Wie grün waren die Nazis?

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 5/02 vom 13.11.2002

Die Historiker haben sich in den vergangenen Jahren einem besonders irritierenden Kapitel der NS-Zeit zugewandt: der Umwelt- und Naturschutzpolitik der Nazis. Gab es tatsächlich so etwas wie eine "grüne" NS-Politik? Die bisherigen Befunde der Forschung sind irritierend und werden wohl widersprüchlich bleiben.

"Wir sprachen von Natur- und Heimatschutz und waren uns einig, dass der geniale Führer der deutschen Technik schließlich doch der größte Naturschützer geworden ist. Ihm ist die Synthese von Natur und Technik gelungen, die ein Wunschtraum zu sein schien und heute das Wesen unserer Kultur darstellt. Deutschland ist der Garten Europas geworden." So stand es 1941 in der deutschen Zeitschrift "Die Straße". Der Autor dieser Zeilen berichtete freilich nicht über das damalige Deutschland, sondern imaginierte das ideale Deutschland des Jahres 1966, in dem alle gewaltigen Bauvorhaben und zugleich alle Naturschutzmaßnahmen verwirklicht waren.

Adolf Hitler, der "geniale Führer der deutschen Technik", war zwar Vegetarier und Nichtraucher. Aber für den Schutz der Natur, die er in "Mein Kampf" als die "grausame Königin aller Weisheit" bezeichnete, schien er eher wenig Verständnis zu haben. So ließ der "Narr der Technik" (Hitler über Hitler) an anderer Stelle verlauten, dass "kein Quadratmeter deutschen Bodens unbebaut bleiben" sollte. Im kleinen Kreis indes zeigte er immerhin Sympathie für die dezentrale Nutzung erneuerbarer Energiequellen und erging sich gelegentlich sogar in Gaia-Gedanken vom Gesamtzusammenhang der Erde.

Dass einige führende Braune ziemlich "grün" gewesen sein könnten, ist eine Behauptung, die seit Mitte der Achtzigerjahre zur Diskussion steht: Die britische Historikerin Anna Bramwell veröffentlichte damals ein provokantes Buch mit dem Titel "Blood and Soil. Walther Darré and Hitler's ,Green Party'", in dem sie nicht nur die grünen Vorstellungen von führenden NS-Exponenten darstellte, sondern zugleich auch die braunen Wurzeln der Umweltschutzbewegung der Siebzigerjahre freilegen wollte. Ihre Kernthese: Walther Darré, einer der führenden Blut-und-Boden-Theoretiker des Nationalsozialismus und bis 1942 Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, stehe in direkter Traditionslinie zum grünen Denken der Gegenwart.

So sollten nach Darrés "modernen" Vorstellungen die Bauern möglichst kleine, autarke Höfe mit biologisch-dynamischen Methoden bewirtschaften, auf Düngemittel und Insektizide verzichten und Methangas zur Energieversorgung benützen. Auch wenn Bramwells Buch, das vor allem ideologische Affinitäten zwischen Darré und Rudolf Steiner aufzeigte, von Fachkollegen zum Teil heftig kritisiert wurde, führte es gleichwohl dazu, dass sich gerade in jüngster Zeit zahlreiche Historiker mit der Umweltgeschichte in der NS-Zeit zu beschäftigen begannen.

Ein Ende dieser Forschungen über personelle und ideologische Verbindungen zwischen "Braun" und "Grün" ist noch lange nicht absehbar. So fand in diesem Juli auch eine große internationale Konferenz zum irritierenden Themenkreis statt, die vom deutschen Bundesumweltminister Jürgen Trittin persönlich eröffnet wurde. Und zwar mit einer Rede, in der der Grün-Politiker die Notwendigkeit betonte, "die Verstrickung des Naturschutzes und seiner Akteure in das nationalsozialistische System, in seine Ideologie und auch in seine Verbrechen aufzuarbeiten". Wie weit aber gingen diese Verstrickungen tatsächlich? Gab es eine "grüne" NS-Politik? Und welche Rolle spielte der Naturschutz im NS-Staat - wenn es ihn denn überhaupt gab?

Zumindest in der letzten Frage herrscht mittlerweile eindeutiger Konsens: Das Denkverbot, dass es unter dem Nationalsozialismus keinen Naturschutz gegeben haben kann, weil der Nationalsozialismus etwas Böses ist und der Naturschutz etwas Gutes, gilt in der Zwischenzeit endgültig als überwunden. Wie konsequent und wirkungsvoll aber war der Natur- und Umweltschutz zwischen 1933 und 1945 tatsächlich? Weitgehende Übereinstimmung unter den Umwelthistorikern gibt es auch darüber, dass sich in den ersten Jahren des NS-Regimes zumindest auf gesetzlicher Ebene einiges zugunsten des Natur- und Tierschutzes tat.

Durch die Zentralisierung zum "Führerstaat" kam es zur Erstellung von Gesetzen, die zum ersten Mal in der deutschen Geschichte den Schutz der Natur reichsweit regelten. Dazu gehörte neben dem Reichstierschutzgesetz aus dem Jahr 1933 vor allem das von Fachhistorikern als "epochal" bezeichnete Reichsnaturschutzgesetz aus dem Jahr 1935, das Regelungen aus der Weimarer Zeit aufgriff. Es enthielt so wenig NS-Jargon, dass es in Deutschland nahezu unverändert bis zum Jahr 1976 und auch in Österreich - wo es im Jahr 1939 in Kraft trat - zum Teil bis in die Sechziger- und Siebzigerjahre hinein galt.

Das Reichsnaturschutzgesetz kam nicht zuletzt auf Betreiben des damaligen Reichsforstmeisters Hermann Göring zustande, der sich kurz zuvor den Naturschutz zusammen mit der Denkmalpflege - die in die Kompetenz des Kultusministeriums gefallen war - seinem eigenen Machtbereich einverleibt hatte. Entsprechend umfasste das Gesetz nicht nur den Schutz von Pflanzen, Tieren und "Naturdenkmälern", sondern auch der von Menschen geschaffenen Kulturlandschaften. Fortan wurde verlangt, dass an sämtlichen landschaftsverändernden Planungen auch der Naturschutz beteiligt wird.

Schließlich sah das Gesetz gemäß dem NS-Motto "Gemeinnutz vor Eigennutz" die Möglichkeit vor, Grundstücksbesitzer zur Durchsetzung von Naturschutzinteressen entschädigungslos zu enteignen - der einzige Passus, der nach 1945 umgehend entfernt wurde. Auch daran war wohl vor allem Göring beteiligt, der in den zahlreichen neu eingerichteten Naturschutzgebieten seiner Jagdleidenschaft frönen wollte, so wohl auch im 1940 kurzfristig eingerichteten Nationalpark Neusiedler See (siehe Kasten).

Bleibt die Frage, wie sich das Gesetz tatsächlich auswirkte: Lässt sich tatsächlich behaupten, dass "keine deutsche Regierung je den Schutz der deutschen Wälder ernster genommen hat als das Dritte Reich und sein Reichsforstminister Göring", wie dies der US-Historiker Simon Schama suggeriert? Oder standen viele der naturschutzfreundlichen Regelungen nur auf dem Papier? Zumindest für die Kriegsjahre ist es nach den bisherigen Forschungen offensichtlich, dass der Naturschutz hinter den Bedürfnissen der Wehrmacht, der Siedlungsflächenbeschaffung oder der Energiewirtschaft hat zurückstehen müssen.

Auch wenn kaum ein Zweifel daran besteht, dass während der NS-Zeit und insbesondere nach dem Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 Natur und Umwelt in erheblichem Maße belastet wurden, so ist damit nur wenig über die ursprünglichen Motive und Zielsetzungen ausgesagt. Und insbesondere im Zusammenhang mit dem "Generalplan Ost", an dem ab Oktober 1939 gearbeitet wurde, gingen kriegerische Expansion, Rassismus, ökologische Überlegungen sowie der Natur- und Heimatschutz fatale Verbindungen ein.

Der "Generalplan" bestand aus einer ganzen Abfolge von Plänen für die eroberten Länder im Osten und umfasste Maßnahmen der nationalsozialistischen Rassen- und Vernichtungspolitik ebenso wie die Gestaltung der neuen Siedlungsgebiete und Entwürfe für die Nachkriegszeit. Und spätestens im Rahmen des "Generalplans" kam es bei etlichen Landschaftsplanern zu einer "eindeutigen Kumpanei mit den NS-Verbrechen", wie Joachim Radkau klarstellt, der den Fachkongress im Juli mitveranstaltete.

War die Bevölkerung der Ostgebiete erst einmal vertrieben oder vernichtet und der Krieg gewonnen, sollte eine riesige Garten- und Parklandschaft entstehen. Bei deren Umsetzung sollten - gemäß der "Allgemeinen Anordnung über die Gestaltung der Landschaft in den eingegliederten Ostgebieten vom 21. Dezember 1942" - neueste Erkenntnisse der Ökologie, Raumplanung, Biologie und der Pflanzenkunde berücksichtigt werden. Durch eine "besonders sorgfältige Landschaftsgestaltung" sollten die eroberten Ostgebiete ein der deutschen Wesensart entsprechendes "Gepräge erhalten, damit der germanisch-deutsche Mensch sich heimisch fühlt, dort sesshaft wird und bereit ist, diese seine neue Heimat zu lieben und zu verteidigen."

Ob Deutschland im Jahr 1966 unter NS-Herrschaft tatsächlich zum Garten Europas geworden wäre? Die Frage ist müßig, denn die Geschichte kam anders. Im westlichen Teil des besiegten und geteilten Deutschland war 1966 das Reichsnaturschutzgesetz aus der NS-Zeit zwar weiterhin in Kraft, doch weder war von Natur- und Umweltschutz die Rede, noch ähnelte das Land einem Garten.

Und heute, noch einmal 36 Jahre später? Da gibt es immerhin einen grünen deutschen Umweltminister. Der sich noch dazu möglicher brauner Wurzeln des Natur- und Umweltschutzes bewusst ist und dazu auffordert, dessen Verstrickung in das nationalsozialistische System aufarbeiten zu lassen.

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