Trüber Blick

Stefan Löffler | aus HEUREKA 5/02 vom 13.11.2002

Die in den Siebzigerjahren prophezeiten Ökokatastrophen sind ausgeblieben. Die Umweltforscher sind unfähig, ihren Beitrag daran zu feiern. Als Berufspessimisten verbeißen sie sich in alte oder auch neue Probleme. Dissidenten wie der Däne Bjoern Lomborg besetzen das Feld.

Es ist schon nach 22 Uhr, und Wolfgang Kromp sitzt noch immer an seinem Schreibtisch im Institut für Risikoforschung der Universität Wien. Viermal hat er das Telefonat mit "heureka" seit dem Nachmittag verschoben, weil ein Forschungsbericht für ein Ministerium fertig werden sollte, wegen Computerproblemen aber nicht wurde. Stets hat Kromp auf einen weiteren Anruf bestanden - er will das Interview auf jeden Fall noch am gleichen Tag führen. Zehn Minuten sollten genügen für die Beantwortung von zwei Fragen, die vorab per E-Mail neben Kromp an eine Reihe weiterer Umweltforscher gegangen sind: Welches waren die wichtigsten Durchbrüche in ihrem Gebiet? Und wie lauten die großen Themen der nächsten Jahre?

Das Telefonat dauert dann fast eine Stunde. Um die beiden Fragen geht es nur am Rande. Der einzige Durchbruch, der Wolfgang Kromp in den Sinn kommt, ist eine Resolution, die voriges Jahr auf der Open Science Conference in Amsterdam verfasst worden ist. Wie kann es Durchbrüche gegeben haben, wenn die Forschung eigentlich noch am Anfang steht? Die Menschheit sei zu groß für den Planeten, nur eine kleine Minderheit nehme sich die Umwelt zu Herzen, jeder Optimismus sei fehl am Platz.

Dann fällt ihm ein Gleichnis ein: Zwei Frösche sind in ein Fass mit frischem Rahm gefallen. Nachdem sie sich einige Zeit strampelnd an der Oberfläche gehalten haben, sagt der eine zum anderen: Ich kann zwar noch einige Stunden durchhalten, aber irgendwann gehe ich sowieso unter. Er hört auf zu strampeln und versinkt. Der andere Frosch strampelt weiter. Nach einigen Stunden ist durch sein Strampeln aus dem Rahm Butter geworden, und er kann sich erschöpft aus dem Fass befreien. Die Lage der Menschheit heute gleicht für Wolfgang Kromp der des Frosches im Rahmfass. Uns bleibt in unserer Unwissenheit nichts anderes, als zu strampeln, um mit etwas Glück zu überleben.

Von Krisen und Katastrophen ist ständig die Rede, wenn es um Umwelt geht, von gelösten Problemen dagegen kaum. Wer Untergangsszenarien mag, ist an der richtigen Stelle. 1948 erschienen in den USA die ersten Bestseller "Our Plundered Planet" von Fairfield Osborn und William Vogts "Road to Survival". 1968 meinte der Schmetterlingsforscher Paul Ehrlich, dass die Schlacht um die Ernährung der Menschheit verloren sei. Hunderten Millionen sagte er für die Siebzigerjahre den Hungertod voraus. Im Jahr 2000 hätte die USA, so Ehrlich damals, nur noch 22,6 Millionen Einwohner. 1972 alarmierte Dennis Meadows die Welt, dass die Vorräte an Erdöl, Zink, Kupfer und Erdgas vor dem Ende des Jahrhunderts erschöpft wären. Die kurz darauf einsetzende erste Ölkrise kam wie gerufen für seine Thesen. 1975 terminierte George Wald, ein Medizin-Nobelpreisträger, das Ende der Welt auf zehn Jahre später. Ende der Siebzigerjahre sahen Biologen den Tod der Wälder binnen fünf Jahren voraus, Vorsichtigere gaben dem letzten Baum in Mitteleuropa damals noch ein Jahrzehnt.

"Die Siebziger waren die heroische Phase der Umweltbewegung", urteilt der Sankt Gallener Umwelthistoriker Rolf Peter Sieferle milde über die falschen Propheten im Gewande von Helden. Nie hungerte ein geringerer Teil der Weltbevölkerung als heute. Die Bodenschätze halten länger als erwartet. Und den Wäldern geht es so gut wie lange nicht. Anstatt als Aufschneider geschnitten zu werden, sackten Ehrlich und Meadows Ehrungen ein. Im deutschen Sprachraum steckten zunächst Robert Jungk oder Hoimar von Ditfurth den Markt für Katastrophenbestseller ab. Lester Browns World Watch Institute und der World Wide Fund for Nature (WWF) produzieren bis heute trübe Aussichten. Oder ist es ihre Sicht auf die Welt, die getrübt ist?

Institutionell ist die Umweltforschung mittlerweile gut verankert. Für die Beschreibung einer heilen Welt gibt es indes keine Forschungstöpfe, Umweltforschung ist Problemforschung. Das bleibt nicht ohne Wirkung auf das Denken der Wissenschaftler. Um ihre Arbeit zu legitimieren, reden sie mit den Medien. So strömt ein nie versiegender Fluss von Problembeschreibungen in die Öffentlichkeit, weiter angeheizt von PR-Abteilungen der Umweltorganisationen, die mehr Spenden und Mitgliedsbeiträge einnehmen, wenn die Leute ein schlechtes Gewissen haben: Reut euch des Lebens! Allenfalls Galgenhumor und eine eklatante Unfähigkeit, über sich selbst zu lachen, bescheinigt der Publizist Wallace Kaufman Umweltwissenschaftlern, denen er begegnet ist. Zudem verklärten die meisten die Vergangenheit.

Die japanische Asahi-Glass-Stiftung, die den "Blauer-Planet-Preis" für Umweltwissenschaften vergibt, führt alljährlich auch eine Expertenumfrage zur "Wahrnehmung der Krise des menschlichen Überlebens" durch. Die Befragten sollen einschätzen, wie spät es auf der "Umweltuntergangsuhr" ist. Aus ihren Angaben wurde errechnet, dass der Zeiger heuer bei 9.05 Uhr steht, also zwei Stunden und 55 Minuten vor zwölf, damit zwar immer noch knapp in jenem Viertel des Zifferblatts, das "extreme Besorgnis" anzeigt, aber doch drei Minuten früher als 2001 - ist das etwa ein Zeichen verhaltenen Optimismus?

Ökologie und Optimismus. Für viele passt das eine nicht mit dem anderen zusammen, doch auf diesen Zweiklang setzen Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Mit Lust zerpflückt das Münchner Autorengespann Endzeitpropheten. Der Umwelt geht es besser, als wir glauben. Fürchtet euch nicht, lautet ihre Botschaft, die dann doch ganz anders als die Bergpredigt mit Fußnoten und Literaturliste daherkommt.

Sie waren dabei, als sich der Umweltjournalismus in den technikkritischen Achtzigerjahren etablierte - und zwar als Journalismus im Dienst der Umwelt. Maxeiner gründete ein Magazin namens "Chancen" und holte Miersch. Dann war Maxeiner fünf Jahre Chefredakteur bei "Natur", wieder stieß der Kollege dazu. "Natürlich habe ich auch über Waldsterben und Ozonloch berichtet, aber so ganz tolle Katastrophen habe ich nicht vorhergesagt", sagt Michael Miersch, nachdem er für das Gespräch mit "heureka" seine frühen Artikel überflogen hat. Befasst hat ihn auch das Robbensterben und Spermiensterben, bis eines Tages in einer Redaktionssitzung das Zwitschern der Mönchsgrasmücke durch das geöffnete Fenster drang und ein Praktikant meinte: "Da pfeift schon wieder eine eurer ausgestorbenen Vogelarten."

Die Verbreitung schlechter Nachrichten hatten er und Kollege Maxeiner bald darauf satt und sattelten um in die Selbstständigkeit. Ihr "Öko-Optimismus" wurde zum Wissenschaftsbuch des Jahres 1996 gewählt. Heute bieten sie auch Vorträge an, die beispielsweise "Verantwortung für künftige Generationen - eine Ökophrase im Realitätstest" heißen. Bei Konzernen, die im Generalverdacht des Umweltverschmutzers stehen, können sie damit jedoch nicht landen. "Die holen sich eher einen Thilo Bode oder Franz Alt ins Haus als Ablasshandel für ihre Sünden", bedauert Miersch die entgangenen Honorare. Zur Entschädigung erhalten sie manche Einladung, bei der sich herausstellt, dass ihre Gastgeber andere Erwartungen an zwei dekorierte Umweltautoren hatten.

"In Österreich sind wir vergleichsweise gefragter als in Deutschland", berichtet Miersch, der hierzulande denkwürdige Erlebnisse gesammelt hat. Während einer Podiumsdiskussion in Sankt Pölten erhob sich Edelfeder Günther Nenning und rief ihnen zu: "Ihr müsst abschwören!" Belustigt stellten sie fest: Der Mann meinte es ernst. Gleich zweimal wurden sie verpflichtet, mit dem Direktor des Wiener Naturhistorischen Museums Bernd Lötsch zu debattieren. Anlass war ihr gerade erschienenes "Lexikon der populären Öko-Irrtümer", aus dem das "profil" gerade eine Titelgeschichte gebastelt hatte. Lötsch attackierte das deutsche Autorengespann heftig. "Jedes Mal mussten wir ihn korrigieren, dass das, was er uns unterstellte, gar nicht im Buch stand", erinnert sich Miersch. Hinterher stellte er Österreichs Oberökologen zur Rede. Nach einigem Drucksen gestand Lötsch ein, keine Zeile des Teufelswerks gelesen zu haben. Bei einer anderen Veranstaltung wurden die fröhlichen Ökoskeptiker von einer ÖVP-Politikerin angegriffen, sie hätten die Umwelt verraten, und ausgerechnet ein Grüner hat sie verteidigt.

Maxeiner und Miersch sind nicht die Ersten und nicht die Einzigen, die gegen die Untergangslust anschreiben. Der US-Autor Peter Huber hält die in negativem Denken und Technikskepsis verhafteten Umweltschützer für das Umweltproblem Nummer eins, weil sie technischen Lösungen im Weg stehen. Der Münchner Zoologe und WWF-Stiftungsmitglied Josef Reichholf erörtert in "Die falschen Propheten" die Reichweite von Prognosen in einer sich viel stärker, als wir glauben, natürlich wandelnden Umwelt. In der Vorstellung einer passiven, nicht zur Anpassung fähigen Natur sieht Reichholf einen Mangel an Respekt vor ihr.

Die künftige Generation wird bereits real bedroht von Artensterben und Treibhauseffekt. Poster gefährdeter Tiere hängen in Schulräumen, Aktionstage für den Regenwald mobilisieren schon die Jüngsten. Viele Kinder entwickeln Depressionen, wenn sie von ökologisch gesinnten Lehrern oder aus dem Fernsehen die schlimme Zukunft erfahren. Umweltpädagogen suchen längst Ansatzpunkte, um gegenzusteuern. Michael Sanera und Jane Shaw unterbreiten in ihrem Elternratgeber "Facts not Fear" Vorschläge: "Allein schon zu lernen, dass anerkannte Wissenschaftler den Prognosen von Katastrophen oft widersprechen, wird Kinder vor blinder Zukunftsangst bewahren."

Ein reinigendes Gewitter hinsichtlich der übertriebenen Prognosen der Vergangenheit haben die in viele Fachrichtungen zersplitterten Umweltforscher versäumt. Ihre Glaubwürdigkeit leidet bis heute. Die Umweltbewegung braucht den Alarmismus kaum noch zur Mobilisierung, Pragmatismus ist eingekehrt. "Die meisten, die sich engagieren, sind in lokalen Projekten", befindet der Berliner Politologe Dieter Rucht. "Eine Debatte, ob alles übertrieben war oder wird, geht an den Aktiven vorbei, denn die haben ihre konkreten Probleme vor Augen." Doch Wissenschaftler, die sich in den Siebziger- und Achtzigerjahren zu Sprechern der Umwelt aufgeschwungen haben, sind wieder auf dem Kriegspfad, seit ein dänischer Statistiker ein Buch veröffentlicht hat, das nach 3000 Fußnoten nicht die Natur, sondern die Apokalypse vor dem Aus sieht.

Er war auch einmal ein Grüner, ein Tiefgrüner sogar, der regelmäßig seine überschüssigen Kronen bei Greenpeace ablieferte. Auf der Suche nach Material für eine Lehrveranstaltung nahm sich Bjoern Lomborg vor einigen Jahren Statistiken zu Umweltproblemen sowie "The State of Humanity" des (mittlerweile verstorbenen) konservativen Ökokritikers Julian Simon vor. Zu seiner Verwunderung brach mancher grüne Glaubenssatz unter näherer Prüfung zusammen. Anstatt wie erwartet Simon zu widerlegen, fand Lomborg diesen im Recht.

Selbst in den Zahlen, die von Umweltorganisationen stammen, weigerte sich die Welt unterzugehen. Weder die Bevölkerungszunahme noch das Artensterben, weder die Verknappung der Bodenschätze noch die Umweltverschmutzung zeigte das Ausmaß, das in den Katastrophenszenarien beschrieben wird. Das Problem, schloss Lomborg, lag in der fatalen Interpretation. In seiner eigenen deuteten nahezu alle Umwelttrends zum Besseren.

Der Däne verfasste zunächst eine Artikelserie in der linksliberalen Tageszeitung "Politiken", der prompt Abonnements aufgekündigt wurden. Die dänische Ausgabe von "Apocalypse No!" entrüstete 1998 die skandinavischen Umweltforscher, die englische Ausgabe im vorigen Jahr erhob Lomborg zum Feind Nummer eins der weltweiten Umweltforschung. Bei einer Lesung in Oxford begrüßte ihn der Klimaforscher Mark Lynas mit einer Torte - voll ins Gesicht.

Kontroverser hätten die Rezensionen kaum ausfallen können: In Wirtschaftsteilen wurde der Wälzer zum großen Wurf erklärt, prominente Umweltforscher verrissen ihn als Machwerk und schrieben dem Emporkömmling von der Provinzuniversität in Aarhus jede Kompetenz ab. Der Bostoner Kreis besorgter Wissenschaftler fürchtet, dass nun viele junge Forscher ihr Talent daran verschwenden, Lomborgs Thesen zu entkräften. Zwecks ihrer Widerlegung haben dänische Wissenschaftler bereits ein ganzes Buch veröffentlicht. Und auf www.lomborg.org und www.anti-lomborg.com schlägt man sich virtuell die Köpfe ein.

Neben einer selektiven Auswahl von Quellen wird Lomborg vor allem seine Ablehnung der globalen Klimapolitik vorgehalten. Seinen Berechnungen nach kommt die Senkung der Treibhausgase teurer als die erforderlichen weltweiten Anpassungen, wenn wir die Erwärmung zulassen. Fürs Erste seien viele Leben zu retten, würde in die Sicherung der weltweiten Trinkwasserversorgung investiert. Dass er die großen Menschheitsprobleme in Geldbeträgen bewertet und gegeneinander abwägt, geht vielen Kritikern gegen den Strich. Dabei wäre es gar nicht so teuer, das Überleben des Planeten auf einen Schlag zu sichern. Höchstens drei Milliarden Dollar nämlich, hat ein Leser des englischen Nachrichtenmagazins "Economist" ausgerechnet. So viel würde es kosten, beginge die Menschheit kollektiv Selbstmord.

Bjoern Lomborg: Apocalypse No! Wie sich die menschlichen Lebensgrundlagen wirklich entwickeln. Aus dem Englischen von Thomas Laugstien und Katrin Grünepütt. Lüneburg 2002 (Zu Klampen). 556 S., e 29,90

Josef Reichholf: Die falschen Propheten. Unsere Lust an Katastrophen. Berlin 2002 (Wagenbach). 139 S., e 11,30.

Dirk Maxeiner, Michael Miersch: Lexikon der Öko-Irrtümer. München 2002 (Piper). 496 S., e 6,20

Dirk Maxeiner, Michael Miersch: Die Zukunft und ihre Feinde. Wie Fortschrittspessimisten unsere Gesellschaft lähmen. Frankfurt 2002 (Eichborn). 228 S., e 20,50

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