren ältesten Hominiden, präsentieren.

Pickford vermutet Richard Leakey als Drahtzieher der Verhaftung und klagte ihn auf Entschädigung. Leakey ist der Sohn von Louis und Mary Leakey (wie Pickford "weiße" Kenianer), die bereits in den Dreißigerjahren mit Ausgrabungen in Kenia und später in Tansania begannen, eine höchst einflussreiche Anthropologendynastie begründeten und mit Argusaugen über "ihr" Territorium wachen. Wer hier die Wahrheit sagt, trauen sich nicht einmal Experten zu sagen. Zurzeit versuchen es die Gerichte herauszufinden.

Ebenfalls vor Gericht zog der US-Geologe Jon Kalb, der in den Siebzigerjahren die Afar-Region mitentdeckte und 1978 aus Äthiopien ausgewiesen wurde. Kalb macht dafür Donald Johanson verantwortlich, der durch geschickt lancierte Vorwürfe, Kalb sei ein CIA-Agent, seine Karriere zerstört haben soll. In den Achtzigerjahren verklagte Kalb erfolgreich die US-amerikanische National Science Foundation, die einräumen musste, dass seine vermeintliche Agententätigkeit ein Ablehnungsgrund für Kalbs eingereichte Forschungsprojekte war. Johanson seinerseits wird von Kalb beschuldigt, in der Grabungssaison jeden Abend bekifft gewesen zu sein und sich mit Prostituierten vergnügt zu haben - nachzulesen in Kalbs unlängst erschienenem Buch "Adventures in the Bone Trade".

Kontroversen gehören mit zum wissenschaftlichen Geschäft, aber an die Gehässigkeit der paläoanthropologischen Fehden reichen andere Disziplinen kaum heran. Leserbriefe in Fachzeitschriften, gespickt mit Anschuldigungen, Schreiduelle auf Fachtagungen in den USA, gegenseitige Beschimpfungen auf äthiopischen Internetforen, Freundschaften, die in erbitterte Feindschaften umschlagen, bis hin zur Kriminalisierung der Opponenten sind keine Seltenheit, wie die genannten Beispiele zeigen. Für Seidler ist die Anthropologie ein Schlachtfeld: "Die Aggression kann bis zur Vernichtung gehen. Weshalb gerade wir besonders aggressiv sind, weiß ich nicht."

Je älter, desto besser. Warum verwandeln sich hochgebildete Wissenschaftler in notorische Streithähne? Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Sie liegen zum einem im Forschungsgegenstand begründet, der kulturell enorm aufgeladen ist, wie der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker Robert Proctor erklärt (s. auch Interview S. 14-15): Es geht um die "letzten Fragen" - Woher kommen wir? Ab wann ist der Mensch ein Mensch? - und folglich interessiert sich nicht nur die Fachöffentlichkeit für die Fossilienjagd. Ein neuer Hominidenfund garantiert nicht nur eine Publikation in den angesehensten Fachjournalen, sondern verhilft auch zu einem Artikel auf den Titelseiten der Tageszeitungen. Je älter die Unterkieferknochen und Eckzähne sind, desto besser. Derzeit rangeln Martin Pickford (ca. 6 Mio. Jahre) und Yohannes Haile-Selassie (ca. 5,2 bis 5,8 Mio. Jahre), der Pickfords Interpretation anzweifelt, um den obersten Eintrag im Stammbaum, dort, wo zum ersten Mal von einem Hominiden gesprochen werden kann.

Diese beständige Konkurrenz wirkt sich auch auf die Wissensproduktion der Paläoanthropologie aus. Pro Jahr wird mehr als eine neue Unterart von Hominiden beschrieben. Der "Ardipithecus ramidus kadabba", wie Haile-Selassie seinen im vergangenen Juli in "nature" publizierten Fund taufte, ist hier nur das letzte Beispiel. "All die neuen Funde führen dazu, dass der Stammbaum der Hominiden eine völlig neue Form erhält", sagt Proctor. Und mittlerweile eher einem Stammbusch ähnelt, wobei über die Abfolge und Datierung der Hominidenarten sehr kontroverse Vorstellungen herrschen. Legendär ist der Auftritt Richard Leakeys in einer US-amerikanischen Fernsehshow, in der er vor laufender Kamera die von Johanson und White vorgeschlagene Abstammungslinie mit einem dicken Filzstift einfach durchstrich.

Knochenknappheit? Proctor macht auch die Eitelkeit der Forscher für die stets komplexer werdende Ahnenreihe des Menschen mitverantwortlich. Welcher Paläoanthropologe wollte sich nicht mit seinem Fund verewigen? Dieses Fach stellt seine Gegenstände ja nicht selbst im Reagenzglas her, sondern muss sie zuerst einmal finden. "Und das kann nicht ewig so weitergehen, weil nur eine bestimmte Anzahl von Fossilien im Boden steckt", glaubt Proctor.

In diesem Kampf um knappe und nicht erneuerbare Ressourcen ist die Diskreditierung von Kollegen die logische Folge. Für Tim White ist das "Ökosystem" der Paläoanthropologie aus dem Gleichgewicht geraten. Allzu viele mediengeile, aber schlecht ausgebildete Forscher stürzten sich auf die immer weniger werdenden Fossilien. Dies ist nicht zuletzt auf den "Emporkömmling" Seidler gemünzt, den White einmal herablassend als "bloßen Computertomographietechniker" bezeichnet hat.

Seidler, der sich Anfang der Neunzigerjahre mit der computertomographischen Untersuchung des Eismannes Ötzi einen Namen gemacht hat, bestreitet hingegen, dass es zu wenige Fossilien gibt: "Die Region in Äthiopien allein ist so unendlich groß, dass sie noch mindestens 100 oder 200 internationale Teams verträgt." Seidler sieht in Whites Vorstoß den unlauteren "Versuch einer Gruppe, über alles die Hand drüberzuhalten und die anderen nicht an den Futtertrog zu lassen". Die These von der Knappheit der Ressourcen ist also selbst zum Streitpunkt geworden.

Ausgestritten. Seit neuestem ist aber Versöhnung angesagt. Laut Seidler hat er sich im Februar in Addis Abeba mit Haile-Selassie ausgesprochen, und die Kontroverse wurde beigelegt. Es habe sich im Wesentlichen um "Missverständnisse" gehandelt. Auch habe man sich darauf geeinigt, den Streit nicht weiter zu kommentieren. Schlechte Presse nützt niemandem. Und Medienprofi Seidler weiß so gut wie seine Kollegen, wie wichtig eine positive Berichterstattung sowohl in Österreich wie auch in Äthiopien für die Akzeptanz und Förderung seiner Arbeit ist. Das Bemühen, den Imageschaden für alle Beteiligten zu begrenzen, hat sicherlich zum Friedensschluss mit beigetragen.

Für den Frankfurter Paläobiologen Friedemann Schrenk handelt es sich hier um "eine unappetitliche Auseinandersetzung um Ruhm und Erfolg", wie er dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" mitteilte: "In Wahrheit tragen wir unsere eigenen Probleme in Afrika aus. Das ist in hohem Maße unfair diesen Ländern gegenüber." Zumal man sich fragt, inwiefern deren Bewohner von den Grabungen überhaupt profitieren. Den Afar geht es heute wohl schlechter als vor dreißig Jahren. Die Ursachen dafür sind bekannt: Hungersnöte, die politischen Wirren und die andauernde Instabilität seit dem Sturz von Kaiser Haile-Selassie - mit dem der Anthropologe gleichen Namens weder verwandt noch verschwägert ist - im Jahre 1974. Die Paläoanthropologen müssen sich fragen lassen, ob sie sich nicht nur für die Vormenschen, sondern auch für die heutigen Bewohner der Region interessieren.

"Wir sind ein Wirtschaftsfaktor für die", beteuert Seidler. Mit der Geldspritze allein ist es freilich nicht getan. Da sein Grabungsgebiet genau im Grenzgebiet der verfeindeten Issa und Afar liegt, ist höchste Vorsicht geboten. Allzu leicht beschwört man Spannungen herauf, wie Seidler selbst miterleben musste. Mit einem Monatslohn im Grabungsteam kann ein Issa seine Familie ein halbes Jahr ernähren. Beschäftigt man nur Angehörige eines Stammes als Wachen, Grabungs- und Küchenhilfen, sät man Zwietracht und Neid. Seine Ankündigung, den Bewohnern einen Brunnen zu bauen, konnte Seidler aus demselben Grund noch nicht umsetzen. In Zukunft will er gemäß den Vorschlägen der Ältestenräte ein "gemischtes" Helferteam zusammenstellen. Es geht schließlich um unser aller Vorfahren.

Jon Kalb: Adventures in the Bone Trade. The Race to Discover Human Ancestors in Ethiopia's Afar Depression. New York 2001 (Copernicus). 389 S., e 34,17

Yves Coppens: Lucys Knie. Die prähistorische Schöne und die Geschichte der Paläoanthropologie. München 2002 (dtv). 171 S., e 13,40

Friedemann Schrenk und Timothy G. Bromage: Adams Eltern. Expeditionen in die Welt der Frühmenschen. München 2002 (C.H. Beck). 255 S., e 20,50

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