Kommunikationsrisiko Klima

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 5/02 vom 13.11.2002

Die Klimaforscher haben sich durch ihre Warnungen in den Achtzigerjahren nachhaltig ins Gespräch gebracht - und ihre Disziplin dadurch fest etabliert. Die Kommunikation mit Öffentlichkeit und Politik ist allerdings nicht ohne Risiko, wenn das offerierte Wissen unsicher oder umstritten ist. Oder zumindest so scheint.

Starke Kontraste erleichtern die Wahrnehmung. Zu Beginn eines populärwissenschaftlichen Vortrags zeigt der Klimaforscher Mojib Latif vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie zwei Overheadfolien: Die erste zeigt ein Cover des Nachrichtenmagazins "Spiegel" aus dem Jahr 1986: den im Hochwasser versinkenden Kölner Dom - das Klima als Apokalypse. Die zweite Folie zeigt den "Spiegel"-Artikel "Launen der Sonne" aus dem Jahr 2001, der den von Menschen verursachten Treibhauseffekt in Abrede stellt: das Klima als entlarvtes Schreckgespenst. So sind sie, die Medien: erst dramatisieren, dann entwarnen, jeweils in bunten Bildern und fetten Lettern.

Aber ihre Informationen haben die Journalisten doch von den Forschern selbst. Ist die Klimaforschung also eine Disziplin voller Widersprüche? Oder ein unschuldiges Opfer medialer Sensationslust? Blenden wir zurück: In den Siebzigerjahren war die Klimaforschung noch eine vergleichsweise kleine, unscheinbare Disziplin. Einzelgänger warnten vor einer kommenden Eiszeit, erst allmählich mehrten sich die Indizien für eine Erwärmung der Erdatmosphäre.

1986 war zumindest in Deutschland ein Wendepunkt. Zum ersten Mal warnte eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern vor abschmelzenden Polkappen und dem steigenden Meeresspiegel - und die Öffentlichkeit horchte auf. Die Begriffe "Treibhausgase" und "Klimakatastrophe" wurden freigesetzt. Letzteren hätten die Wissenschaftler am liebsten wieder zurück ins Labor genommen. Zu spät: Obwohl sie fortan neutraler von Klimawandel sprachen, war den Medien die Rede von der "Klimakatastrophe" nicht mehr auszutreiben.

Ob diese Dramatisierung nun gewollt war oder nicht, ihre Eigendynamik veranlasste auch die Politik zum Handeln. Die Folgen dieses "Katastrophendiskurses" waren zumindest für die deutsche Klimaforschung alles andere als katastrophal. 1991 wurde das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie gegründet, 1992 das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung.

Nach einer Phase der Politisierung (1986-92) kam es nun zu einer Phase der Institutionalisierung, wie die Bielefelder Sozialwissenschaftler Anita Engels, Petra Pansegrau und Peter Weingart in ihrer Studie über die Geschichte der deutschen Klimaforschung analysierten. Kennzeichnend für Deutschland war, dass die anthropogene Veränderung des Klimas nicht grundlegend infrage gestellt wurde. Das Land gefiel sich als vermeintlicher Vorreiter in Sachen Klimaschutz.

Anders in den USA: Die vermeintliche Unsicherheit der Szenarien diente vielen US-Politikern als Argument dafür, Maßnahmen zur Reduktion von CO2-Emissionen hintanzustellen. Kritiker sahen dies vor allem als Erfolg der Industrie und einer Minderheit von Forschern, die sich politisch vereinnahmen ließen. Dennoch ist diese "Unsicherheitsdebatte" in den letzten Jahren auch in den deutschen Sprachraum geschwappt, zumindest in den Medien.

Nach den Flutkatastrophen in Mitteleuropa im August dieses Jahres war der menschliche Einfluss auf das Klima zuletzt wieder ein Topthema. Der "Spiegel" ließ den "Mahner" Mojib Latif gegen den "Skeptiker", den Gletscherforscher Heinz Miller, "erstmals öffentlich aufeinander" treffen. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" wurde den Argumenten vermeintlicher Skeptiker ein großer Aufmacherartikel gewidmet, um einer "Gegenposition zur herrschenden Klimadoktrin" Öffentlichkeit zu verschaffen. So sind sie, die Medien: mal Ringrichter, mal Gerechtigkeitsengel, immer auf Leseanreize bedacht.

Die Klimaforscher hingegen werden nicht müde zu betonen, dass sie sich anders als in den Medien kolportiert in den wesentlichen Punkten einig sind. Schließlich geht es auch um die Glaubwürdigkeit der Disziplin: Es gibt ein Klimaproblem, die durchschnittliche Temperatur ist im 20. Jahrhundert global um etwa 0,7 Grad gestiegen, und sie wird in diesem Jahrhundert aller Wahrscheinlichkeit nach noch deutlicher steigen. Der Mensch als Hauptverursacher von Treibhausgasen ist dafür wesentlich mitverantwortlich. Die Dokument gewordene Einigkeit findet sich im letzten Bericht des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), an dem über 2000 Klimaforscher aus der ganzen Welt mitgearbeitet haben.

Da man die Erde nicht in ein Reagenzglas stopfen kann, müssen die Klimaforscher mit Modellen arbeiten. Sie speisen gigantische Rechenanlagen mit Informationen, um das Klima zu simulieren. Das Deutsche Klimarechenzentrum Hamburg verfügt seit neuestem über einen 34 Millionen Euro teuren Computer, der zu den rechenstärksten weltweit gehört. Immer mehr Parameter müssen berücksichtigt werden, etwa der Einfluss der Meeresströme und die sich wandelnde chemische Zusammensetzung der Atmosphäre. Die größte Unbekannte ist aber der Mensch selbst. Niemand kann wissen, wie viele fossile Brennstoffe wir im 21. Jahrhundert in die Luft blasen werden. Deshalb schwanken die verschiedenen Szenarien zwischen ein und fünf Grad Temperaturzunahme - ein gewaltiger Unterschied.

Unsicherheiten und auch Meinungsverschiedenheiten werden von den Forschern also eingestanden: methodische Zweifel an gewissen Annahmen, rivalisierende Modelle, Streit um die Aussagekraft von Simulationen. Journalisten würden sich diese fachinterne Kritik aus Fachartikeln herauspicken und auf die Aussagekraft der Ergebnisse als solcher übertragen, moniert Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Einzelne Parameter wie Wolken oder Sonne würden herausgegriffen, und es würde behauptet, deren Einfluss aufs Klima werde unterschätzt oder gar unterschlagen.

Darin besteht also das Kommunikationsrisiko der Klimaforschung: den Medien das "richtige" Verständnis für die Unsicherheit und Vorläufigkeit der gegenwärtigen Erkenntnisse zu vermitteln und deutlich zu machen, welchen Stellenwert strittige Punkte haben. Mojib Latif versucht zwar stets, dies den Journalisten klar zu machen. "Aber denen können Sie sagen, was Sie wollen. Die haben ihre Meinung." Was ihm wiederum neue Folien für seine Vorträge liefert.

Peter Weingart, Anita Engels und Petra Pansegrau: Von der Hypothese zur Katastrophe. Der anthropogene Klimawandel im Diskurs zwischen Wissenschaft, Politik und Massenmedien. Opladen 2002 (Leske und Budrich). 179 S., e 15,30

Vom 7. November 2002 bis 15. Juni 2003 ist im Deutschen Museum München die Sonderausstellung "Klima" zu sehen.

www.deutsches-museum.de

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