Die Wasserstoffverbindung

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 5/02 vom 13.11.2002

Wird Wasserstoff zum Erdöl der Zukunft und damit zur Patentlösung aller unserer Energie- und Umweltprobleme? Die Industrie ist bereits heftig am Entwickeln. Die EU vervielfacht ihre Mittel für Wasserstoffforschung. Und der US-amerikanische Multiaktivist Jeremy Rifkin besorgt die Öffentlichkeitsarbeit.

Die Utopie von gestern. "Ja, meine Freunde, ich glaube, dass Wasser eines Tages als Brennstoff benutzt werden wird, dass Wasserstoff und Sauerstoff, aus denen es sich zusammensetzt, eine unerschöpfliche Wärme- und Lichtquelle bilden werden, und das mit einer Intensität, die man von Kohle nicht erwarten kann." Diese Worte sind fast 130 Jahre alt und stammen, wie so viele andere Prophezeiungen von Jules Verne. Der französische Science-Fiction-Pionier hat sie dem Protagonisten seines Abenteuerromans "Die geheimnisvolle Insel" (1874) in den Mund gelegt, als sich in der Handlung eine Diskussion entspinnt, was mit Handel und Industrie geschähe, wenn Nordamerika keine Kohle mehr hätte.

Wie wir heute wissen, kam im 20. Jahrhundert nach der Kohle zunächst einmal das Erdöl. Bis heute ist das schwarze Gold nicht nur der weltweit wichtigste Treibstoff der Wirtschaft, sondern auch ein Rohstoff, der Politik macht. Seit mindestens fünf Generationen sei Geopolitik synonym mit Erdölpolitik, meint der US-Ökonom und Ökoaktivist Jeremy Rifkin mit Blick auf den Nahen Osten. Doch die Anzeichen mehren sich, dass das Zeitalter des Erdöls im 21. Jahrhundert langsam, aber sicher zu Ende geht: Geologen gehen mittlerweile nämlich davon aus, dass irgendwann zwischen 2010 und 2030 das so genannte Fördermaximum erreicht, also die Hälfte aller Erdölvorkommen ausgebeutet sein wird.

Jeremy Rifkin sieht gute Gründe, warum das Ende des Erdölregimes möglichst noch beschleunigt werden sollte. Seiner Meinung nach gibt es drei große Krisen, die die Menschheit bedrohen und mit dem Erdöl zusammenhängen: "Erstens die globale Erwärmung, die auf die Treibhausgase zurückgeht; zweitens die wachsende Kluft zwischen reichen und armen Ländern, die auf die Erhöhung des Ölpreises zurückzuführen ist. Und dann gibt es drittens noch die politische Instabilität im Nahen und Mittleren Osten. Da wird natürlich gerne verschwiegen, dass der Irak nach Saudi-Arabien die zweitgrößten Erdölreserven der Welt hat."

Wasserstoff als Lösung? Jeremy Rifkin, der umtriebige Geschäftsmann der Weltverbesserung, hat eine technologische Lösung für all diese Probleme anzubieten - und das, obwohl er sich bislang vor allem als Technikkritiker einen Namen gemacht hat. Seit den Siebzigerjahren schreibt er unter anderem gegen die "harte" Gentechnik an, die auch Eingriffe ins Genom vorsieht. Er kritisiert die Machenschaften der Fleischindustrie, und auch beim Internet will er Fehlentwicklungen gegensteuern. Nun greift Rifkin die Idee von Jules Verne auf - und propagiert in seinem neuen Buch "Die H2-Revolution" nicht nur eine ökologischere, sondern gleich auch eine gerechtere Weltwirtschaft durch die schier unbegrenzten Möglichkeiten der Wasserstofftechnologie.

Wie soll diese Revolution funktionieren? Was sind die Vor- und was die Nachteile des Wasserstoffs als Energieträger? "Das Gute an Wasserstoff ist, dass er beliebig verfügbar ist, in der Luft ebenso wie im Wasser. Das Schlechte, dass man ihn verfügbar machen muss - entweder aus fossilen Brennstoffen, aus Erdgas oder aus Wasser", so der Wasserstoffmissionar im "heureka"-Interview. Das ist freilich nur der erste Schritt. Um aus dem so erzeugten Wasserstoff Strom zu erzeugen oder Motoren anzutreiben, sind Wasserstoff-Brennstoffzellen nötig.

Dass das leichteste Gas zum Schlüsselelement unserer künftigen Energiewirtschaft werden könnte, hat sich längst herumgesprochen: "Zurzeit gibt es weltweit 850 Firmen, die in irgendeiner Form auf Wasserstoff setzen. Wasserstoff ist heute da, wo die Computerindustrie in den Achtzigerjahren war", bestätigt Rifkin und weist darauf hin, dass entsprechende rechtliche Maßnahmen zum Teil schon getroffen worden sind: So hat die Regierung Kaliforniens, der sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt, erst kürzlich entschieden, dass ab 2008 nur noch abgasfreie Autos verkauft werden dürfen. Also Autos mit Wasserstoff-Brennstoffzellen.

Arbeit an der Zukunft. Was heute noch wie eine Utopie klingen mag, ist in der Autoindustrie schon auf dem Weg zur Serienreife. Egal ob bei Daimler Chrysler, General Motors, BMW oder Toyota: In den Entwicklungslabors wird emsig an Fahrzeugen gebastelt, die mit Brennstoffzellentechnik ausgestattet sind und spätestens Ende dieses Jahrzehnts in Serienfertigung gehen sollen. Bis dahin muss freilich auch noch die entsprechende Infrastruktur - also ein flächendeckendes Wasserstoff-Tankstellensystem - aufgebaut werden, mit dem Experten um etwa 2010 rechnen.

Steht dem ökologisch korrekten Autofahren möglicherweise bereits in zehn Jahren nichts mehr entgegen, so bleibt die Gewinnung von Wasserstoff eine Herausforderung. Am einfachsten ist es nach wie vor, Wasserstoff aus Erdgas herzustellen, was die Atmosphäre mit dem Treibhausgas Kohlendioxid belastet. Rifkin schlägt deshalb in seinen Zukunftsplänen die umweltschonende Elektrolyse von Wasser vor - wofür es aber wieder Strom braucht. Darum wird dem H2-Promotor Rifkin nicht ganz zu Unrecht vorgehalten, sich ausschließlich auf den Wasserstoff zu konzentrieren.

So meint etwa der deutsche Solarenergieexperte Hermann Scheer, der außerdem Träger des alternativen Nobelpreises und SPD-Bundestagsabgeordneter ist, dass Wasserstoff nur eine ergänzende Option innerhalb der Energieversorgung aus erneuerbaren Energien sein könne. Scheer sieht in der Ausrufung des "Wasserstoffzeitalters" eine Modevision, die den Energiekonzernen in der Zwischenzeit bloß als Alibi diene, weiter auf fossile Energien zu setzen, ehe erst in ferner Zukunft Brennstoffzellen technologisch ausgereift sein werden.

Power to the people. Rifkin hingegen verbindet mit dem Wasserstoff als Energieträger schon heute kühne politische Utopien. Er will, dass wir alle in Zukunft Wasserstoff-Brennstoffzellen in unseren Wohnungen oder Firmen haben und damit selbst Strom produzieren. "Das müsste genossenschaftlich organisiert werden - mithilfe von Kooperativen, die in Zukunft die Zellen besitzen würden und die mit denen verhandeln, die das Stromnetz betreiben." Diese Partnerschaft wäre zum Vorteil aller: Die Wirtschaft könnte die Technologie entwickeln, und die Endverbraucher würden selbst über günstigen, dezentralen und umweltverträglichen Strom verfügen. Da Rifkin fürchtet, dass die Wasserstoffrevolution in den USA rein kommerziell durchgezogen würde, setzt er ganz auf Europa: "Die EU hat diese Ausrichtung auf sozialen Konsens und Sozialverträglichkeit. Ich möchte, dass das ein Modell wird. Denn hier gibt es mit dem Wasserstoff eine Gelegenheit, die Zivilgesellschaft und eine kommerzielle Gelegenheit zu verknüpfen, um eine nachhaltige Gesellschaft zu begründen. Das wäre dann tatsächlich die Verwirklichung von ,power to the people', unserem sozialistischen Slogan der Sechzigerjahre."

Dass Rifkin kein blauäugiger Weltverbesserer, sondern ein einflussreicher Lobbyist für die Sache (und wohl auch für die eigene Tasche) ist, machten kürzlich Stellungnahmen von Romano Prodi klar. Der EU-Kommissionspräsident, der unter anderem auch von Jeremy Rifkin beraten wird, kündigte nicht nur die Einsetzung einer hochrangig besetzten Expertengruppe zum Thema Wasserstoff an. Prodi ließ auch verlauten, dass die EU die Forschungsmittel für erneuerbare Energiequellen zwischen 2003 und 2006 gegenüber der Periode 1999-2002 auf den 18fachen Betrag steigern wird, nämlich 2,12 Milliarden Euro, und zwar unter besonderer Berücksichtigung der Wasserstoff-Brennstoffzellentechnik.

Wie ernst es dem Kommissionspräsidenten damit ist, hat er kürzlich in einem Interview mit der "New York Times" verdeutlicht, in dem er die Wichtigkeit der Umstellung auf Wasserstoff mit der Einführung des Euro und der EU-Erweiterung gleichsetzte. Als er gefragt wurde, was passiere, wenn sich aus Wasserstoff keine billige Energie herstellen lasse, meinte Prodi schlicht: "Vielleicht wird das scheitern. Aber es gibt dann auch keine anderen seriösen Alternativen."

Jeremy Rifkin: Die H2-Revolution. Mit neuer Energie für eine gerechte Weltwirtschaft. Aus dem Englischen von Brigitte Kleidt. Frankfurt/New York 2002 (Campus). 304 S., e 25,60

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