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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 5/02 vom 13.11.2002

Sprechen wir doch auch von der akustischen Umweltverschmutzung. Dass unsere Fabriken Dreck in die Luft blasen, dagegen ergreifen wir Maßnahmen. Daran jedoch, dass Motoren, Lautsprecher und Autohupen fast ununterbrochen die Stille mit akustischem Unrat verpesten, haben wir uns nahezu gewöhnt: Während mutwillige Ruhestörung ein Delikt ist, darf jeder Bürger beliebig viel Lärm erzeugen, solange er dafür den Motor eines Kraftfahrzeuges verwendet. Da hat der deutsche Staat nun vier Milliarden Euro für Schallschutzmaßnahmen ausgegeben, und immer noch bekunden 65 Prozent seiner Bürger, dass der Lärm ihre Lebensqualität einschränkt.

Alexander Solschenizyn, ein gelernter Mathematiker, berechnete kurz nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion im Zürcher Exil die Anzahl von Menschen, welche ein von einem Rand der Stadt zum anderen rasender Motorradfahrer in der Lage war, aus dem Schlaf zu reißen. Auch mit den westlichen Gesellschaften, so folgerte er aus dem Ergebnis, war etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Man braucht nicht die Radikalität von Solschenizyns Überlegung zu teilen (denn natürlich ist auch das Lärmmachen ein Teil unserer Freiheit und die Forderung, still zu sein, wie jedes Schulkind am eigenen Leib erfährt, etwas leicht Diktatorisches), um seine Beobachtung bedenkenswert zu finden. Gibt es überhaupt noch einen Ort, wo man unter freiem Himmel längere Zeit unbehelligt von Motorgeräuschen verbringen kann? Sind wir schon so an den beständigen Lärmteppich gewöhnt, dass wir in immer mehr öffentlichen Räumen Lautsprecher tolerieren?

Natürlich darf man es nicht gleichsetzen: Gifte können tödlich wirken, während an Schlagermusik und Autobrummen noch niemand gestorben ist. Aber mit dem ekelhaften Gestank mancher Fabrik haben gewisse Arten von Lärm durchaus etwas gemein. Menschen, die in der Einflugschneise eines Flughafens leben, werden dem wohl ebenso zustimmen wie jene, die sich beim Einkaufen von der Stimme Hansi Hinterseers verfolgt fühlen.

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