Verschenktes Potenzial

Matthias Bernhart und Sabina Auckenthaler | aus HEUREKA 3/02 vom 19.06.2002

Ein Studium in Österreich gleicht für viele, die aus Entwicklungsländern kommen, einem Wettlauf mit der Bürokratie. Die Studiengebühren, die sie in doppelter Höhe vorstrecken, erhalten sie später zurückerstattet. Arbeiten dürfen sie bislang nicht, künftig ist es ihnen bis zu drei Monate im Jahr erlaubt. Und mit dem Abschluss in der Tasche müssen sie gehen. Wen wundert, dass ihre Zahl zuletzt stark rückläufig ist?

Wer aus einem fernen Land zum Studium nach Österreich kommt, bringt seltene Sprachkenntnisse und kulturelle Kompetenzen mit. "Wenn Studenten aus China an der Wirtschaftsuniversität Wissen über ihr Land vermitteln, ist das für angehende Manager durchaus interessant," findet Grete Kernegger, Leiterin des Vorstudienlehrganges an der Universität Wien, und bedauert: "Hier wird ein beträchtliches Potenzial nicht genutzt."

Paradox ist vielmehr das: Österreich finanziert derzeit 2876 klugen jungen Leuten aus so genannten Entwicklungsländern eine universitäre Ausbildung (und einigen Hundert von ihnen auch den Lebensunterhalt), hält sie aber vom Arbeitsmarkt fern. Wann sollen sie die Kontakte knüpfen, die einheimischen Firmen einmal Aufträge bringen? Die meisten, die aus einem Entwicklungsland kommen, um hier ein Studium zu beginnen oder fortzusetzen, fühlen sich nicht wie künftige Entscheidungsträger behandelt, sondern wie Teilnehmer an einem Hindernislauf. Bürokratische und sprachliche Hürden sind zu nehmen - und vor allem finanzielle.

Stipendien gibt es nur für wenige. Viele beschränken ihre Ausgaben auf das Allernötigste. Reichen ihre Ersparnisse nicht, müssen sie eine illegale Beschäftigung suchen. Arbeitsbewilligungen erhalten sie nicht, ihr Aufenthalt wird ausschließlich zum Studieren erlaubt. Studierendenvertreter haben seit langem gefordert, wenigstens Teilzeitjobs zuzulassen. Nun steht eine Neuregelung bevor, laut der Gaststudenten bis zu drei Monate im Jahr arbeiten dürfen.

Zur jährlichen Verlängerung des Visums müssen diejenigen, die kein Stipendium beziehen, Ersparnisse von 5087 Euro nachweisen können. Einzelne wurden des Landes verwiesen, andere haben sich Kredithaien ausgeliefert. Die Studiengebühr wird Studierenden aus der Dritten Welt zwar später zurückerstattet, aber zunächst müssen sie in aller Regel den doppelten Satz, also 727 Euro, aufbringen. Gerechtfertigt wird der Aufwand des Hin- und Herüberweisens vom Wissenschaftsministerium mit der Erfassung der tatsächlichen Studierendenzahl. Eine Einsicht hat die Einführung der Studiengebühren im vorigen Wintersemester schon erbracht: Die Zahl der Hörer aus Entwicklungsländern sank gegenüber dem Vorjahr um 28 Prozent.

Auch die Zulassung zum Studium, besonders die Anrechnung anderswo erworbener Zeugnisse, ist kompliziert und mühsam. Missverständnisse und Fehlinformationen sind an der Tagesordnung. Nicht überall in den Büros der Universitäten spricht man Englisch, nicht alle Studienanfänger, die aus Entwicklungsländern kommen, sprechen Deutsch. Viele von ihnen müssen die geforderten Sprachkenntnisse und Maturaniveau in Österreich erst erbringen und können das Studium erst nach ein bis zwei Jahren beginnen.

Mit ihrer Studienplanung stehen sie, genau wie ihre österreichischen Kommilitonen, zumeist alleine da. So suchen sie Rat bei Landsleuten, die schon länger hier sind, oder bei einer der wenigen Anlaufstellen wie dem jüngst im Hauptgebäude der Universität Wien eröffneten Student Point. Die Universitäten sind auf ihre besonderen Bedürfnisse und Möglichkeiten nicht eingestellt, meint Vorstudienleiterin Kernegger und stellt eine gewisse Konzeptlosigkeit gegenüber dieser Klientel fest. Ganz anders das Bild bei den so genannten Postgraduierten.

Wycliffe Wanyonyi Saenyi fühlte sich von der ersten Stunde an in Österreich willkommen. Die Wiener Universität für Bodenkultur schickte eigens jemanden zum Flughafen, um den kenianischen Doktoranden abzuholen. Fast drei Jahre ist das her. Jetzt steht seine Dissertation über Sedimente im Masinga-Stausee vor dem Abschluss. Es gab Kontakte zwischen seiner Heimatuniversität in Egerton und dem Institut für Wasserwirtschaft, finanziert wurde der Aufenthalt vom Österreichischen Austauschdienst (ÖAD). Saenyi ist einer von rund 400 Postgraduierten aus Entwicklungsländern, die in Österreich großteils ein Doktorat abschließen. Viele haben hier erstmals Gelegenheit, sich zu spezialisieren.

Nord-Süd-Dialog heißt das wichtigste Stipendienprogramm des ÖAD. Daneben gibt es spezielle Lehrgänge in Naturwissenschaft, Technik, Medizin und Landwirtschaft. Die angehenden Fachleute sollen vor allem Wissen erwerben, das an den Bedürfnissen ihrer Herkunftsländer orientiert ist. So gibt es speziell für Mediziner aus Äthiopien und Uganda in Innsbruck einen zwölfmonatigen Lehrgang "Community Health" in englischer Sprache. "Eine Brücke zu bauen kostet genauso viel, wie 500 Brückenbauer auszubilden", erklärt Bernd Rode den durch solche Programme erhofften Multiplikatoreffekt. Der Innsbrucker Professor ist Beauftragter für Entwicklungszusammenarbeit der Österreichischen Rektorenkonferenz.

Damit die Neuankömmlinge leichter Kontakte knüpfen, veranstaltet der ÖAD Treffen und Ausflüge. Außerhalb von Universität und Wohnheim entstehen allerdings nur wenig Beziehungen zu Österreichern. Viele haben kaum Gelegenheit, Deutsch zu lernen. Dazu kommt der Zeitdruck. Wycliffe Wanyonyi Saenyi wollte eigentlich einen Sprachkurs machen. Aus Angst, seine Dissertation nicht vor Ablauf des Stipendiums zu schaffen, entschied er sich dagegen.

Wie in den Förderprogrammen vorgesehen, kehren die Stipendiaten großteils in ihre Herkunftsländer zurück. Vorausgesetzt, sie finden dort Positionen in Hochschulen, Verwaltungen oder Unternehmen, wo sie ihr Wissen anwenden und weitergeben können. "Wenn keine Strukturen vorhanden sind," warnt Rode, "wird die Förderung von Graduierten zum Braindrain, und die wenigen wissenschaftlich ausgebildeten Experten wandern ab." Doch wenn es mit der Rückkehr klappt, trägt das zur Internationalisierung auch der österreichischen Forschung bei. Theresia Laubichler von der Österreichischen Orientgesellschaft weiß, dass grenzüberschreitende Kooperationen zwischen Universitätsinstituten in aller Regel über Absolventen laufen. Laut Rode werden auch wirtschaftliche Kontakte oft von denjenigen geknüpft, die in Österreich studiert haben.

Ob Doktorat, Diplom oder Magister - mit dem Abschluss ist der Zweck ihres Aufenthalts rein rechtlich gesehen erfüllt. Doch viele wollen bleiben. Gut möglich, dass dies Absolventen gefragter Fächer bald leicht gemacht wird. Im Rahmen des Integrationspakets, ist aus dem Wissenschaftsministerium zu hören, sollen die viel gesuchten Schlüsselfachkräfte künftig auch unter den Studierenden aus Drittstaaten rekrutiert werden.

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