Die Entdeckten waren zuerst da

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/02 vom 19.06.2002

Eine Geschichtsschreibung, die Europa nicht für den Nabel der Welt hält, sollte heute eine Selbstverständlichkeit sein. Leichter gesagt als getan. Zum Problem werden nationale Scheuklappen, die Standortgebundenheit des Historikers, die Quellenarmut schriftloser Kulturen und die Erwartungen der europäischen Leser. Ein Hindernislauf.

Österreichs Mission. Das Plakat zeigt ein Schiff mit geblähten Segeln - Aufbruch und Eroberung liegen in der Luft, die Flagge ist rot-weiß-rot. So wurde die vor einigen Monaten im Wiener Künstlerhaus gezeigte Ausstellung "Die Welt der Entdeckungen - Die Entdeckung der Welt" beworben. In der Schau wurden dann "Österreichische Forscher, Sammler, Abenteurer", die die heimischen Museen um Froschkopfschildkröten und Schmetterlingsblütler vermehrten, patriotisch abgefeiert.

Die "Entdeckten" hingegen kamen nur als gesichtslose Lieferanten von goldenem Halsschmuck und hölzernen Armringen vor. Wie sich der Kontakt mit den Amazonasindianern oder den Bantu gestaltete, gar, welche Folgen ihre "Entdeckung" für diese nach sich zog, wurde nicht einmal gefragt. Wissenschaft und Fortschritt haben sich in Triest eingeschifft, die Kulturen der so genannten "Eingeborenen" erscheinen dagegen als naturnah, statisch und geschichtslos. Die Ausstellung zieht alle Sündenregister des Eurozentrismus und steigert diesen zum Austrozentrismus. Das kaisertreue Weltbild, das die Gestalter vermitteln, lässt sich unschwer dem 19. Jahrhundert zuordnen.

Zur Lektüre sei ihnen Georg Christoph Lichtenberg empfohlen. Der Göttinger Physiker brachte es bereits Ende des 18. Jahrhunderts auf den aphoristischen Punkt: "Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung." Die Umkehrung der Perspektive entlarvt die Einseitigkeit der kolonialen Wahrnehmung.

Die beschämend reflexionsarme Ausstellung, an der so bedeutende Institutionen wie das Naturhistorische und das Kunsthistorische Museum Wien federführend beteiligt waren, machte offensichtlich, wie fest die eurozentrische Perspektive immer noch in unseren Köpfen verwurzelt ist. Die vehement geführte Kolonialismusdebatte der letzten Jahrzehnte scheint jedenfalls in Österreich bislang nur wenig Spuren hinterlassen zu haben.

Historiographischer Pointillismus. Vielleicht ist es doch schwieriger, als man denkt, die eurozentrische Perspektive zu relativieren oder gar zu überwinden. Interessante Versuche gibt es wohl, aber es ist sicher kein Zufall, dass viele davon von US-amerikanischen Wissenschaftlern unternommen werden. Die im Vergleich zu Europa sehr viel heterogenere Gesellschaft der USA bringt von selbst eine Vervielfältigung der Perspektiven mit sich. In Kalifornien etwa gibt es mittlerweile mehr Asien- als Europahistoriker.

John Wills' gerade auf Deutsch erschienenes Buch "1688" ist so ein Versuch. Die Grundidee ist nicht neu, aber immer noch effektvoll. Ein einziges Jahr wird zum Querschnitt der Welt, Wills reiht Momentaufnahme an Momentaufnahme, wechselt im Zehnseitentakt von den Liebesgedichten der mexikanischen Nonne Juana Inés de la Cruz zu den Aborigines an der australischen Nordwestküste und von dort ins Königreich Siam, wo der Grieche Konstantin Phaulkon zu einem mächtigen Berater des Herrschers aufsteigt und letztlich fällt.

Europa ist hier nur ein Kontinent unter mehreren, und so entsteht vor dem Auge des Lesers "Die Welt am Vorabend des globalen Zeitalters", wie der Untertitel verspricht. Das Lesevergnügen stellt sich schnell ein, es bleibt aber bei einem bunten und vielpunktigen Gemälde. Die Konzentration auf ein einziges Jahr verschafft zwar vielfältige Einblicke, erklärt aber letztlich wenig.

Genau diesen Anspruch - nämlich Ursachenforschung zu betreiben - verfolgt Jared Diamond mit seinem Pulitzer-Preis-gekrönten Bestseller "Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften". Deswegen nimmt er sich nicht ein Jahr, sondern 13.000 Jahre Menschheitsgeschichte vor, um Stück für Stück herauszuschälen, warum die Europäer die anderen kolonisiert haben und nicht umgekehrt. Diamond, der kein Historiker ist, sondern Physiologe und Evolutionsbiologe, argumentiert, dass Umweltbedingungen wie die Verfügbarkeit zahlreicher domestizierbarer Pflanzen und Tiere dem europäisch-westasiatischen Raum einen entscheidenden Startvorteil verschafft haben.

Sieger und Besiegte? "Arm und Reich" ist ein großer Wurf und hat aus Sicht der Historiker doch fundamentale Schwächen. "Letztlich reduziert Diamond menschliche Gesellschaften wieder auf Sieger und Besiegte", beklagt die Wiener Mexikoexpertin Martina Kaller-Dietrich. Noch schärfer fällt die Kritik des Essener Afrikahistorikers Christoph Marx aus: "Diamond meint allen Ernstes, er könne Geschichte so objektiv wie eine Naturwissenschaft betreiben." Solche Vorstellungen seien maßlos und anachronistisch: "Kein Historiker, der die Geschichte des Globus in den Blick nimmt, schreibt aus der Schwerelosigkeit heraus." Dass jeder Historiker seine Quellen gemäß gewisser Kriterien, Vorlieben und Vorurteile auswählt und interpretiert, ist unter Fachleuten gleich welcher Nationalität unumstritten.

Wie kann angesichts der unhintergehbaren Standortgebundenheit eine nichteurozentrische Geschichte überhaupt gelingen? Für den Konstanzer Chinahistoriker Jürgen Osterhammel besteht die Hauptschwierigkeit darin, das richtige Maß an Nichteurozentrik zu finden. Und das hänge entscheidend von der erforschten Epoche ab. Eine Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts wäre ohne Berücksichtigung der europäischen Kolonialmächte sinnlos. Selbst Wills' multikontinentale Geschichte des späten 17. Jahrhunderts wird bereits entlang der Schifffahrtsrouten von Spaniern, Niederländern und Engländern erzählt. Im achten Jahrhundert hingegen, so Osterhammel, spielte Nordwesteuropa im Gegensatz zur islamischen Kultur oder zu China eine vernachlässigbare Rolle auf der Weltbühne.

Keine Schrift, keine Geschichte? Nicht nur die Epoche, sondern auch die jeweilige Region strukturiert die Bedingungen der Möglichkeit, Geschichte zu schreiben. In vielen Entwicklungsländern setzte die geschriebene Historiographie erst mit der Ankunft der Kolonisten ein, waren doch viele Kulturen in Afrika oder Amerika schriftlos. Doch viele Historiker aus diesen Teilen der Welt wollen sich mit dieser "Entdecker"-zentrierten Geschichtsschreibung nicht begnügen und tun sich mit Archäologen, Ethnologen, ja selbst Chronobiologen und Geologen zusammen, um aus dem verfügbaren Material die vorkoloniale Vergangenheit zu rekonstruieren.

Die mexikanische Historikerin Virginia García Acosta etwa interessiert sich für frühneuzeitliche Naturkatastrophen - besonders dünne Jahresringe in Bäumen liefern ihr aufschlussreiche Hinweise auf Dürreperioden. Diese interdisziplinären und methodisch innovativen Ansätze entstanden an der "Peripherie" der Geschichtswissenschaft und sind erst mit einiger Verzögerung in Europa rezipiert worden.

Zu den Pionieren im Umgang mit schriftlosen Kulturen gehört John Wright von der Natal-Universität in Südafrika, der sich mit der Geschichte der Zulus vor der Kolonialzeit befasst. Wright verweist darauf, dass eine simple Umkehrung von einer euro- zu einer afrozentrischen Perspektive letztlich demselben dichotomischen Denken verhaftet bleibt. Stellte man früher den "fortschrittlichen" Europäern die "primitiven" Afrikaner gegenüber, sind es nun die "guten Eingeborenen" und die "bösen" Kolonialherren. Vielmehr gelte es aber, beide Seiten in ein dynamisches Verhältnis zueinander zu setzen. Die Ausprägungen des Kolonialismus etwa seien auch wesentlich durch die Reaktionen der Kolonisierten, durch ihren Widerstand oder ihre Anpassung, mitgeformt worden.

Geschichte für wen? Bleibt noch die Frage der Vermittlung. "Auch eine nichteurozentrische Sicht der Geschichte muss, wenn sie erfolgreich sein will, Anschluss an das eigene Publikum suchen", gibt der Düsseldorfer Japanhistoriker Wolfgang Schwentker zu bedenken. Die Ausstellungsmacher und Autoren müssen mit Kategorien und Konzepten argumentieren, die ihrem Publikum vertraut sind, und Fragen stellen, die ihre Besucher und Leser interessieren. Dies erklärt sicherlich mit den Erfolg populärwissenschaftlicher Bücher wie "1688" und "Arm und Reich". Deren Leitfrage, wie eine nichteurozentrische Weltgeschichte aussehen könnte, ist letztlich doch eine eurozentrische Frage.

Jared Diamond: Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften. Frankfurt a.M. 2000 (Fischer). 550 S., e 12,90

John E. Wills: 1688. Die Welt am Vorabend des globalen Zeitalters. Bergisch Gladbach 2002 (Gustav Lübbe). 512 S., e 29,-

Unter www.falter.at/heureka finden Sie Interviews mit im Text erwähnten Historikern und Historikerinnen.

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