science@fiction

Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 3/02 vom 19.06.2002

Srinivasa Ramanujan wurde 1887 im indischen Erode als Sohn eines Kleiderverkäufers geboren. In der Grundschule in Kumbakonam fiel ihm zufällig G.S. Carrs "Synoptics of elementary results in pure mathematics" in die Hände. Mithilfe dieses sogar für Fachleute schwierigen Werks brachte der Junge sich selbst die Grundlagen der Mathematik bei; in Madras gestattete man ihm schließlich, das College zu besuchen. Dort hätte er das allgemeine Examen bestehen müssen, um an der Universität studieren zu dürfen, doch Ramanujan bestand nur in Mathematik, dem einzigen Fach, das ihn interessierte. 1908 bat er den Gründer der Indischen Gesellschaft für Mathematik um Hilfe bei der Suche nach einer Anstellung, aber dieser verschaffte ihm nur einen untergeordneten Bürojob. Obwohl Ramanujan inzwischen richtungsweisende Arbeiten veröffentlicht hatte, scheiterten alle seine Versuche, sich hauptberuflich der Wissenschaft widmen zu können. Einflussreiche westliche Mathematiker, mit denen er Kontakt aufnahm, gratulierten ihm zu seiner Begabung, hielten es aber nicht für nötig, sich darüber hinaus für diesen obskuren Mann auf der anderen Seite der Erde zu engagieren. Erst 1912 wendete sich das Schicksal: Der große Mathematiker G.H. Hardy lud ihn nach Harvard ein, wo eine legendäre Zusammenarbeit begann. Hardys Erfahrung und Ramanujans Naturbegabung waren eine ideale Kombination, um einige der schwierigsten Probleme der Grundlagenmathematik in Angriff zu nehmen. Doch Ramanujans schwere Jugend forderte ihren Tribut, seine Gesundheit wurde immer schlechter, und 1920 starb er, hochgeehrt und anerkannt als einer der größten Mathematiker aller Zeiten.

Eine Erfolgsgeschichte? Ja und nein. Denn was hätte aus Ramanujan werden können, wie viel Schwierigkeiten wären ihm erspart geblieben, wäre er in London, Amsterdam oder New York aufgewachsen und rechtzeitig gefördert worden? Die Geschichte von Wissenschaft und Dritter Welt ist auch eine der versäumten Gelegenheiten: Wir können nicht einmal raten, wie viele Begabungen nie eine Chance bekommen, nur weil sie das Pech haben, am falschen Ort geboren zu sein.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige