Das wurde erreicht Das steht jetzt an

aus HEUREKA 5/02 vom 13.11.2002

Was sind die wichtigsten Durchbrüche, die die Umweltforschung gebracht hat? Und wie lauten die drängendsten Fragen der Zukunft? "heureka" hat neun Umweltwissenschaftler befragt und ihre Antworten zusammengefasst.

Klimawandel. Dass sich das Klima ändert und der Mensch dazu beiträgt, ist mittlerweile gut untermauert. Strittig ist noch das Ausmaß und welchen Anteil natürliche Schwankungen ausmachen. Nicht die Erwärmung selbst, sondern die Geschwindigkeit der Abweichungen macht es den Ökosystemen schwer, sich anzupassen.

Waldschäden. Die Politik hat auf die Warnungen vor saurem Regen und Waldsterben rasch reagiert. Durch Filter und Katalysatoren wurde der Ausstoß von Schwefeldioxid erheblich reduziert.

Gewässerqualität. Die Seen sind wieder so sauber wie in den Fünfzigerjahren. Die Überdüngung durch Waschmittelphosphate wurde gestoppt. Heute ist das Verständnis für die Bedeutung der Wasserqualität und ihre Sicherung durch Klärtechnik und Emissionsbeschränkungen Allgemeingut.

Stoffkreisläufe. Heute haben wir aussagekräftige Modelle, wie Stoffe, die in der Umwelt freigesetzt werden, durch Boden, Luft und Wasser wandern, wo und in welchem Ausmaß sich spezifische Stoffe anreichern und welche Auswirkungen das hat.

Biodiversität. Wenn auch das absolute Ausmaß des Artensterbens strittig ist, weil Schätzungen über die Zahl der bisher unbekannten Arten weit auseinander gehen, so ist doch klar, dass die Vielfalt zurückgeht, und zwar nicht nur im tropischen Regenwald, sondern in vielen Ökosystemen.

Flora-Fauna-Habitat. Mit der gleichnamigen Richtlinie hat die EU eine wissenschaftliche Grundlage für die Biotoperhaltung geschaffen (und die Nachfrage nach Ökologen in den damit verbundenen Natura-2000-Programmen gefördert) - gerade in Österreich, wo damit regional hausgemachte Kriterien abgelöst wurden.

Nachhaltigkeit. Seit der Konferenz von Rio de Janeiro 1992 bekennen sich viele Regierungen zur nachhaltigen Nutzung von Energie und Rohstoffen.

Ökobilanzierung. Die standardisierte Bewertung von Produkten anhand des ganzen Produktionszyklus und technischen Lebenszyklus macht für Hersteller und Zulassungsbehörden transparent, wo ökologische Verbesserungen möglich sind.

Bodenforschung. Wie belastbar ist der Boden als Ökosystem, welche Prozesse sind irreversibel? Welche Bedeutung haben Mikroorganismen im Boden? Wie wirken Bebauung, Landwirtschaft, Rohstoffabbau, Abfalldeponie auf den Boden? Und wie löst man Nutzungskonflikte?

Ökotoxikologie. Bisher stand der Mensch im Mittelpunkt der toxikologischen Forschung. Doch Verunreinigungen und Gifte bedrohen auch Tiere und ganze Ökosysteme. Das systemische Zusammenwirken wird noch wenig verstanden.

Fremdhormone. Wie wirken Wachstumshormone, die in der Viehzucht verwendet werden, aber auch Pestizide, Industriechemikalien, Tenside in Reinigungsmitteln und Weichmacher in Kunststoffen auf den Hormonhaushalt von Menschen und Tieren?

Stoffgemische. Bisher hat man die Wirkung von Stoffen vorwiegend isoliert betrachtet. Wie sie aber in der Umwelt mit anderen Substanzen kumulativ und synergistisch wirken, was ihre Wirkung im Zusammenspiel verstärkt oder abschwächt, ist ein kaum erschlossenes Forschungsgebiet.

Stickoxide. Ihre Wirkung auf das Klima und auf Ökosysteme ist viel weniger erforscht als die von Kohlendioxid. Teilweise gibt es noch keine gesetzlichen Maßnahmen gegen Luftschadstoffe.

Eindringende Arten. Durch weltweiten Handel und Reisemobilität und nun auch durch die Gentechnik dringen zunehmend fremde Organismen in Ökosysteme ein. Wie Eindringlinge ein Ökosystem ändern und sich in diesem ändern, lässt sich bisher nicht vorhersagen.

Elektromagnetische Strahlung. Nachdem die Gefährdung durch Elektrosmog grundsätzlich aufgezeigt ist, reift die Untersuchung der elektromagnetischen Strahlung von Funknetzen zu einer seriösen Wirkungsforschung.

Biotopschutz. In Österreich gibt es noch viele wertvolle Naturinseln. Ihre erhaltende Nutzung erfordert die Verbindung betriebswirtschaftlichen und ökologischen Anwendungswissens.

Risikovermittlung. Im Umgang mit Unsicherheiten, bei ihrer Bestimmung und ihrer Kommunikation, um gesellschaftliche Entscheidungsprozesse gerade in Umweltfragen zu ermöglichen, wird immer noch zu viel falsch gemacht.

Für ihre Teilnahme an der Umfrage dankt "heureka" den Umweltwissenschaftlern Helmut Gaugitsch, Georg Grabherr, Norbert Kreuzinger, Harald Pauli, Josef Spörk (Wien), Martin Gerzabek (Seibersdorf und Wien), Ines Oehme (Graz), Rolf Peter Sieferle (Sankt Gallen) und Jean Paul Theurillat (Genf).

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