Umgang mit Risiken

aus HEUREKA 5/02 vom 13.11.2002

Lungenpest Asbest. 1898 beobachtete die englische Fabrikinspektorin Lucy Deane eine Vielzahl von Lungenleiden unter Arbeitern und Arbeiterinnen, die mit Asbest hantierten. Zwei Jahrzehnte zuvor hatte der Abbau des seit der Antike bekannten Dichtungs- oder Isolierstoffs in kanadischen Minen in industriellem Ausmaß begonnen. Ein Jahr nach Deanes Bericht wurde der erste klinische Fall beschrieben. Eine französische Studie dokumentierte 1906 fünfzig Todesfälle in einer Fabrik, die Asbesttextilien herstellte. Fünf Jahre später belegten Versuche an Ratten die von den spitzen Staubfasern ausgehende Gesundheitsschädigung. Pathologische Untersuchungen der Lungen toter Asbestarbeiter belegten die Gefahr, die von dem Material ausging. Doch alle Forderungen nach Schutzmaßnahmen in den Fabriken verhallten.

Der Band "The Precautionary Principle in the 20th Century" versammelt 14 Fallgeschichten über den Umgang mit Umweltrisiken. Von der Überfischung des Meeres, die schon im späten Mittelalter ein englisches Parlament beschäftigte, bis zur BSE-Krise gab es stets Vorwarnzeiten, bis sich die Politik zum Handeln entschloss. Selten dauerte es so lange wie im Fall Asbest. Ziemlich genau ein Jahrhundert nach Lucy Deanes Report wurden alle Arten des Stoffes in der EU verboten. Versicherungen in den USA und Kanada hatten dagegen schon 1918 genug gesehen, um Asbestarbeitern Polizzen zu verweigern. Verarbeitetes und korrekt isoliertes Asbest ist nahezu ungefährlich. Problematisch ist der bei der Verarbeitung entstehende Staub. Über die Atemluft kommen die Fasern in die Lunge, wo sie zwar als Fremdkörper erkannt, aber von Abwehrzellen nicht unschädlich gemacht werden.

Spätestens in den Dreißigerjahren hätte der britische "Merewether Report" die Behörden aufschrecken müssen: 66 Prozent aller Arbeiter, die länger als zwanzig Jahre in einem Asbest verarbeitenden Betrieb tätig waren, litten an einer Lungenkrankheit, die Asbestose genannt wurde. Der Epidemiologe Richard Doll belegte in einer großen Studie den Zusammenhang mit Lungenkrebs. Bis zu den Sechzigerjahren wurde klar, dass durch Asbest auch Mesotheliome, eine ansonsten seltene Krebserkrankung, verursacht wurden, denn auch Familienangehörige exponierter Arbeiter, die deren Kleidung säuberten, und sogar Kleinkinder, die beim Krabbeln am Boden den Staub einatmeten, waren davon betroffen.

Paralyse durch Analyse. Der große Asbestboom setzte in den Fünfzigerjahren ein. In den Siebzigern, als Hunderttausende Tonnen aus allen Erdteilen nach Europa importiert wurden und rund 3000 Asbestprodukte auf dem Markt waren, erreichte er seinen Höhepunkt. Unterdessen stritten Wissenschaftler, wie gefährlich die unterschiedlichen Arten von Asbest sind - ein Fall von Paralyse durch Analyse. Dass Lungenkrebs auch durch Rauchen verursacht wird, erschwerte die Beweisführung. Die krebserregende Wirkung von Asbest wurde offiziell weiter ignoriert, immerhin förderten manche Behörden die Verwendung ungefährlicher Ersatzstoffe. Erst 1986 erklärte die Krebsforschungsabteilung des Weltgesundheitsamtes WHO Asbest zum Krebserreger und lehnte jeden Schwellenwert, der bei der Bearbeitung tolerierbar wäre, ab.

Obwohl die Verarbeitung lange vor dem EU-Verbot 1998 stark zurückging, liegen die negativen Auswirkungen noch vor uns. Gerade Mesotheliome, die auch als Asbestkrebs bezeichnet werden, haben eine lange Latenzzeit, die in vielen Fällen vierzig bis fünfzig Jahre beträgt. Experten rechnen in den nächsten Jahrzehnten allein in Europa mit 400.000 Todesfällen als Langzeitfolge von Asbest. In vielen Entwicklungsländern wird es nach wie vor hergestellt und verbaut.

Monika Chabicovsky ist promovierte Toxikologin, graduierte Historikerin und Teilnehmerin des Universitätslehrgangs für Wissenschaftskommunikation.

Poul Harremoes, David Gee, Malcolm MacGarvin, Andy Stirling, Jane Keys, Brian Wynne, Sofiea Guedes Vaz (Hg.): The Precautionary Principle in the 20th Century. Late Lessons from Early Warnings. London 2002 (Earthscan Publications). 268 S., £ 17,95.

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