Koloniale Verstrickungen

aus HEUREKA 3/02 vom 19.06.2002

Interview: Klaus Taschwer

Der Wiener Sozial- und Kulturanthropologe Andre Gingrich forscht seit mehreren Jahrzehnten in mehr oder weniger entlegenen Gegenden der Welt. Ein Gespräch über das koloniale Erbe seines Faches, die Auswirkungen der Globalisierung, die heutige ethnologische Forschungspraxis und warum der Begriff "Dritte Welt" nicht wirklich brauchbar ist.

Die Sensibilisierung für das Fremde und für interkulturelles Zusammenleben bekam Andre Gingrich gleichsam in die Wiege gelegt: Sein Vater war US-amerikanischer Soldat in Wien, seine Mutter musste vor den Nazis in die Schweiz flüchten und kam nach 1945 wieder zurück nach Österreich. Der heute international renommierte Ethnologe war früh an Dritte-Welt-Bewegungen interessiert; seine Feldforschungen führten ihn in den vergangenen Jahrzehnten zu Kulturen in Südarabien, Tibet und im Himalaja. Vor zwei Jahren wurde Gingrich für seine Leistungen mit dem Wittgenstein-Preis ausgezeichnet, Österreichs wichtigstem Wissenschaftspreis. Das Preisgeld investiert Gingrich in sein mehrjähriges Großprojekt "Lokale Identitäten und überlokale Einflüsse", das an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist, eng mit dem Institut für Ethnologie an der Universität Wien und der deutschen Max-Planck-Gesellschaft kooperiert und zahlreichen Nachwuchswissenschaftlern Forschungsmöglichkeiten bietet.

heureka: Sind die Begriffe "Dritte Welt" oder "Entwicklungsländer" eigentlich politisch bzw. ethnologisch korrekt?

Andre Gingrich: Ich teile die Auffassung der meisten Wissenschafter aus den so bezeichneten Regionen, dass diese Begriffe nicht wirklich brauchbar sind. Der Terminus "Dritte Welt" ist durch die neokoloniale Phase der Nachkriegsgeschichte und den Ost-West-Konflikt geprägt: Die Erste Welt sollte der Westen sein, die Zweite der Osten und die Dritte Welt der Rest. Spätestens mit dem Fall der Berliner Mauer ist das hinfällig geworden. Ähnliches gilt für den Begriff "Entwicklungsländer": Die neue Phase der Globalisierung hat auch dort längst Zentren und Knotenpunkte geschaffen - von Singapur bis zu den Arabischen Emiraten. Außerdem suggeriert der Begriff, dass sich nur jener, aber nicht dieser Teil der Welt "entwickeln" müsse.

Wie sollte man diese Regionen nennen?

Es ist wohl am besten, einfach bei den geographischen Bezeichnungen zu bleiben und von Asien, Afrika, Ozeanien und Lateinamerika zu sprechen.

Bezeichnungsprobleme gibt es auch bei Ihrem eigenen Fach. Das wird hierzulande je nachdem Ethnologie, Ethnographie, Völkerkunde, Sozial- oder Kulturanthropologie genannt. Welchen Begriff bevorzugen Sie?

Sozial- und Kulturanthropologie. Diese Bezeichnung hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur im angloamerikanischen Raum, sondern auch fast überall sonst durchgesetzt. Warum das im deutschsprachigen Raum etwas anders kam, hängt zu einem Gutteil mit dem Erbe der NS-Zeit zusammen: Bis dahin nannte man das Fach meist Volks- bzw. Völkerkunde. Nach 1945 war es wegen des ideologischen Missbrauchs des "Volks"-Begriffs wichtig, zeitlos zu wirken, und da hat man sich auf zeitlos "antike" Begriffe wie Ethnographie und Ethnologie berufen. Außerhalb des deutschsprachigen Raums hat die Bezeichnung Ethnologie mittlerweile allerdings einen etwas unangenehmen Beiklang.

Warum?

Britische, aber vor allem US-amerikanische Behörden nannten ihre Einrichtungen zur Untersuchung und Verwaltung der lokalen Bevölkerung "Bureaus of Ethnology" oder ähnlich. Diese Einrichtungen haben ganz direkt kolonialen Zwecken gedient. Dazu kommt, dass die Begriffe Ethnologie bzw. Ethnographie die Unterschiede zwischen den Menschen betonen, während die Bezeichnung Anthropologie das Hauptaugenmerk auf das Gemeinsame unter den Menschen legt.

Inwieweit ist die Geschichte Ihres Faches durch den Kolonialismus geprägt?

Das ist je nach Land unterschiedlich. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es in den USA und England vom Anfang an intensive Verstrickungen gab, während sie im deutschsprachigen Raum zunächst kaum vorhanden waren. In Nordamerika stand die frühe Entwicklung der Sozial- und Kulturanthropologie im Zusammenhang mit den Indigenen im eigenen Land, die ihrer Rechte beraubt, verdrängt und dezimiert wurden. Eine ähnliche Rolle spielte das Fach bei der kolonialen Expansion der Briten, aber auch in der zaristisch-russischen Entwicklung von Ethnographie. Im deutschsprachigen Raum war das Fach zunächst Teil der Aufklärung und wurde unter abstrakteren philosophischen Fragestellungen betrieben. Das änderte sich dann aber im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts, als es dann auch im Deutschen Reich und im Habsburgerreich - etwa bei der orientalisierenden Befassung mit dem Nahen Osten - zu Indienstnahmen des jungen Faches durch koloniale Interessen kam.

Wann hat man begonnen, sich von dieser Rolle zu distanzieren?

Eine Aufarbeitung dieser kolonialen Indienstnahmen setzt erst vergleichsweise spät, in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts, ein. Ethnologen wie Max Gluckman oder Victor Turner versuchten damals zu zeigen, dass es eine Fiktion der Klassiker wie Bronislaw Malinowski und Franz Boas war, Lokalgesellschaften so darzustellen, als wären sie ohne jede Interaktion mit einem Kolonialapparat. Dabei war gerade das Gegenteil der Fall: Der Kolonialapparat hatte jene Lokalgesellschaften zumeist längst schon verändert. Und zugleich waren es auch die Kolonialbehörden, die den Ethnologen den Zugang zu diesen Gesellschaften ermöglichten.

Ist es nicht so, dass durch die heutigen globalisierenden Einflüsse die Kultur- und Sozialanthropologie ihres eigentlichen "Forschungsgegenstands" nicht überhaupt beraubt wurde?

Nein, ganz gewiss nicht. Wie Kritiker der ethnologischen Klassiker gezeigt haben, hat es diese isolierten exotischen Lokalgesellschaften ja kaum jemals gegeben - nicht einmal vor der Expansion Europas. Zugleich wird es lokale Sozialformen, die in vielerlei Hinsicht von den europäischen differieren, weiterhin geben - trotz aller globalisierenden Einflüsse aus Europa, Japan oder den USA. Und genau darum geht es auch in unserem Forschungsprojekt "Lokale Identitäten und überlokale Einflüsse".

Hat sich das Untersuchungsfeld für die Ethnologie dabei nicht selbst globalisiert? Und wird damit nicht etwa auch Europa bzw. das "Eigene" zu einem Gegenstand?

Ich sehe das ambivalent. Auf der einen Seite halte ich viel vom fremden Blick des außen stehenden Beobachters - bei allen Schwierigkeiten, die damit notwendigerweise verbunden sind. Doch das hat einen eigenständigen Erkenntniswert und ist eine wichtige Methode unseres Faches. Auf der anderen Seite sollte die im deutschsprachigen Raum etablierte Trennung zwischen diesen Fächern, die das Nahe erforschen, und jenen, die das Ferne untersuchen - also etwa die Japanologie oder Sinologie oder Ethnologie - aufgelöst werden. Das alles sollte aber nicht unter Preisgabe des fremden Blicks geschehen. Vielmehr wäre daran zu denken, dass dann etwa ein chinesischer Anthropologe die österreichische Gesellschaft untersuchen würde und umgekehrt.

Gibt es in China überhaupt eine Ethnologie? Wie sieht es damit generell in den Ländern Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas aus?

Es gibt vier oder fünf Regionen, wo sich die Sozialanthropologie gut etabliert hat: in Indonesien und Indien, bestimmten Ländern Mittel- und Südamerikas sowie im südlichen Afrika. Dort gibt es wirkliche Zentren für ethnologische Ausbildung und Forschung. Dort hat die Sozialanthropologie oft auch viele Aufgaben der traditionellen Soziologie und Geschichte übernommen, die allzu europäisch ausgerichtet waren. In der Anthropologie ist es - im Gegensatz zu vielen anderen Fächern - schon heute so, dass zunehmend Forscher tonangebend sind, die aus diesen Regionen stammen - wie etwa Arjun Appadurai, Stanley Tambiah oder Veena Das, die allerdings zumeist schon im "Westen" studiert haben und heute an renommierten US-Universitäten lehren.

Hat sich in den vergangenen Jahren auch die Forschungspraxis der Kultur- und Sozialanthropologie verändert - gerade auch mit dem Wissen über die kolonialen Verstrickungen des Faches?

Die ethnologische Feldforschung gibt es natürlich nach wie vor - aber unter sehr veränderten Rahmenbedingungen. So ist es heute nicht mehr üblich, sich lange Zeit ohne Unterbrechungen an einem einzigen Ort aufzuhalten und dort zu forschen. Denn das Leben der Menschen, über die man schreibt, ist nicht mehr nur aus dem örtlichen Dabeisein verstehbar, sondern erfordert beispielsweise, ihre nächsten Verwandten aufzusuchen, die ganz woanders hingezogen sind. Man sollte sich als Ethnologe aber auch darüber informieren, wie die Fernsehprogramme zustande kommen, die sich diese Leute anschauen und längst Teil ihrer Referenzsysteme und moralischen Wertvorstellungen geworden sind.

Und wie ist das mit dem Verhältnis zu den untersuchten Lokalgesellschaften? Hat sich auch das verändert?

Zweifellos. In den letzten Jahren haben sich auch die "Beforschten" verstärkt zu Wort gemeldet und wollen wissen, was bei diesen Forschungen herauskommt und welchem Zweck sie dienen. Es gibt immer wieder Fälle von unprofessionell arbeitenden Ethnologen, was dazu führen kann, dass keine weiteren Kollegen mehr akzeptiert werden. Das passierte zum Beispiel bei den Hopi in Nordamerika, die mittlerweile einfach genug davon haben, dass ständig neue Diplomanden oder Dissertanten von oft drittklassigen US-amerikanischen Provinzuniversitäten bei ihnen Feldforschung machen möchten. Das kann aber auch im Nahen Osten passieren, wenn jemand ohne Vorkenntnisse über den Islam hinkommt und die lokale Bevölkerung brüskiert, ohne es überhaupt zu bemerken.

Eine Langfassung dieses Interviews findet sich unter www.falter.at/heureka

Jüngste Publikation:

Andre Gingrich, Richard G. Fox (Hg.): Anthropology, by Comparison. London 2002 (Routledge). 261 S.

Homepage des Projekts: "Lokale Identitäten und überlokale Einflüsse":

www.wittgenstein2000.at

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