Subtiler Rassismus

aus HEUREKA 3/02 vom 19.06.2002

Der (Vor-)Mensch stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus Afrika, seine Erforscher hingegen waren bis vor kurzem fast ausschließlich Weiße aus den USA und Europa. "Die Paläoanthropologie ist ein Feld voller offener und verdeckter Spannungen", sagt Robert Proctor (siehe Foto) von der Pennsylvania State University. Der renommierte US-Wissenschaftshistoriker, der vor allem durch seine Arbeiten zur NS-Medizin bekannt wurde, fordert im Gespräch mit "heureka" eine stärkere Einbindung afrikanischer Forscher - und nichteindeutige Geschichten.

heureka: Der Schwarze Kontinent gilt als die Wiege der Menschheit - eine Kränkung für so manchen Weißen?

Robert Proctor: Dass der Mensch aus Afrika stammen soll, haben viele Wissenschaftler zunächst nicht wahrhaben wollen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert vermutete man den Ursprung in Europa oder Asien - Stichwort Pekingmensch. Das hätte wesentlich besser in das Weltbild vieler westlicher Forscher gepasst. Spätestens seit den Sechzigerjahren sind die Anthropologen aber sehr sensibel für Fragen des Rassismus geworden. Auch die um politische Korrektheit bemühten Medien scheinen manchmal erleichtert: Wir stammen alle aus Afrika! Dabei vergessen sie, dass nicht alle Menschen Afrika verlassen haben.

Ist also zumindest unterschwellig noch Rassismus vorhanden?

Nach wie vor ist das Feld geprägt von kulturellen und ideologischen Einflüssen. So halten sich Vertreter der Out-of-Africa-Theorie und Vertreter der Theorie eines multiregionalen Ursprungs gegenseitig Rassismus vor. Erstere werfen Letzteren vor, dass sie die Unterschiede zwischen den verschiedenen "Menschentypen" betonten. Und die Anhänger des multiregionalen Ursprungs beschuldigen ihre Gegner, dass diese vom Homo sapiens sapiens behaupteten, dieser habe in einem gigantischen Killerkommando den Homo erectus ausgerottet.

Wie sehr sind Paläoanthropologen aus den Grabungsregionen an diesen Debatten beteiligt? Haben sie mittlerweile "aufgeholt"?

Nein, die wohlhabenderen Nationen haben immer noch massive Vorteile in diesem Bereich. Aus diesem Grunde bleiben viele Gegenden unerforscht, z.B. Kasachstan oder der Kaukasus. Oft werden die einheimischen Wissenschaftler auch nur als Grabungshelfer betrachtet. Es gibt einen subtilen Rassismus, wonach Afrikaner gut im Auffinden von Fossilien sind, aber weniger gut im Interpretieren der Daten.

Nicht zuletzt muss ihre Ausbildungssituation verbessert werden, es gibt relativ wenige mit Doktoraten. Bindet man die Äthiopier und Kenianer stärker mit ein, wird das die Anzahl der Interpretationen erhöhen.

Beeinflusst demnach die kulturelle Prägung die Interpretation von hominiden Fossilien?

Nicht notwendigerweise. Es gibt keine "Essenz" eines äthiopischen Anthropologen oder eines Wiener Forschers. Ein selbstkritischer Wissenschaftler kann kulturell bedingte Beschränkungen des Blickwinkels überwinden. Aber es gibt natürlich immer die Möglichkeit der Kurzsichtigkeit, die man sich stets bewusst machen und bekämpfen muss.

Und wie steht es um die Wahrnehmung der Öffentlichkeit? Wie stark spiegeln sich etwa in Ausstellungen gewisse Vorurteile wider?

Es ist praktisch unmöglich, bei bildlichen Darstellungen ohne Vorurteile auszukommen. Wie hellhäutig war der Australopithecus? Gleich, ob man ihn zu dunkel oder zu hell darstellt - in jedem Fall kann man sich einen Rassismusvorwurf einhandeln. Auf einem Cover des Nachrichtenmagazins "Spiegel" aus dem Jahr 2000 wird ein dunkler Neandertaler einem hellhäutigeren Cromagnonmenschen gegenübergestellt. Da Letzterer Afrika aber später verlassen hat, müsste er eigentlich dunkler sein. Es fragt sich aber auch, wie "tierisch" man unsere Vorfahren darstellt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der "Höhlenmensch" als schmutzig, primitiv und bestialisch dargestellt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Darstellungen idyllischer, wie etwa bei dem Blumenkind von Shanidar, einem Neandertaler. Der Trend geht jetzt wieder in die andere Richtung: Unsere Vorfahren, die älter als 150.000 Jahre sind, werden nun wieder "entmenschlicht". Unsere Vorgeschichte ist also immer ideologisch aufgeladen, nicht nur in puncto "Rasse".

Wie könnte man dem gegensteuern?

Eine Möglichkeit besteht darin, die Ausstellungspraxis zu historisieren. Wie haben sich etwa die Darstellungen von Neandertalern im Laufe der Zeit in den jeweiligen Ausstellungskontexten gewandelt? Das Peabody Museum of Anthropology in Harvard hat vor ein paar Jahren das Museum so umgestaltet, wie es 1870 aussah - um so die Besucher zu überraschen und zu verwirren. Den Wandel zu sehen, vermag einen für die eigenen Vorurteile zu sensibilisieren. Das heißt aber auch, multiple, nichteindeutige Geschichten zu erzählen. Und davor haben gerade Naturwissenschaftler oft Angst. O. H.

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